Dozent der PH Thurgau: «Das ‹Haus› bei Hausaufgaben wird überflüssig»

Damian Miller, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Thurgau, ist nicht überrascht, dass Schüler auch ohne Hausaufgaben gleich gute Leistungen bringen. Künftig werden Schüler vermehrt in der Schule Aufgaben selbstständig lösen müssen, sagt er.

Larissa Flammer
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Ein Mädchen büffelt über ihren Hausaufgaben. (Bild: Urs Bucher)

Ein Mädchen büffelt über ihren Hausaufgaben. (Bild: Urs Bucher)

Seit zwei Jahren müssen die Unterstufenschüler im Arboner Stacherholz keine Hausaufgaben mehr machen. Die Verantwortlichen zogen vergangene Woche eine positive Bilanz: Die Leistung der Schüler wurde nicht schlechter. Für Damian Miller, Dozent und Leiter des Fachbereichs Bildungs- und Sozialwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Thurgau (PHTG), ist dieses Ergebnis nicht überraschend.

Damian Miller, was lernen Studierende an der PH Thurgau über Hausaufgaben?

Damian Miller, Dozent PH Thurgau. (Bild: PD)

Damian Miller, Dozent PH Thurgau. (Bild: PD)

Entscheidend ist, dass sie ein Teil des Unterrichts sind. Hausaufgaben unterliegen den gleichen Qualitätsprinzipien – wie Unterricht ohne eine Lehrperson. Wenn man also einfach sagt «Macht das zu Hause fertig», stellt sich die Frage, welche Lerneffizienz das bringt.

Wie sollten Hausaufgaben denn gestaltet sein, damit sie etwas nützen?

Sie sollten verständlich, gut nachvollziehbar und ohne Hilfe machbar sein.

Ist das realistisch?

Beim Können der Schülerinnen und Schüler gibt es eine grosse Bandbreite, deshalb ist es zumindest schwierig. Es gehört jedoch zur Schule, dass nicht alle die Aufgaben gleich gut lösen können. Darauf reagieren Lehrpersonen in der Regel mit individuellen Anpassungen.

Was ist bei Aufgaben nach dem Unterricht noch wichtig?

Es entspricht internationalen Erfahrungen, wie zum Beispiel der Hattie-Studie, dass Hausaufgaben der Schulstufe angepasst sein müssen und didaktisch in den Unterricht eingebettet sein sollten. Man geht davon aus, dass Hausaufgaben dann eine mittlere Effektstärke haben.

Von daher überrascht mich die Erfahrung im Stacherholz nicht, dass die Leistungen der Schüler nicht schlechter wurden.

Hat die PH Thurgau das Projekt im Arboner Stacherholz begleitet?

Dafür haben wir keinen Auftrag erhalten. Die Schule wurde durch ein im Bildungswesen tätiges Beratungsunternehmen begleitet. Ich habe mich aber mit dem Schulleiter Marco Roduner darüber unterhalten.

Was ist bei der Menge an Hausaufgaben zu beachten?

Je älter die Schüler sind, desto effizienter können sie Hausaufgaben erledigen – solange sie nicht ewig dran sitzen müssen. Deshalb gilt: Lieber öfter wenig und intensiv anstatt selten viel und seicht. Ausserdem ist ein schnelles Feedback auf die gelösten Aufgaben sehr wichtig.

Glauben Sie, dass künftig mehr Schulen auf Hausaufgaben verzichten werden?

Durch die Entwicklung neuer Schulstrukturen wie Lernräumen und Tagesstrukturen wird das «Haus» bei Hausaufgaben nach und nach überflüssig. Es geht um Aufgaben, die das Lernen unterstützen. Ich glaube, es wird in die Richtung gehen, dass künftig in mehr Schulen nach dem Unterricht betreut noch Aufgaben gelöst werden. Dazu hat auch der Schweizer Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer schon ein Positionspapier herausgegeben.

In Arbon haben einige Eltern moniert, dass sie nun nicht mehr wissen, was ihr Kind in der Schule macht. Was sagen Sie dazu?

Das darf nicht aneinander gekoppelt werden.

Die Kommunikation darüber, was in der Schule läuft, darf nicht über die Hausaufgaben laufen.

Da gibt es andere Formen, um Transparenz zu schaffen: Elternabende, ein Kontaktheft oder ein Blog auf der Schulwebsite zum Beispiel. Ausserdem kenne ich viele Kinder, die ihre Hausaufgaben schnell auf dem Pausenplatz erledigen. Deren Eltern haben auf diesem Weg also auch keinen Einblick. Heute muss ja sowieso fast jede Prüfung unterschrieben werden. Über den Leistungsstand ihrer Kinder können die Eltern also Bescheid wissen.

In Arbon geht es auch ohne Ufzgi

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