In Bichelsee steht ein Juwel der frühen Moderne

Das Ferienhaus über dem Bichelsee sieht wieder fast aus wie ursprünglich. Die Besitzer öffneten es für Besucher.

Dieter Langhart
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Jeder kennt dieses Haus, der schon von Bichelsee über den Rüetschberg nach Aadorf gefahren ist. Weiss leuchtet es am Südhang hervor, beinahe eingewachsen zwischen Bäumen und Sträuchern, die weiten Fenster gehen auf See und Wiesen. Allein über weiter Flur steht es, und man fragt sich, wer da wohl wohne. Niemand – es ist ein Ferienhaus und darf nicht als permanenter Wohnsitz genutzt werden: eine Bedingung bei der Baueingabe.

1932 ist es vom Winterthurer Architekten H. Burger für Zahnarzt Richard Cuony erbaut worden – und es ist einer der recht seltenen Vertreter der frühen Moderne im Thurgau. Kürzlich hiess es «hereinspaziert». An den Europäischen Tagen des Denkmals öffneten die Besitzer Tür und Tor, Korridor und Treppenhaus, die Küche und die Räume auf beiden Stockwerken. Denn jetzt erstrahlt es in wiederhergestelltem, weitgehend originalem Zustand.

Spuren der Originalfarben unter dem Täfer entdeckt

Der Andrang war gross für die drei Führungen. An Architektur Interessierte kamen ebenso wie zahlreiche Bewohner aus Bichelsee und Balterswil – und gar Nachkommen des Zahnarztes Cuony. Barfuss oder in Socken stiegen die Besucher nach oben, traten in den Schlafraum im Erdgeschoss und ins Wohnzimmer mit der grosszügigen Terrasse. Und sie staunten über die 270-Grad-Sicht.

«Mein Vater hatte damals andere Vorstellungen – er fand den Bunker eine Katastrophe."

Rechteckig geschnitten ist der halb vom Grün eingewachsene Baukörper. Erschlossen wird er von aussen durch eine markante Rundtreppe, auf die durch Glasbausteine Licht fällt. Das Haus wirkt von aussen grösser, als es innen ist. Es gehört Christina und Arthur Schudel-Frei. Ihre Eltern Hans und Heidi Frei hatten das Ferienhaus 1961 gekauft und mehrfach um- und ausgebaut; der Vater war Bauingenieur. Doch als vor einigen Jahren erneut bauliche Massnahmen fällig wurden, wollten die Schudels das Haus möglichst nah an den Originalzustand zurückbringen. «Mein Vater hatte damals andere Vorstellungen – er fand den ‹Bunker› eine ‹Katastrophe› und ‹vergemütlichte› ihn innen mit Täfer.» Judith Schudel besass noch alte Pläne und Fotos; aus ihnen liess sich der frühere Zustand weitgehend ermitteln – bis auf die Farben, damals gabs noch kaum Farbfotografie. Einige fanden sich auf den mehrmals verputzten Wänden unter den entfernten Holzverkleidungen aus den 70er-Jahren.

Engagierte Bauherrschaft ermöglicht Rekonstruktion

Der Um- und Rückbau des anspruchsvollen Objekts überstieg die Mittel der Besitzer. Mit der Unterstützung durch die Kantonale Denkmalpflege konnten sie erst rechnen, als die Gemeinde das Ferienhaus in ihren Schutzplan aufnahm.

Die Besitzer, Architekt Benjamin Widmer und Denkmalpfleger Ueli Wepfer gaben interessante ­Details des Umbaus preis. Die grossen Fensterflügel des Wohnzimmers konnten ursprünglich vor die seitlichen Fenster geklappt werden – eine Knacknuss für den Fensterbauer. Die Badewanne sei damals bodeneben eingebaut worden und habe sich mit einem Holzrost zur Dusche umfunktionieren lassen. Und existierte einst eine unterirdische Garage, wie Christina Schudel vermutet?