Ein ganzes Jahrhundert in Familienbesitz: Das Schuhhaus Tiefenbacher mit der Filiale in Frauenfeld feiert seinen 100. Geburtstag

Verena Notter-Tiefenbacher stand bereits als 17-Jährige im elterlichen Schuhgeschäft in Dietikon. Zehn Jahre später kam eine Filiale in Frauenfeld hinzu. Zum 100. Geburtstag des Familienbetriebs schaut die heute 85-Jährige zurück. «Ich habe nur elegante, italienische Schuhe mit Absätzen getragen, nicht hoch, nur etwa sieben Zentimeter», sagt sie versonnen.

Christine Luley
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Ehemalige Geschäftsführerin Verena Notter-Tiefenbacher und Filialleiterin Iris Camenzind.

Ehemalige Geschäftsführerin Verena Notter-Tiefenbacher und Filialleiterin Iris Camenzind.

Bild: Reto Marin

«Tiefenbacher, 100 Jahre aus Liebe zum Schuh» lautet der Slogan auf der Einladung. Und die ist bei Verena Notter-Tiefenbacher spürbar. Sie war massgeblich am Aufbau der am 23. März 1963 eröffneten Filiale in Frauenfeld beteiligt. Sie sagt:

«Damals war ich 27 Jahre alt und hatte schon zehn Jahre im elterlichen Geschäft in Dietikon gearbeitet.»

Die 85-jährige Dame blättert in der Familiengeschichte. Berichtet, dass am heutigen Standort in Frauenfeld das langjährige Sanitätsgeschäft Custer untergebracht war. Fotos belegen den Wandel in der Altstadt. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite finden sich Geschäftsschilder der Schweizerischen Volksbank, von Mode Scherrer und Bally Rivoli. Es wird einem bewusst, dass es selten ist, dass ein Familienbetrieb auf sein hundertjähriges Bestehen zurückblicken kann.

Die zwei grossen Schaufenster an der Zürcherstrasse 163 bieten Einblick in die aktuelle Kollektion: sportliche Stiefeletten, derbe Schnürstiefel und feminine Pumps in warmen Erdtönen und Gewürzfarben. Filialleiterin Iris Camenzind sagt:

«Bei Alt und Jung sind nach wie vor Sneakers angesagt.»

Ein Blick auf die Füsse der Belegschaft bestätigt, die vier Mitarbeiterinnen und zwei Auszubildende tragen solche weissen Sportschuhe mit dezenten blauen Streifen.

Bis 1995 «Stägeli uf, Stägeli ab»

«Wir waren früher sechs Angestellte und bildeten jeweils zwei Lehrtöchter aus», verrät Verena Notter-Tiefenbacher. Man habe Wert auf elegantes Aussehen gelegt. Sie lächelt versonnen, «ich habe nur elegante, italienische Schuhe mit Absätzen getragen, nicht hoch, nur etwa sieben Zentimeter». Dabei deutet sie auf die Treppe im Erdgeschoss.

«32 Jahre, bis zum grossen Innenausbau 1995, sind wir da täglich ‹Stägeli uf, Stägeli ab›.»

Denn die Damen-, Männer- und Kinderschuhe befanden sich auf verschiedenen Etagen und das Lager im obersten Stock. «Ich glaube, es war im Finnshop in St.Gallen, da sah ich einen Glaslift, damals eine Novität und nur in grossen Geschäften anzutreffen.» Verena Notter-Tiefenbacher war begeistert, setzte sich erfolgreich bei ihrem Bruder Franz Junior für den Einbau eines solchen Beförderungsmittels ein.

Bilder aus der Zeit des Umbaus.

Bilder aus der Zeit des Umbaus.

Bild: PD

Nach der grossen Renovation des Schuhgeschäftes, bei dem das alte Haus mehr oder weniger ausgehöhlt wurde, schwebte Verena Notter ein doppelseitiges Inserat in der Thurgauer Zeitung vor. Von der Summe spricht sie nicht, aber sie hat es geschafft, sämtliche Lieferanten für einen Zustupf zu motivieren. «Man war sich freundschaftlich verbunden», sagt sie lakonisch.

Die Einladung zur Wiedereröffnung 1995 nach dem grossen Umbau.

Die Einladung zur Wiedereröffnung 1995 nach dem grossen Umbau.

Bild: PD

Durchsichtige Füsse als Attraktion

Die Kinderabteilung mit alten Eisenbahnsitzen der Rhätischen Bahn samt Gepäckträger war beliebt. Eine Attraktion war der Durchleuchtungsapparat. Durch Sichtfenster konnten Mutter, Kind und Verkäuferin einen Blick auf die geröntgten Füsse werfen. Verena Notter-Tiefenbacher erklärt:

«Der Fluoroskop kam vor allem bei Kindern zum Einsatz, denn die Schuhe sollten passen und nicht drücken.»

Anfang der 1970er-Jahre wurde man sich der Gefahren der Strahlung bewusst, und die Apparate verschwanden. Das war lange vor der Zeit von Iris Camenzind. Die 28-jährige Filialleiterin erklärt, wie man heute die optimale Schuhgrösse des Kinderfusses mit moderneren Messgeräten ermittelt.

«Die Mode ändert sich, aber die Qualität bleibt.» Davon war schon Verenas Vater Franz Tiefenbacher überzeugt. Heute zieht die im Rollstuhl sitzende Frau bequeme Schuhe vor. Aber schön müssen sie trotzdem sein und farblich auf den Schal und die Handtasche abgestimmt.

Mehr als ein halbes Jahrhundert trennen Camenzind und Notter-Tiefenbacher. Die Liebe zum Schuh verbindet die beiden Frauen. Sie sind sich einig, dass fundiertes Fachwissen, ein hochwertiges Sortiment zu fairen Preisen und langjährige Mitarbeitende den Unterschied zwischen einem Familienbetrieb und einer grossen Schuhkette ausmachen.