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Ein Drittel der Lieferanten hat gekündigt: Thurgauer Bauern flüchten vor Krise bei Milchverarbeiter Hochdorf

Meuterei bei den Thurgauer Milchrebellen: Wegen der Krise beim Innerschweizer Milchverarbeiter Hochdorf springen der Thurgauer Tochterfirma Lieferanten ab.
Silvan Meile
Aufschrift am Werk des Milchverarbeiters Hochdorf in Sulgen. (Bild: Reto Martin)

Aufschrift am Werk des Milchverarbeiters Hochdorf in Sulgen. (Bild: Reto Martin)

Die Thur Milch Ring AG erleidet einen Aderlass. Reihenweise Milchbauern sind vergangene Woche aus ihren Verträgen mit der Thurgauer Milchhandelsorganisation ausgestiegen. Geschäftsführer Urs Schwizer bestätigt entsprechende Gerüchte:

«39 Lieferanten haben den Vertrag mit uns per Ende Oktober gekündigt. Somit verbleiben in unserer Organisation noch knapp 100 Bauern.»

Die Austritte seien zunächst nicht mit den Verantwortlichen der Thur Milch Ring AG abgesprochen worden. Schwizer spricht von einer «Meuterei».

Urs Schwizer, Geschäftsführer der Thur Milch Ring AG.

Urs Schwizer, Geschäftsführer der Thur Milch Ring AG.

Zwei Initianten haben im Vorfeld ihre Berufskollegen zu Versammlungen zusammengetrommelt, um sie zum Austritt aus der Thur Milch Lieferantenvereinigung zu bewegen, wie es auf einem der Flugblätter heisst. Dahinter verbirgt sich hauptsächlich die Verunsicherung um die Zukunft des kriselnden Innerschweizer Milchverarbeiters Hochdorf, der seit diesem Jahr die Aktienmehrheit der Thur Milch Ring AG besitzt.

«Dessen Schuldenlast ist riesig», sagt einer der beiden Thurgauer Bauern, die ihre Kollegen zum Absprung anspornten. Gegenüber dieser Zeitung wollen sie anonym bleiben. Sie fühlten sich hintergangen, zu schlecht informiert. Das Fass zum Überlaufen habe die neuste Ankündigung aus Hochdorf gebracht, dass kürzlich «wieder Abzüge auf den Milchpreis» vorgenommen werden. Ausserdem ist aus ihrer Sicht ungewiss, ob Hochdorf die Rechnungen des laufenden Monats überhaupt noch begleichen könne. Die meisten der Abtrünnigen sind nun bei der Milchhandelsorganisation Mooh untergekommen.

Zusammenarbeit besiegelt, dann in der Krise versunken

Dabei hatte alles so gut begonnen. Vor knapp 20 Jahren gründeten Thurgauer Milchbauern die Thur Milch Ring AG. Sie schlossen sich zur Selbsthilfe zusammen, um ihre Milch selber zu vermarkten. Noch in Zeiten der Milchkontigentierung wollten sie einen liberalen und transparenten Markt und die Abkehr von Regulierungen. Schnell galten sie als «Freimelker» oder «Milchrebellen».

Mit diesem Geist näherte man sich dem Nahrungsmittelkonzern Hochdorf an, der auch Aktionär bei den Thurgauern wurde. Im vergangenen Jahr fiel der Entscheid, dass Hochdorf die Beteiligung von 17,65 Prozent auf 56,12 Prozent aufstockt. Weil die Thur Milch Ring als kleiner Player auf dem Markt in eine unsichere Zukunft schaute und sowieso bereits die meiste Milch an Hochdorf verkaufte, machte die Übernahme Sinn, sagt Geschäftsstellenleiter Schwizer.

Ausserdem wollte Hochdorf für sein Werk in Sulgen regelmässige Milchlieferungen sichern. Gemeinsame Pläne einer weltweiten Vermarktung von Babymilch, die vom Grashalm bis zur Dose im Thurgau hergestellt würde, entstanden und sollten einen guten Milchpreis garantieren.

Doch der Zeitpunkt für ein solches Projekt war schlecht gewählt. Denn bei Hochdorf kam der grosse Knall. Einige Chefs gingen, andere mussten gehen. Der Aktienkurs fiel in den Keller und der Schuldenberg türmte sich auf. Die Aktienmehrheit der Thur Milch Ring AG ist geblieben. Jene Hochdorf-Verantwortlichen, welche die Thurgauer Bauern für ihre eigene Babynahrung im Boot haben wollten, sind aber plötzlich nicht mehr am Ruder.

Auf der Geschäftsstelle des Thur Milch Rings in Ermatingen dominiert Unsicherheit. Das Schicksal der Organisation liegt in den Händen von Hochdorf. Derzeit sollen bei Hochdorf intensive Gespräche mit Banken laufen, um die künftige Finanzierung der Holding zu sichern. «Ich glaube daran, dass in den nächsten Tagen positive Meldungen aus Hochdorf kommen», sagt Schwizer. Nach dem Einstieg eines holländischen Hedge Fund hat sich vor einigen Wochen zumindest der Kurs der an der Börse gehandelten Hochdorf-Aktie wieder etwas erholt.

Babynahrung hält den Traum am Leben

Im Thurgau kam das Gerücht auf, Roland Werner, ehemaliger VR-Präsident und Gründer der Thur Milch Ring AG, solle sich dank eines Aktienverkaufs an Hochdorf eine goldene Nase verdient haben. Diese Behauptung räumt Schwizer sofort aus dem Weg und öffnet der «Thurgauer Zeitung» die Bücher. Darin ist ersichtlich: Werner hat keine Aktien an Hochdorf verkauft, besitzt unverändert rund 7,3 Prozent an der Thur Milch Ring AG. 48 kleinere Aktionäre der ersten Stunde bekamen hingegen die Möglichkeit, ihre Aktien (Nennwert 100 Franken) zu 275 Franken zu veräussern. «Das Interesse war riesig», sagt Schwizer.

Das Ausmass der Krise sei nicht absehbar gewesen, sagt Roland Werner, der als VR-Präsident Anfang Jahr die Verantwortung an Hochdorf übergab. «Die wollten uns.» Die Pläne mit der weltweit ersten Babynahrung, bei der alles aus einer Region mit idyllischer Landwirtschaft kommt, biete grosses Potenzial. Daran glaube er noch immer, falls Hochdorf wieder auf die Beine komme.

Gemäss Christoph Hug, Mediensprecher der Hochdorf Gruppe, ist das angedachte Thurgauer Babynahrungsprojekt noch nicht begraben. Der Thur Milch Ring bleibe als Zulieferer von Sulgen weiterhin von Bedeutung, obwohl mit den aktuellen Kündigungen von Lieferanten seine jährliche Milchmenge von 40 Millionen Kilo auf rund 27,5 Millionen schrumpft. Für das Hochdorf-Werk in Sulgen, wo pro Jahr schätzungsweise etwas mehr als 100 Millionen Tonnen Milch verarbeitet werden, dürfte das immer noch eine ernst zu nehmende Grösse sein. Wie die Organisation der heutigen AG im Thurgau künftig aussehen soll, bleibt aber ungewiss.

Ein neuer Lichtblick kommt aus dem Reich der Mitte. Wie der «Schweizer Bauer» am Montag berichtete, soll eine chinesische Delegation anfangs November für den Abschluss einer Inspektion nach Sulgen reisen. Der chinesische Markt böte der Milchbranche eine grosse Chance. Und das gibt dem Traum der Thurgauer Babynahrung wieder Hoffnung.

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