Die unglaubliche Reise eines Skorpions in den Thurgau

Der Fund eines Skorpions im Thurgau gibt Rätsel auf: Wie ist dieses Tier in die Ostschweiz gelangt? Handelt es sich um einen Klimawanderer, oder kam es als blinder Passagier mit dem Güterzug in den Thurgau?

Sebastian Keller
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Der Skorpion wird für die Aufnahme in die Sammlung des Naturmuseums Thurgau vorbereitet. (Bild: PD/ Eliane Huber, Naturmuseum Thurgau)

Der Skorpion wird für die Aufnahme in die Sammlung des Naturmuseums Thurgau vorbereitet. (Bild: PD/ Eliane Huber, Naturmuseum Thurgau)

Das kommt nicht alle Tage vor. Ein Besucher betritt mit einem seltenen Fund das Naturmuseum Thurgau in Frauenfeld. Er präsentiert den Museumsmitarbeitenden ein Tier. Ein lebendes, das einem Skorpion ähnelt. Diese Geschichte ist im neusten Newsletter von «Thurgau Wissenschaft» nachzulesen. Gewisse Skorpionarten sind sehr giftig, weshalb er zwecks Bestimmung getötet werden muss.

«Um ihn sauber zu bestimmen, und die Gefahr für den Menschen auszuschliessen, war die Tötung unumgänglich», sagt Hannes Geisser, Direktor des Naturmuseums Thurgau. Das Tier hätte ohnehin nicht mehr lange gelebt. «Skorpione sind wärmeliebend.» Ob er hier in einem frostsicheren Versteck überwintern kann, sei mehr als fraglich.

Die postmortale Bestimmung fördert zutage: Es handelt sich um einen Euscorpius italicus, einen Italienskorpion. Wie der Name vermuten lässt, ist dieser Skorpion in den südlichen Gefilden heimisch. «In der Schweiz kommt diese Art primär im Tessin vor», sagt der Museumsdirektor. Beim neuen Fund handelt es sich erst um den zweiten Nachweis eines Italienskorpions auf Thurgauer Boden. Mehrere Funde sind in Zürich dokumentiert. Hannes Geisser sagt:

«Wie der Skorpion in den Thurgau gekommen ist, bleibt aber ein Rätsel.»

Als blinder Passagier

«Über den Gotthard ist er sicher nicht gelaufen», hält Geisser weiter fest. Skorpione seien nicht so mobil wie Vögel. Denkbar ist, dass der Italienskorpion als blinder Passagiere in einem Güterwagen in den Thurgau gereist ist. «Auch andere Tierarten haben sich schon zwischen Kisten und Verpackungsmaterial versteckt», weiss Geisser. Eine Tatsache nährt diese Version: Der Skorpion wurde nahe der Bahnlinie Zürich-Romanshorn gefunden. «Im Grossraum Frauenfeld», konkretisiert Geisser.

Oder ist der Skorpion ein Klimawanderer? Ein Tier, das aufgrund der Erderwärmung seinen Lebensraum in den Norden ausdehnt? «In diesem Fall glaube ich das eher nicht», sagt Biologe Geisser. Denn: Der Skorpion ist nicht flugfähig. Die Klimawanderung von Flora und Fauna ist dennoch Realität. Aber weniger von Süden nach Norden als vielmehr von Westen nach Osten. So nehmen trockenheits- und wärmeliebende Pflanzen- und Tierarten tendenziell zu und weiten ihr Verbreitungsareal aus, heisst es im Newsletter «Thurgau Wissenschaft».

Auch der Mensch hat seine Hände im Spiel. Durch den globalen Personen- und Warenverkehr werden heute mehr Arten verschleppt als je zuvor. Manche können sich dank der Klimaerwärmung auch im Thurgau verbreiten. Dies bestätigt das Biodiversitätsmonitoring Schweiz und das aktuelle Biodiversitätsmonitoring Thurgau.

Der Kurzschwänzige Bläuling

Als Beispiel für einen einheimischen Klimawanderer nennt Hannes Geisser einen Schmetterling. Der Basler Matthias Plattner dokumentiert diesen Fall in einer demnächst erscheinenden Publikation. Der Biologe schreibt:

«Eine rasche Ausbreitung in kürzester Zeit gelangt dem Kurzschwänzigen Bläuling.»

Von dieser Tagfalterart gab es bei Beginn der Erhebungen lediglich einen alten Fundnachweis aus dem Jahr 1972 bei Kreuzlingen.

Erst Jahrzehnte später, 2010, gelang der Erstnachweis. Zwischen 2013 und 2017 konnte diese Art bereits in mehr als der Hälfte aller Untersuchungsflächen im Thurgau nachgewiesen werden. Plattner schreibt:

«Aufgrund ihrer Ökologie liegt der Verdacht nahe, dass die Art zu den Klimagewinnern gehört.»

Sie sei bis zu Beginn dieses Jahrtausends sehr selten gewesen und kam nur in den wärmsten Gebieten im Süden und Westen der Schweiz vor. Ab dem Hitzesommer 2003 begann ihre Ausbreitung nach Nordwesten. Der Hitzesommer 2018 dürfte seine Verbreitung weiter begünstigt haben.

Und der Italienskorpion? Er wird als Belegexemplar in die Sammlung des Naturmuseums aufgenommen. Die Funddaten werden der zuständigen Stelle gemeldet. Er wird als erst zweiter seiner Art in die Geschichte eingehen, der den Thurgau offiziell betreten hat.