Interview

«Eigentlich habe ich nie wirklich von Hollywood geträumt»: Die Thurgauer Schauspielerin Lotti Happle im Interview

Lotti Happle arbeitet als Theaterpädagogin mit dem Theater Hora in Zürich. Am Samstag, 15. Februar, feiert das Stück «Medea, Die» in der Roten Fabrik Premiere. Im Interview spricht die Schauspielerin über Joaquin Phoenix, Zürich und Nervosität.

Lukas Belic
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Lotti Happles Traumrolle als Schauspielerin: «Eine abtrünnige, dunkle, böswillig, unsympathische, verschollene, eventuell ein wenig skurrile, einsame, leicht misanthropische Person.»

Lotti Happles Traumrolle als Schauspielerin: «Eine abtrünnige, dunkle, böswillig, unsympathische, verschollene, eventuell ein wenig skurrile, einsame, leicht misanthropische Person.»

Andrea Stalder

Bei ihrem aktuellen Projekt unterstützt Lotti Happle als Theaterpädagogin das Theater Hora aus Zürich. Eine Theatertruppe, bei der alle Schauspieler eine IV-verifizierte kognitive Beeinträchtigung haben. Die Premiere ihres Stücks «Medea, Die», angelehnt an den antiken Mythos von Medea, die ihre eigenen Kinder aus Rache an ihrem Gatten umbrachte, findet diesen Samstag in der Roten Fabrik in Zürich statt.

Träumen Sie von Hollywood?

Nein, schon lange nicht mehr, eigentlich habe ich nie wirklich von Hollywood geträumt. Wovon ich aber immer noch träume, ist eine auf mich zugeschnittene Traum-Filmrolle.

Was wäre das für eine Rolle, von der Sie träumen?

Eine abtrünnige, dunkle, böswillige, unsympathische, verschollene, eventuell ein wenig skurrile, einsame, leicht misanthropische Person. Im Grunde alles Sachen, die ich nicht bin. Ein völliges Contraire zu meinen eigenen Charaktereigenschaften. Denn es ist genau diese Herausforderung, die mich reizt, sich für so eine Figur zu verändern und sich diese zu eigen zu machen.

Zur Person

Lotti Happle (32) ist freischaffende Schauspielerin und Sprecherin. Sie wohnt derzeit in Zürich und ist im Thurgau aufgewachsen. Die Schauspielerei erlernte sie an der Hochschule der Künste in Bern. Dem nationalen Publikum ist sie bekannt aus einigen Kurz- und Kinofilmen wie zum Beispiel «Kinder der Nacht» (2017) und «Usfahrt Oerlikon» (2014) und diversen Theaterengagements. (lub)

Bei diesem Stück «Medea, Die» standen Sie nun nicht auf der Bühne, sondern fungierten hinter der Bühne. Was gefällt Ihnen besser? Die Arbeit als Theaterpädagogin oder doch die Schauspielerei?

 Mir gefällt die Kombination von beidem. Wenn ich mich jedoch entscheiden müsste, dann brennt mein Herz als Schauspielerin für «Auf-der-Bühne».

Was werden sich die Theaterbesucher nach der Vorstellung von «Medea, Die» denken?

Sie werden in die Geschichte eintauchen, eventuell wird das Interesse am Mythos der Medea geweckt. Sie werden bestimmt aufgewühlt sein und auch amüsiert, da auch lustige Passagen vorhanden sind. Das Theater hält sich auch nicht von A-Z an die Geschichte des antiken Mythos. Wir haben uns lediglich an den für uns interessanten Stellen für das Stück bedient.

Was waren denn Ihre Interessen?

Zum einen gab es da den Kindermord. Warum bringt eine Frau ihre eigenen, geliebten Kinder um? Und wie kann man das rechtfertigen? Dafür interessierten sich auch die Horas. Und dann wollen wir Medea auch als ein Symbol des Widerstands darstellen. Sie repräsentiert den Zorn der Unterdrückten und verfügt über magische Kräfte, die Furcht und Entsetzen auslösen oder für Verwirrung sorgen.

Wie haben die Horas diese Geschichte aufgenommen und wie sind sie damit umgegangen?

Sehr unterschiedlich. Es gab einige, welche die Thematik des Kindermordes sehr interessierte, andere wiederum interessierten sich für die Charaktere der Medea oder des Jason, Medeas Geliebten.

Lotti Happle im Kostümraum des Theaters Hora.

Lotti Happle im Kostümraum des Theaters Hora.

Andrea Stalder

Wie war für Sie die Arbeit mit dem Theater Hora?

