«Die Wochenenden sind einsam und ohne Inhalt»: Wie die Thurgauer Leichtathletin Andrina Hodel bei ihrem USA-Aufenthalt gefordert wird

Stabspringerin Andrina Hodel studiert seit gut zwei Monaten in den USA. Die 20-jährige Homburgerin wollte sich in Übersee eigentlich sportlich und als Person weiterentwickeln. Doch nicht zuletzt Corona macht vieles anders, als sie sich es ausgemalt hat.

Jörg Greb
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Andrina Hodel will von ihrem Aufenthalt in Oklahoma sportlich und persönlich profitieren.

Andrina Hodel will von ihrem Aufenthalt in Oklahoma sportlich und persönlich profitieren.

Bild: Michel Canonica (St.Gallen, 16. Februar 2020)

Horizonterweiternd stellte sich Andrina Hodel ihren USA-Abstecher an die Universität von Oklahoma vor. Das Schweizer Stabsprungtalent wollte sportlich und persönlich profitieren und zu einer einzigartigen Erfahrung kommen. Nach der starken Leichtathletiksaison 2020, dem U23-Meistertitel und einer neuen persönlichen Best­höhe von 4,40 m, verabschiedete sie sich nach Übersee. Im Wissen, dass nur Rekordhalterin Nicole Büchler und die internationale Goldmedaillengewinnerin und aktuelle Schweizer Meisterin Angelica Moser in der Schweiz je bessere Höhen meisterten.

Schneller und schlimmer erfasst aber hat sie das weltumklammernde Covid-19-Thema – schlimmer als befürchtet. «Corona macht’s schwierig», sagt sie jetzt. Zwar kann Hodel sich ihren Schwerpunkten widmen. Die vier Studienfächer Englisch, Mathematik, Psychologie und öffentliches Gesundheitswesen belegt sie quasi als Nebenbeschäftigung. Der Sport steht im Zentrum und absorbiert viele Stunden. Aber das Ganze spielt sich wegen Corona deutlich anders ab, als sie es sich vorgestellt hat. Vor allem bieten sich für die junge Athletin kaum Möglichkeiten für persönliche Kontakte, zum Eintauchen ins US-Studenten- und -Sportlerleben.

Maximal drei Athleten trainieren zusammen

Die Vorlesungen erfolgen ausschliesslich online. Die Trainings sind zwar real, aber unter strengen Sicherheitsmassnahmen und in sehr kleinem Kreis. «Wir sind eine Gruppe von sieben Stabspringerinnen und Stabspringern. Die Trainingsgruppen bestehen grösstenteils aber lediglich aus drei Athleten. Darüber hinaus beschränken sich die Kontakte quasi auf die WG- und Trainingspartnerinnen. Sie sagt:

«Das Leben ist ziemlich einsam so.»

Mitunter bedrückt dies zunehmend. Weil sich die Sportanlagen in Gehdistanz zu ihrer Studentenwohnung befindet, ist der Radius der Bewegungen arg limitiert. Der Umgang mit dieser Situation bereitet Hodel Mühe. Obschon sie es mit ihren Mitbewohnerinnen guthat, vermisst sie die Familie, die Freunde, die persönlicheren Kontakte. «Vor allem die Wochenenden sind einsam und ohne Inhalt», sagt sie. Die Balance fehlt.

Auch aus sportlicher Sicht sieht sich Andrina Hodel herausgefordert. «Ich wusste, dass viel Neues auf mich zukommt, und ich habe versucht, mich positiv darauf einzustellen.» Etwa an eine andere Trainingsphilosophie als unter ihrem langjährigen Schweizer Trainer Patrick Schütz. Oder auf einen anderen Aufbau. Dennoch fühlte sie sich überrascht: «Wir haben hier viel mehr Einheiten, als ich es gewohnt bin», sagt sie. Acht sind es aufgeteilt auf fünf Wochentage – frei sind lediglich Donnerstag und Sonntag.

Mehr Trainingszeit und höhere Trainingsintensität summieren sich dennoch nicht. «Unsere Einheiten hier sind kürzer», sagt Hodel. Und in einem Bereich muss sie besonders stark zurückstecken: «Ich bin eine, die gerne viele Sprünge springt, immer und immer wieder Anlauf nimmt, an Details feilt.» Das fehle aktuell. Aber, so streicht sie hervor:

«Ich kann inzwischen Fragen stellen, auch wenn das sonst niemand tut. Und der Trainer fragt mich ab und zu, wie ich dies und das finde.»

Dieser Austausch ist wichtig für Hodel: Sie will wissen, wozu sie was tut, was es bringt.

Eine vorzeitige Rückkehr schliesst Hodel nicht mehr aus

Durch die besonderen Umstände hinterfragt Hodel die Zukunft ihres Auslandaufenthalts. Ursprünglich war er auf drei Monate fixiert, angedacht aber für ein Jahr. Bald stehen einige Tage «Thanksgiving Break» an. Das bedeutet für die Schweizerin noch mehr Alleinsein. Deshalb hat sie beschlossen, am Sonntag vorerst heimzukehren. Eine Frage will sie dann in Ruhe zu Hause beantworten: «Breche ich das Ganze vorzeitig ab oder gönne ich mir einen Monat Ferien und kehre dann nach Oklahoma zurück?» Keine einfache Entscheidung für Hodel. «Es würde mich riesig reizen, in den USA Hallenwettkämpfe zu bestreiten.» Die Anschlussfrage aber lautet: Ist das in der aktuellen Coronasituation realistisch?