Ehebruch, Mord, Hinrichtung: Margaretha Rümmel aus Weinfelden wurde vor 180 Jahren mit dem Schwert enthauptet

Margaretha Rümmel war die letzte Thurgauerin, an der mit dem Schwert das Todesurteil vollstreckt wurde. Sie hatte ihren Ehemann mit Gift umgebracht, um einen anderen zu heiraten.

Sabrina Bächi
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Das Richtschwert mit dem Margaretha Rümmel enthauptet wurde. (Bild: Donato Caspari)

Das Richtschwert mit dem Margaretha Rümmel enthauptet wurde. (Bild: Donato Caspari)

Weinfelden im Frühjahr 1839: Anna Margaretha Rümmel, geborene Baumann, wohnt mit ihrem Mann Thomas Rümmel auf dem Schlipfenberg ob Weinfelden. Gerade ist ein Krankenbesuch da. Denn Ehemann Thomas geht es gar nicht gut. Starker Husten plagt ihn. Seine Füsse und Hände sind angeschwollen, an der Hüfte zeichnet sich die Ausbuchtung eines Geschwürs an. Oft muss er erbrechen – und ständig hat er Durst.

Margaretha bringt immer wieder Tee aus der Küche für den siechenden Ehemann. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt jedoch, dass den scheinbar fürsorglichen Taten der Ehefrau ein perfider Mordplan zugrunde liegt. Margaretha Rümmel will nämlich ihren 16 Jahre älteren Mann loswerden, um einen anderen zu heiraten.

Die Idee, ihren Mann zu vergiften, hatte jedoch nicht sie selbst, sondern ihr Liebhaber. Der seltsame Tod Thomas Rümmels im April 1839 lässt Gerüchte von einem Mordkomplott im Dorf nicht verebben. Schliesslich ist Margaretha Rümmel für ihren «liederlichen Lebenswandel» bekannt.

Sie zeigt sich selbst wegen einer Schwangerschaft an

Am 10. April 1802 wird Margaretha in Raperswilen geboren. In Wigoltingen erhält sie die damals übliche Schulbildung, lernt gemäss eigenen Angaben aber nie Schreiben. Mit 22 Jahren verlässt sie den elterlichen Hof und dient als Magd in Lanterswil, Mühlberg, Neumühle und Sulgen. Bereits dort zeichnet sich ab, dass Margaretha für damalige Begriffe ein gar freimütiges Mädchen ist. Denn ihr Dienstherr in Neumühle kündet ihr die Stelle, weil sie sich selbst wegen einer unehelichen Schwangerschaft anzeigt.

Eine Magd, die mit den Knechten Unzucht treibt, will niemand auf seinem Hof. Mit der Selbstanzeige – die Schwangerschaft war jedoch ein Fehlalarm – wird öffentlich, dass die junge Margaretha bereits vor der Ehe sexuelle Beziehungen zu Männern pflegt. Thomas Rümmel aus Weinfelden scheint dies jedoch nicht zu stören. Er heiratet die Magd 1831 und gemeinsam wohnen sie im Schlipfenberg.

Doch Margaretha pflegt auch nach der Hochzeit Beziehungen zu anderen Männern. Wenn ihr Gatte ausser Haus ist, nimmt sie ledige und aber auch verheiratete Männer bei sich auf. Immer wieder gibt es deshalb Streit im Hause Rümmel.

Ulrich Riser wird Freund des Hauses

Dann kommt Ulrich Riser, ebenfalls aus Weinfelden vom Straussberg, ins Spiel. Er profiliert sich schnell als Freund des Hauses. In Tat und Wahrheit pflegt er aber eine sexuelle Beziehung mit Margaretha. Auch dem Riser sagte man einen liederlichen Lebenswandel nach. Mit Geld konnte er noch nie umgehen. Zwar soll er ein «gschaffiger» gewesen sein, doch ständig den Frauen nachgestellt haben.

Das Haus Schlipfenberg heute. Hier wohnte Margaretha Rümmel mit ihrem Ehemann Thomas. (Bild: Reto Martin)

Das Haus Schlipfenberg heute. Hier wohnte Margaretha Rümmel mit ihrem Ehemann Thomas. (Bild: Reto Martin)

Mit seiner Ehefrau hatte Riser ständig Streit. Nicht einmal mehr die Kirchenvorsteherschaft – zu jener Zeit so eine Art Friedensrichter – vermochte zwischen den Eheleuten zu schlichten. Nach 16 Jahren wurde Riser von seiner Frau geschieden.

