Oberwangen hat ausgetanzt, aber die Hinterthurgauer Beizenfasnacht lebt

Aus der Hinterthurgauer Beizenfasnacht haben sich traditionelle Akteure verabschiedet. So hat sich dieses Kulturgut nun verändert – und vor allem verlagert.

Christoph Heer
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Orient im Eschliker «Bahnhöfli»: Natalia, Edi und Lidia.

Orient im Eschliker «Bahnhöfli»: Natalia, Edi und Lidia.

(Bild: Christoph Heer)

Sie ist nicht totzukriegen, die Hinterthurgauer Beizenfasnacht. Während Dekorationsklassiker wie der «Sonnenhof» in Oberwangen verschwinden, springen andere Restaurants in die Bresche. Die Gemeinde Fischingen war einst die Fasnachtshochburg schlechthin, doch dieser Titel gehört mittlerweile der Gemeinde Münchwilen.

Im Hinterthurgauer Bezirkshauptort hat der Fasnächtler gar die Qual der Wahl. Denn hat sich klammheimlich zur Hochburg gemausert. Aktuell sind vier Beizen voll dekoriert und haben auch bereits erfolgreiche Fasnachtstage hinter sich.

Rolf, Silvia (mit Hund Jacky) und Melanie Strebel mit DJ Teak im «Dartloch».

Rolf, Silvia (mit Hund Jacky) und Melanie Strebel mit DJ Teak im «Dartloch».

(Bild: Christoph Heer)

Das «Lime» mit «Himmel und Hölle» in ihrem Fasnachtszelt und der «Sternen» mit «Karneval Brazil» sind seit je her bekannte Treffpunkte an der mehrwöchigen Fasnachtssause. Seit sechs Jahren dekoriert aber auch das «Dartloch» in St.Margarethen – und das mit riesigem Aufwand und stets kundenfreundlichen Mottos. «Ich bin im Dartloch – Holt mich hier raus», hält, was es verspricht.

Schon diesen Freitag stehen nämlich Dschungelprüfungen an und nur wer Mut hat, stellt sich diesen. Silvia und Rolf Strebel mit Tochter Melanie sorgen in Zusammenarbeit mit verschiedenen DJs und weiterem Servierpersonal für Fasnachtsstimmung. «Wer gute Stimmung, Heiterkeit und Party will, der ist bei uns am richtigen Ort», rühren die Strebels die Werbetrommel. «Zudem kann man zwischendurch auch eine Runde Darts spielen oder man fügt sich in die Polonaise ein.» Immer von Donnerstag bis Sonntag «gehe die Post ab», ein Besuch lohne sich allemal. Man merkt, hier sind Vollblutbeizer am Werk. So betonen die drei, dass man entweder richtig dekoriert, oder gar nicht. Das «Dartloch» kann denn auch von sich behaupten, die flächenmässig grösste Dekoration der Region zu haben.

«Corner Bar» setzt auf Sexyness

Sheila, Wirtin Gabriela, Bella und Sevi (vorne) in der Münchwiler «Corner Bar».

Sheila, Wirtin Gabriela, Bella und Sevi (vorne) in der Münchwiler «Corner Bar».

(Bild: Christoph Heer)

Während man sich im Dartloch auf die Dschungelprüfungen vorbereitet, tanzen die Mäuse in der «Corner Bar». Body-Shots, Table Dance, Poledance, eine Gefängniszelle und Cocktails stehen hier unter dem Motto «Wilder als im Traum». Für heisse Träume bei ihren Gästen setzen Chefin Gabriela mit Sheila, Bella und Sevi vorwiegend auf viel Sexappeal. Aber nicht nur: Die Dekoration haben sie eigenhändig aufgebaut.

Dass die Gemeinde Münchwilen zum Epizentrum der Beizenfasnacht geworden ist, hängt – auch – mit dem Abriss der Oberwangener «Old Ranch Bar» zusammen (siehe Kasten rechts). Zudem wurde in diesem Jahr, nach langer Zeit, der «Sonnenhof» nicht mehr dekoriert – zwei feste Fasnachtsgrössen sind weg. Paroli bietet den Münchwilern indes noch Sirnach. Im «Wood» und im «Remy» kommen die Fasnächtler ebenfalls auf ihre Kosten.

Weiter nach mehreren Wirtewechseln

Und dann wäre da noch das Eschliker «Bahnhöfli». «1001 Nacht», heisst es hier, in der Beiz, welche in den vergangenen Jahren mehrere Wirtewechsel durchlebt hat. Eine eindrückliche Dekoration und ägyptische Schönheiten umgarnen den Besucher. Knackige Würstli fehlen ebenso wenig wie die altbekannten Shots, das serviert von Kleopatra alias Natalia, Lidia und Chefwirt Edi.

In diesen Restaurants werden natürlich auch wieder Guggenmusiken zu Besuch sein, ansonsten sind es namhafte DJs aus der Umgebung, die für Stimmung sorgen. Es scheint also tatsächlich so, als hätte sich die Beizenfasnacht etwas aufgefangen und sich lediglich vom südlichen Teil des Hinterthurgaus etwas nach Norden verschoben.

Das Areal der einstigen «Old Ranch Bar» in Oberwangen ist derzeit eine Baustelle.

Das Areal der einstigen «Old Ranch Bar» in Oberwangen ist derzeit eine Baustelle.

(Bild: Roman Scherrer)

Schluss nach 50 Jahren

Für Fasnächtler aus der ganzen Region war sie geradezu ein Anziehungspunkt. Während 50 Jahren war die «Old Ranch» in Oberwangen ein gut besuchtes Bar- und Tanzlokal. Traditionell lockte sie jeweils während der närrischen Zeit mit einer Dekoration zu einem bestimmten Motto. Mit dem nahe gelegenen und bisher ebenfalls dekorierten «Sonnenhof» trugen die Betreiber «Old Ranch» dazu bei, dass Oberwangen zu einem beliebten Ziel für Freunde der Beizenfasnacht wurde.

Nach einem halben Jahrhundert war 2019 aber Schluss. Im Juni lud Geschäftsführerin Vreni Räbsamen zur «Austrinkete». Heute befindet sich an der Oberwanger Dorfstrasse, wo die «Old Ranch» stand, eine Baustelle. Vom einstigen Lokal ist hingegen nichts mehr zu sehen; die Eigentümer haben das Gebäude zurückbauen lassen. An dessen Stelle entsteht nun ein Mehrfamilienhaus mit insgesamt 14 Wohnungen. (rsc)

In Münchwilen lebt die Beizenfasnacht wieder auf

Seit vergangenem Wochenende läuft im Hinterthurgau wieder die berühmt-berüchtigte Beizenfasnacht. Nachdem es in den vergangenen Jahren stets weniger dekorierte Beizen gab, stellen sich nun Restaurants, wie etwa das «Lime» in Münchwilen, dem Abwärtstrend entgegen.
Christoph Heer