Die Arbeit am Theater Hora ist für mich persönlich eine Bereicherung auf allen Ebenen. Manchmal kommt es mir vor wie in einer Art Utopie, in der andere Gesetze und Regeln herrschen. Es ist alles viel purer, ehrlicher und nicht so gekünstelt.

Was beschäftigte Sie ausserdem in letzter Zeit?

Es sind mittlerweile existenzielle Fragen, da man im Alter von 32 Jahren wichtige Entscheidungen für die Zukunft seines Leben treffen muss.

Will ich den Rest meines Lebens freischaffende Schauspielerin bleiben, oder gibt es noch andere Wege die ich einschlagen könnte und mit meinem Beruf verbinden könnte.

Was war denn Ihr bestes Erlebnis als Schauspielerin?

Der Filmdreh im Jahr 2017 zu «Kinder der Nacht» mit Kim Allamand. Dabei habe ich gelernt, wie es ist, wenn man dem Regisseur voll und ganz vertraut und dass, wenn dieses Vertrauen da ist, man mit all seinen Emotionen und seinem ganzen Herzblut in die Rolle eintauchen und Höchstleistungen erzielen kann. Und auch die gesamte Zeit am Theater Neumarkt in Zürich. «Crisi di Nervi» im Jahr 2017 war die inspirierendste Inszenierung, bei der ich jemals mitgespielt habe.

Welches sind Ihre nächsten Pläne?

Das letzte Jahr war ich vor allem in meiner Tätigkeit als Sprecherin beschäftigt. Ich nahm Hörspiele und Hörbücher auf, oder lieh meine Stimme interaktiven Ausstellungen für Museen und war teilweise auch in der Werbung tätig. Zwischenzeitlich nehme ich auch Filmprojekte war. Ab nächstem Herbst stehe ich auch wieder selber auf der Bühne mit der hiesigen Produktion des Theaters in der Roten Fabrik. Es ist allerdings noch zu früh, um bereits mehr zu erzählen. Es folgen jedoch zwei Theaterproduktionen, bei denen ich auf der Bühne stehe.

Kann man als freischaffende Schauspielerin eigentlich gut davon leben?

In den letzten fünf Jahren, seit ich aus der Schauspielschule raus bin, habe ich eigentlich immer Glück gehabt und davon leben können. Meine Tätigkeit als Sprecherin half mir über Durststrecken hinweg. Als Schauspielerin ist es oft so, dass man Phasen ohne ein Engagement hat und einem der Gedanke kommt, ob mich etwa alle vergessen haben, dann läutet aber auf einmal dauernd mein Telefon.

Wie weit würden Sie auf der Theaterbühne gehen? Was wäre Ihnen peinlich?

Grundsätzlich halte ich mich für eine sehr mutige Person. Wenn zum Beispiel eine Aktion die Nacktheit auf der Bühne oder vor der Kamera verlangt, also Narratives zu einem Charakter beiträgt, oder für diese Rolle wichtig ist, würde ich nicht davor zurückschrecken. Womit ich aber Mühe hätte – und was ich bestimmt nicht machen würde –, wäre ein Theaterprojekt oder Engagement, das gegen meine moralischen Werte geht. Wenn es eine Message vermittelt, die nicht mit meinen Werten übereinstimmt.

Was ist das Letzte, was Sie tun, bevor Sie auf eine Bühne gehen?

Eine gute Frage. Ich habe meistens grosses Lampenfieber. Dann gehe ich natürlich aufs WC und mache eine Art Klopfmeditation. Das ist, wenn man sich mit den Fingerkuppen übers Gesicht klopft, um die Nervosität zu zügeln und meinen Herzschlag runter zu bringen.

Und das wirkt?

Ich bilde mir ein, dass es hilft, denn es gibt Stücke, wo ich verdammt nervös bin. Manchmal hilft’s.

Mit welchem männlichen Schauspieler würden Sie am liebsten eine Liebesszene drehen?

Uff. Mit Joaquin Phoenix.

Wieso er und kein Jüngerer?

Keine Ahnung. Ich finde ihn faszinierend.

Nun die Frage, die mich, als Zürcher Betonkind, am meisten interessiert: Thurgau oder Zürich?

Zürich. Ich liebe den Kanton Thurgau. Ich bin gerne dort, es ist meine Heimat. Ich freue mich jedes Mal, dort zu sein, Zeit mit meiner Familie zu verbringen und Energie zu tanken. Zürich ist in meiner momentanen Lebensphase aber einfach die passendere Stadt. Es ist lebendig und alle meine Freunde leben hier. Ich liebe den See und den Fluss. Die omnipräsente Gentrifizierung in Zürich, welche nicht zu übersehen ist, lässt mich jedoch oft ratlos werden.