Ein gebürtiger Thurgauer steht wegen Raub am Bahnhof Wil vor Gericht – doch er bestreitet die Tat: «Ich nehme doch keine Büebli auseinander»

Prozess gegen einen 34-Jährigen vor dem Bezirksgericht in Weinfelden: Im Mai 2015 soll er mit Kollegen versucht haben, zwei Jugendliche abzuzocken. Das ist nur eine von vielen Straftaten, für die er sich verantworten muss.

Ida Sandl
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Das Bezirksgericht Weinfelden tagt im obersten Stock des Weinfelder Rathauses.

Das Bezirksgericht Weinfelden tagt im obersten Stock des Weinfelder Rathauses.

Bild: Mario Testa

«Er hat ein grosses Herz», sagt sein Verteidiger, «aber leider auch grosse Hände.» Es sind nicht nur die Hände, auch die Statur des 34-jährigen Mannes ist imposant. Typ Bodybuilder, er könnte gut als Türsteher durchgehen. Probleme, und die gibt es immer wieder in seinem Leben, löst der gebürtige Thurgauer gerne mit Körpereinsatz. Das bringt ihm reihenweise Strafverfahren ein, versuchte Erpressung, Drohung, Nötigung, mehrfache Gewalt gegen Beamte und mehr.

«Bedingte Strafen haben ihn nicht beeindruckt», sagt die Staatsanwältin.

Deshalb stand er am Donnerstag vor dem Bezirksgericht Weinfelden. Viel steht für ihn auf dem Spiel. Die Staatsanwältin beantragt eine Freiheitsstrafe von 26 Monaten, dazu eine Geldstrafe und eine Busse. Bedingte Strafen hätten ihn wenig beeindruckt, sagt sie. Das Verfahren läuft seit acht Jahren und es habe ihn nicht von weiteren Delikten abgehalten. Eine günstige Prognose könne sie ihm beim besten Willen nicht stellen.

Am schwersten wiegt der mehrfache Raub im Mai 2015 auf dem Wiler Bahnhof. Da habe sich der Beschuldigte mit einem 17-jährigen und einem 19-jährigen Kollegen Geld beschaffen wollen. Sie beschlossen, zwei Jugendliche abzuzocken. Der Plan war, die Jugendlichen zu fragen, ob sie Marihuana kaufen wollten. Statt ihnen das Gras zu geben, hätten sie ihnen Geld abgenommen. Doch die Jugendlichen wollten nichts kaufen. Die Begleiter des Beschuldigten rasteten aus und traktierten sie mit Fusstritten und Schlägen.

Die Beute des Raubes auf dem Wiler Bahnhof: 16 Franken

Der Beschuldigte bestreitet, dass er die Jugendlichen angegriffen habe.

«Ich bin nicht so gewickelt, dass ich Büebli auseinandernehme.»

Er war sicher nicht der Haupttäter, ist auch die Staatsanwältin überzeugt. Er habe aber am Plan mitgeschmiedet und einem der Jugendlichen das Handy entrissen. Damit habe er stillschweigend den Gewaltexzess geduldet. Lukrativ war der Raub nicht, einer der Jugendlichen hatte 10, der andere 6 Franken bei sich.

Er träumt von einer eigenen Firma

Mittlerweile ist der Beschuldigte verheiratet, hat zwei kleine Kinder. Er sei jetzt ein anderer Mensch, beteuerte er vor ­Gericht. Er habe einen Drogenentzug hinter sich. Das Heroin sei durch Methadon ersetzt worden, Alkohol trinke er keinen. Er mache eine Ausbildung als Spezialreiniger und träume davon, sich selbstständig zu machen.

Auf seinen Unterarm ist «Outlaw» tätowiert, was so viel heisst wie gesetzlos oder geächtet. «Ist das ihr Motto?», fragt der Vorsitzende Richter Emmanuele Romano. Mit 18 Jahren sei er stolz darauf gewesen, jetzt nichtmehr.«Dasistblöder Strassenscheiss.» Aufgewachsen ist er bei den Grosseltern und in Heimen. Jetzt interessiere ihn nur noch seine Familie.

«Wir haben es sehr schön miteinander.»

Doch er ist ein Hitzkopf, das wird ihm immer wieder zum Verhängnis. Den Nachbarn, der ihn mit Videoaufnahmen provoziert, wirft er zu Boden und hält ihn fest. «Ich habe ihn fixiert», verteidigt er sich. Einem Freund hilft er dabei, jemanden einzuschüchtern, und droht dabei mit einem Fäustel.

Während des Lockdowns nimmt er das Auto seiner Frau, um nachzusehen, ob das Fitnessstudio tatsächlich geschlossen ist. Dabei hat er keinen ­Fahrausweis und Drogen intus. Polizisten, die ihn festnehmen wollen, spuckt er ins Gesicht und beschimpft sie als «verdammte Penner», «Bullenschweine» und droht damit, er mache sie platt.

Der Verteidiger sagt: «Eine bedingte Freiheitsstrafe ist gerade noch zu rechtfertigen.»

Den Mund nimmt er öfter ganz schön voll, doch der typische Schläger ist er nicht. Wenn bei ihm Gewalt im Spiel ist, dann oft im unteren Bereich. Das bescheinigt ihm auch die Staatsanwältin. Aus Sicht des Verteidigers sei eine bedingte Freiheitsstrafe «gerade noch zu rechtfertigen». Vor allem auch wegen seiner Familie. Sechs Monate, beantragt der Verteidiger, dazu eine Geldstrafe und eine Busse.

Das Bezirksgericht hat das Urteil noch nicht gefällt.