Haben alle Thurgauer Schüler im Lockdown gleich viel gelernt? «Die Unterschiede liegen doch auf der Hand», sagt eine SP-Kantonsrätin

Der Lockdown habe Schüler benachteiligt, sagt eine SP-Kantonsrätin Marianne Sax. Der Kanton Thurgau sieht aber keinen Handlungsbedarf und will nichts von einem Sonderprogramm wissen.

Silvan Meile
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SP-Kantonsrätin Marianne Sax.

SP-Kantonsrätin Marianne Sax.

Bild: Andrea Stalder

Der Fernunterricht während des Lockdowns habe die Leistungsunterschiede zwischen den Schülern nicht verschärft. Zumindest seien keine entsprechenden wissenschaftlichen Untersuchungen bekannt. Das schreibt die Thurgauer Regierung auf eine Anfrage der Frauenfelder SP-Kantonsrätin Marianne Sax.

Deshalb sieht der Kanton auch keinen Handlungsbedarf. Ein spezielles kantonales Förderprogramm, um allfällige Lernrückstände aufholen zu können, die sich Schüler während des Fernunterrichts einhandelten, brauche es nicht.

Der Lehrerverband widerspricht dem Kanton

Marianne Sax ist enttäuscht. Ihre Anfrage werde einfach mit dem Hinweis, es gebe keine Studie, abgekanzelt.

«Das ist doch ein Witz.»

Es liege auf der Hand, dass während des Fernunterrichts nicht alle Thurgauer Schüler die gleichen Voraussetzungen hatten, den Schulstoff zu lernen. Es gebe beispielsweise Eltern, die ihren Kindern bei den Aufgaben nicht helfen konnten, weil sie kein Deutsch sprechen oder schlicht selber mit der speziellen Coronasituation überfordert waren.

Das sieht auch der Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer so. Während des Fernunterrichts hätten sich die Leistungsunterschiede zwischen bildungsfernen und bildungsnahen Schülerinnen und Schülern weiter verschärft, schrieb der Verband Mitte August in einer Medienmitteilung.

«Im neuen Schuljahr ist der Fokus auf diejenigen Schülerinnen und Schüler zu richten, bei denen sich während des Lockdowns Lernlücken ergeben haben.»

Der Verband fordert «zusätzliche Ressourcen zur Betreuung».

Der Thurgau will kein Sonderprogramm

Im Thurgau verhallt diese Forderung. «Auch ohne gesicherte Kenntnisse zu den Leistungsunterschieden ist eine angemessene Förderung von Schülerinnen und Schülern aus fremdsprachigen Familien gesichert», schreibt der Regierungsrat in der Antwort auf die Anfrage von Marianne Sax. «Diese bereits vor Corona erhöhten Anstrengungen können im Einzelfall verstärkt werden, wenn sich konkrete Leistungsdefizite zeigen.»

Das sei innerhalb der regulären Strukturen möglich. Ausserdem sei der Vorteil des neuen Lehrplans, dass die Beurteilung der Kompetenzen des Kindes weiter gefasst sei als die blosse Überprüfung der Erreichung eines einfachen Jahreslernziels.

Ein weiterer Vorstoss könnte folgen

Zum Thema Leistungsunterschiede während der Lockdown-Phase sei zwar eine Erhebung der Pädagogischen Hochschule Zug bekannt, räumt der Thurgauer Regierungsrat ein. Diese beruhe aber auf einer nicht repräsentativen Umfrage, fügt er hinzu.

Ausserdem gebe es auch noch ganz andere Meinungen: «Demgegenüber zirkulieren auch bildungswissenschaftliche Überlegungen, wonach der Lockdown eher zu einer Benachteiligung guter Schülerinnen und Schüler geführt haben könnte, da diese gemeinhin überdurchschnittlich vom Regelunterricht profitieren.»

Marianne Sax weiss noch nicht, ob sie das so stehen lassen wird. Sie behalte sich einen weiteren Vorstoss zu diesem Thema im Thurgauer Parlament vor.