Er erhielt die Erziehungsgewalt seiner sechs Kinder, wovon das älteste bereits mit 18 im Zuchthaus landete. Risers Lebenswandel trieb die Familie in den Ruin und zwei Jahre nach der Scheidung benötigte er dringend wieder eine Frau, die ihm den Haushalt führte. Seine Mutter, die ebenfalls im Straussberg wohnte, weigerte sich nämlich, diese Aufgabe zu übernehmen. Doch einer Ehe mit Margaretha Rümmel steht deren Ehemann im Weg.

Wie aus den Verhörprotokollen hervorgeht, kam die Idee mit dem Giftmord von Riser. Er verspricht Margaretha auch, sie nach dem Tod des Ehemanns zur Frau zu nehmen. Der Mordplan war nun also geschmiedet.

Gift in Weinfelder Apotheke gekauft

Mit Giften wollten sie das Leben Thomas Rümmels verwirken. Riser kauft in Konstanz Kobalt, Grünspan und Fliegengift. Perfid: Meist bezahlt Margaretha Rümmel das Gift mit dem Geld ihres Gatten. Oft kauft sich Margaretha das Gift in der Brennerschen Apotheke im Weinfelder Dorfkern.

Sie verabreicht ihrem Gatten die Gifte von Oktober 1838 bis zu seinem Tod im April 1839. Sie mischt sie in den Kaffee, ins weisse Rübenmus, in die Suppe, ins Hafermus oder den Tee. Je mehr Gift Thomas in seinem Körper hat, desto durstiger wird er.

Als Rümmel stirbt, ist es die Kirchenvorsteherschaft, die Margaretha und Ulrich Riser anzeigt. Die Gerüchte um eine Liebschaft zwischen ihnen, das liederliche Leben beider und der seltsame Tod des Gatten sind für die Weinfelder Kirchvorsteher Grund genug, ganz genau hinzuschauen.

Aus den Verhörprotokollen geht hervor, dass Margaretha Rümmel den Mord zunächst abstreitet. Ein medizinisches Gutachten hält zudem fest, Thomas Rümmel sei nicht an einer Vergiftung, sondern an einer «hektischen Krankheit» gestorben. Erst in einer Spezialuntersuchung gesteht Margaretha schliesslich, mit ihrem Liebhaber dem Ehemann etwas verabreicht zu haben, «dass er nicht mehr so lange lebe».

Ein weiteres medizinisches Gutachten stellt nun zweifelsfrei klar: Rümmel starb durch das Fliegengift, das ihm über sieben Monate verabreicht wurde.

Rümmel ist die Hauptschuldige

Die Verwandten und Bekannten lassen kein gutes Haar an den beiden Angeklagten. Risers Mutter behauptet sogar, er habe sie auch vergiften wollen. In einem Spezialverhör gesteht Riser den Mordversuch an seiner Mutter. Er hat ihr das Gift Vitriol in den Kaffee gemischt. Da die Milch jedoch brach, trank die Mutter den Kaffee nicht. Das Obergericht des Kantons Thurgau beurteilt beide Angeklagten gleichermassen für schuldig.

Im Gerichtssaal im Schloss Frauenfeld wurden Margaretha Rümmel und Ulrich Riser zum Tode verurteilt. (Bild: Donato Caspari)

Im Gerichtssaal im Schloss Frauenfeld wurden Margaretha Rümmel und Ulrich Riser zum Tode verurteilt. (Bild: Donato Caspari)

Riser gilt als Anstifter. Er gesteht, öfters bei der Verabreichung des Giftes anwesend gewesen zu sein. Er soll Margaretha sogar Tipps gegeben haben, wie sie das Gift unbemerkt in die Lebensmittel mischen könne. Als hauptschuldig erachtet das Gericht Margaretha Rümmel. Als besonders verwerflich rügt das Gericht die Mörderin, dass sie ihren Gatten vergiftet hat, dem sie Treue geschworen und der ihr vertraut hat. In der Gerichtsstube im Schloss Frauenfeld werden die beiden Giftmörder zum Tod durch Enthauptung verurteilt.

Das Todesurteil wird am 21. November 1839 vollstreckt. Die Weinfelderin Margaretha Rümmel ist die letzte Person im Thurgau, die durch Enthauptung mit dem Schwert hingerichtet wird. Im Thurgauer Staatsarchiv sind mehrere Dutzend Seiten zu den Verhandlungen über den Mordfall Thomas Rümmel erhalten geblieben.

