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Ein besonderer Gast im Nussbaumer Pfarrhaus

Das einstige Pfarrhaus in der Gemeinde Hüttwilen sucht gerade einen neuen Besitzer. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der denkmalgeschützte Bau Zufluchtsort für den deutschen Theologen Rudolf Bultmann.
Markus Schär
Die Kirchgemeinde liess das Pfarrhaus in den Jahren 1828/29 erbauen. (Bild: Andrea Stalder)

Die Kirchgemeinde liess das Pfarrhaus in den Jahren 1828/29 erbauen. (Bild: Andrea Stalder)

Derzeit bietet das frühere, von einem Frauenfelder Baumeister errichtete Pfarrhaus in Nussbaumen Gesprächsstoff, denn es soll verkauft werden. Pfarrhäuser hüten in der Regel eine interessante Geschichte und noch interessantere Geschichten, weniger wegen ihrer Besitzer – etwas mehr ihrer Bewohner, am meisten deren Gäste halber.

Pfarrer Alfred Vögeli, Gastgeber. (Bild: PD)

Pfarrer Alfred Vögeli, Gastgeber. (Bild: PD)

Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg lädt der damalige, von wissenschaftlichem Geist beseelte Dorfpfarrer Dr. h.c. Alfred Vögeli den in Marburg lehrenden Professor Rudolf Bultmann (1884 bis 1976), einen der prominentesten deutschen Neutestamentler, und seine Frau zur Erholung ins Pfarrhaus ein.

Bultmanns akademische Lehre von der Entmythologisierung biblischer Texte und deren existenzialer Interpretation findet weltweit, auch in der Schweiz, aufmerksamstes Interesse, von Zustimmung über Ablehnung bis Anfeindung. Denn Aufgabe der Theologie und der Kirche sei es, den vom mythologischen Weltbild der Bibel unabhängigen Kern der christlichen Verkündigung herauszuarbeiten.

Gefühl der Erholung stellt sich ein

Professor Rudolf Bultmann, Erholungssuchender. (Bild: PD)

Professor Rudolf Bultmann, Erholungssuchender. (Bild: PD)

Dem aussergewöhnlichen, eine eigentliche Schule begründenden Theologen und seinen benachbarten Schweizer Pfarrkollegen bietet Pfarrer Vögeli mit seiner Einladung die aussergewöhnliche Gelegenheit zur Begegnung und Weiterbildung. Der deutsche Gelehrte selbst registriert seinen Aufenthalt in Nussbaumen vom 8. bis 25. September 1950 und erinnert sich, dass sich nach Jahren der Belastung im Nazireich hier allmählich ein Gefühl der Erholung einstellt. Zuvor erholt er sich zudem während 14 Tagen im Pfarrhaus auf Burg in Stein am Rhein bei der Familie seiner früheren Doktorandin und späteren Kunsthistorikerin und Pfarrfrau Hildegard Urner-Astholz.

Geburtstagsfeier im «Hirschen» Oberstammheim

Bultmanns Geburtstag begehen sie in kleinem Freundeskreis im «Hirschen» zu Oberstammheim. Bei den Ferien in der Schweiz weiss der berühmte Gast, Erholung und geistigen Austausch mit den Gastgebern zu verbinden. Die Lektüre wichtiger Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt der Nachkriegszeit führen zu intensiven Diskussionen.

Zum Gespräch gesellen sich etwa auch die beiden Zürcher Universitätsprofessoren, der Neutestamentler Hans Conzelmann, der Zwingliexperte Gottfried W. Locher und der japanische Klassische Philologe Goro Mayeda. Lebhaft diskutiert wird auch über Martin Heideggers soeben erschienenen «Holzwege».

Theologische Seminare im Seebachtal

Zweimal reicht es in Nussbaumen sogar zu einem Seminar, an dem eine grosse Schar Pfarrer aus verschiedenen Kantonen teilnimmt. Das schlichte Pfarrhaus auf dem Lande, in dessen Gemächern man sich beim Bau nur in der Studierstube eine hübsche Gipsdecke gestattet hatte, avanciert durch seine Gäste zum begegnungsreichen und klärenden Konferenzort.

Hinweis:
Der Autor ist früherer Pfarrer aus Elgg.

Aufklärung im Neuen Testament

«Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparate benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben», schrieb Rudolf Bultmann in seinem 1941 erschienenen, umstrittene Werk «Neues Testament und Mythologie».

Der 1884 geborene evangelische Theologe lehrte als Professor ab 1921 in Marburg, wo er sich auch mit dem Philosophen Martin Heidegger auseinandersetzte, der dort zur dieser Zeit Professor war.

Bultmann schloss sich in der Zeit des Nationalsozialismus der Bekennenden Kirche an und wies in seinen Predigten auf die Widersprüche zwischen Nazi-Ideologie und christlichem Glauben hin. Offenen Widerstand übte er aber keinen aus. Bultmann verstarb 1976 in Marburg, Hessen. (red)

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