Die Thurgauer Wildschwein-Formel

Zwei Wissenschafter haben ein Modell entwickelt, um den zunehmenden Wildschweinbestand zu bestimmen.

Judith Schuck
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Ein Wildschwein überquert einen Waldweg.

Ein Wildschwein überquert einen Waldweg.

Bild: Michael Migos/fotolia

Der Klimawandel könnte mit ein Faktor dafür sein, weswegen die Wildschweinpopulationen seit den 1990er Jahren in Europa rasant wachsen. Der Thurgau mit seinen Mischwäldern und Landwirtschaftsflächen bietet den idealen Lebensraum für die bei uns grösste wildlebende Säugetierart.

Die beiden Wissenschafter Hannes Geisser vom Naturmuseum Thurgau und Claudio Bozzuto von der Wildlife Analysis GmbH in Zürich sprechen von einer «explosionsartigen Vermehrung und Ausbreitung in den vergangenen Jahrzehnten». Gemeinsam haben sie ein mathematisches Modell für das Management von Wildschweinpopulationen entwickelt.

«Wildschweine kann man eigentlich nicht zählen», sagt Hannes Geisser. Für den Thurgau berechnete ihr Modell für 2017 einen Bestand von zirka 2300 bis 3300 Sauen. Die Tiere sind extrem schlau und leben versteckt. Mit Hilfe von Faktoren wie Abschusszahlen durch Jäger, entstandene Ernteschäden oder Verkehrsunfälle, in die Wildschweine involviert waren, können Schlüsse auf ihre Zahl gezogen werden.

Naturmuseum-Direktor Hannes Geisser.

Naturmuseum-Direktor Hannes Geisser.

Bild: Andrea Stalder

Diese populationsbiologischen Modelle seien aber eine recht «anspruchsvolle Mathematik», gesteht der Biologe Geisser. «Mit den Formeln können wir Zusammenhänge beschreiben und dadurch Prognosen geben.» Dabei ginge es nicht um Wahrheiten, sondern mehr um Wahrscheinlichkeiten.

Mastjahre sorgen für reich gedeckte Tafel

Ein weiterer Faktor, der in diese Rechnung einspielt, sind die Mastjahre. Der natürliche Lebensraum von Wildschweinen ist der Wald. Die Allesfresser ernähren sich hier hauptsächlich von den Nüssen der Buchen und Eichen. «Früher trugen diese Bäume alle drei bis vier Jahre Früchte», erklärt der Forscher. «Dazwischen mussten die Säue darben.» In den letzten Jahrzehnten gebe es alle zwei Jahre ein Mastjahr «oder gar zwei hintereinander».

Für dieses Phänomen, das in die natürliche Regulation des Wildschweinbestandes eingreift, zeichnet sich höchstwahrscheinlich der Klimawandel verantwortlich: Trockenheit und hohe Temperaturen bedeuten Stress für die Bäume. Dadurch produzierten sie tonnenweise Früchte, so Geisser. Neben diesem kaum versiegenden Futterangebot tragen die milden Winter dazu bei, dass sich die Wildschweine im Grunde das ganze Jahr fortpflanzen können und ihre Jungen auch durchkommen.

«Durch eine ausbleibende Baummast sowie harte Winter haben viele Jungtiere bis in die 80er hinein das erste Lebensjahr nicht überlebt und sich somit auch nicht fortpflanzen können.»

Das Schwarzwild, wie es unter Jägern genannt wird, hat im Thurgau zudem keine natürlichen Feinde. Der einzige sei der Wolf. «Aber selbst wenn es in unserer Kulturlandschaft Wölfe gäbe, wäre ihr Bestand niemals so gross, um die Wildschweinpopulation regulieren zu können.» Bleibt einzig die Jagd: Dafür ist das Wissen um den Bestand von Bedeutung, denn daraus können die Jäger folgern, wie viele Tiere geschossen werden müssten.

Nicht Tesla, aber vielleicht irgendwann Mercedes

Die Wildschweinjagd ist nicht einfach. «In unserer gesamten Kulturgeschichte gilt die Wildsau als beliebtes Beutetier», sagt Hannes Geisser. Von ihr ginge eine unheimliche Faszination auf den Jäger aus. Um die lernfähigen und scheuen Tiere zu erwischen, müsse man sich intensiv mit ihnen auseinandersetzen. Eine Wildsau zu schiessen, sei bis heute die Krönung für einen engagierten Jäger.

Als Gefahr für den Menschen sieht Geisser sie nicht. Wildschweine sind nachtaktiv und leben im Wald.

«Wenn sich Mensch und Wildschwein doch mal begegnen sollten, flieht das Tier normalerweise.»

Wie für alle Wildtiere gelte, sie in Ruhe zu lassen.

Was ihre aktuelle Studie betrifft, sind sich die Wissenschafter bewusst, dass sie damit keine genauen Aussagen über die tatsächliche Zahl der im Thurgau lebenden Wildschweine machen können. «Unser Modell ist noch nicht der Tesla mit Elektromotor, sondern eher ein VW Golf GTI aus den 80er Jahren», beschreibt Geisser ihre Grundlagenforschung. Dennoch hätten sie mit ihrer weltweit anwendbaren Methode ein bisschen Pionierarbeit geleistet. In ihrem Populationsmodell gebe es zwar noch eine Streuung von knapp 20 Prozent bei der Schätzung. «Aber das ist besser, als nichts. Und vielleicht wird es irgendwann mal ein Mercedes.»

Hinweis: Claudio Bozzuto, Hannes Geisser: «A new perspective on the management of wild boar populations, based on a state-space model», September 2019.

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