Protokollauszug aus Anklageschrift vom Thurgauer Obergericht. (Bild: PD/Staatsarchiv TG, 6-10-4)

Protokollauszug aus Anklageschrift vom Thurgauer Obergericht. (Bild: PD/Staatsarchiv TG, 6-10-4)

Die Geständnisse und Mordmotive sowie der Lebenswandel stehen dort beschrieben. Ebenfalls erhalten blieb eine Stand-Rede vom Weinfelder Pfarrer Johann Kaspar Denzler, der nach der Hinrichtung über das Unglück klagt, die Wollust als schreckliche Sünde anprangert und um Gnade für die beiden Straftäter bittet. Was er von den Gräueltaten der beiden Weinfelder hält, sagt er deutlich: «So trieben denn die Bedauernswürdigen einen anhaltenden, schändlichen Ehebruch und bereiteten einem Arglosen, der nichts ahnte, einen langsamen, qualvollen Tod. So hat der Gelust Sünde geboren, grausenvolle Entartung.» Und weiter sagt Denzler:

«Oh, wer bebt nicht bei dieser Schilderung! Der Boden, auf dem ich stehe, hat soeben Verbrecher-Blut getrunken. Eine in unserem Lande so zu sagen unerhörte, eine entsetzliche Missetat hat die beiden Unglücklichen, deren Blut vor unsern Augen in die Lüfte emporspritzte, in schmachvollen Tod geführt.»

Quellen: Material aus dem Bürgerarchiv Weinfelden und dem Staatsarchiv des Kantons Thurgau.

Ein zweischneidiges Schwert

Im Gerichtssaal im historischen Museum ist es zu bestaunen: das Richtschwert. Die Klinge ist 73,2 Zentimeter lang und 5,2 Zentimeter breit. Insgesamt hat das im Foto oben abgebildete Schwert eine Länge von fast einem Meter. Gemäss Unterlagen des historischen Museums stammt das Schwert aus dem 17. Jahrhundert. Es muss also über 200 Jahre in Gebrauch gewesen sein. Ulrich Riser und Margaretha Rümmel waren die letzten Personen, die mit diesem Schwert hingerichtet wurden.

Das Thurgauer Richtschwert ist ein relativ schmuckloser Gegenstand. Nur im Nietbereich hat es ein einfaches ornamentales Dekor. Der vierkantige Holzgriff mit Eisenzwinge und kupferner Drahtwicklung, die defekt und unvollständig ist, hat einen kugeligen Knauf mit konischem Ansatz. Dass es ein Richtschwert ist, lässt sich am geraden Ende des Schwertes erkennen. Untersuchungen von Richtschwertern aus Deutschland ergaben, dass die meisten Richtschwerter einen gerundeten oder eckigen Abschluss der Klinge besitzen. Als spezieller Schwerttyp entwickelte sich das Richtschwert jedoch erst im 2. Viertel des 16. Jahrhunderts. In Deutschland lässt sich das Schwert als Arbeitsinstrument eines Richters erstmals 1540 nachweisen.

Oftmals gibt es auch einen Mittelhohlschliff, eine sogenannte Blutrinne. In regelmässigen Abständen, vor allem aber nach Hinrichtungen, musste das Schwert gefegt, also geputzt werden. Johann Näher: der Scharfrichter von Frauenfeld Die Ausübung der Enthauptung durch das Schwert erforderte einiges an Geschick. Immer wieder kam es vor, dass der Scharfrichter den Kopf nicht mit dem ersten Hiebe abtrennen konnte. Gemäss Unterlagen gehörte das Schwert dem Scharfrichter Schmid aus Illighausen.

Der letzte Scharfrichter im Thurgau war jedoch Johann Näher, der von 1765 bis 1843 lebte. Er richtete zwischen 1797 und 1839 insgesamt 19 Menschen mit dem Schwert zu Tode. Der Beruf des Scharfrichters wurde meist in den Familien weitergegeben. Das Geschlecht der Näher ist mehrfach urkundlich als Scharfrichter aufgeführt. So kamen sie zwischen 1599 und 1851 in Diessenhofen, Schaffhausen, Chur, Ulm, Stuttgart, oder Frauenfeld als Scharfrichter vor. Oftmals besassen die Scharfrichter auch medizinische Kenntnisse, verkauften Arzneien oder behandelten Menschen. (sba)