Die Thurgauer Parteien im Formtest vor den Wahlen: Links-grün greift nach SVP-Sitzen

Die Thurgauer SVP kämpft um ihren dritten Sitz im Nationalrat. Streitig macht ihr diesen die Verbindung von SP, GP und GLP.

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Sie fordern die SVP heraus: Ueli Fisch (GLP), Nina Schläfli (SP) und Kurt Egger (Grüne). (Bilder: ans/rom)

Sie fordern die SVP heraus: Ueli Fisch (GLP), Nina Schläfli (SP) und Kurt Egger (Grüne). (Bilder: ans/rom)

(wu/sme) Ob die SVP ihre drei Sitze halten kann, ist die zentrale Frage der Thurgauer Nationalratswahlen. Auf einen Erfolg auf Kosten der SVP hoffen die Grünliberalen und die Grünen, die derzeit keinen Vertreter nach Bern entsenden. Die FDP, die CVP und die SP, die je einen Sitz halten, können dem 20. Oktober ohne Bangen entgegensehen. Dank ihrer Listenverbindungen ist die Wiederwahl ihrer bisherigen Nationalräte sehr wahrscheinlich.

SVP: Mit zwei Nachteilen den dritten Sitz verteidigen

2015 erreichte die SVP einen Wähleranteil von 39,9 Prozent; mit drei der sechs Thurgauer Nationalratssitze wurde sie jedoch überproportional belohnt, was sie auch den 3,4 Prozent des Listenpartners EDU zu verdanken hatte. Die diesjährige Liste führen die beiden Nationalrätinnen Verena Herzog (seit 2013) und Diana Gutjahr (seit 2017) an. Doch diesmal geht die SVP mit einem Handicap in den Wahlkampf. Der Thurgauer Bauernpräsident Markus Hausammann steht nicht mehr als Zugpferd zur Verfügung. Er kehrt Bern den Rücken, nachdem er alles auf die Karte Ständerat setzte, in der parteiinternen Nomination gegen Regierungsrat Jakob Stark jedoch unterlag. Zur Verteidigung ihres dritten und einzigen bäuerlichen Nationalratssitzes ist die Partei deshalb ohne Bisherigen-Bonus geschwächt. Diese grosse Lücke muss der Rheinklinger Bauer Daniel Vetterli füllen, ein in Landwirtschaftsverbänden gut vernetzter Kantonsrat. Mit dem Weinfelder Gerichtspräsidenten Pascal Schmid ist auch die rechte Flanke abgedeckt. Zu einem weiteren Nachteil für die SVP kann aber die Listenverbindung mit der FDP werden. Falls beide Parteien Wähler verlieren, wird es noch enger bei der Verteilung des Restmandats.


Das grosse Wahldossier


GLP: Ueli Fisch ist der grünliberale Hoffnungsträger

Die Grünliberalen sind aufgrund der Klima- und Energiedebatte im Aufwind. Im Thurgau führt der wahlkampferprobte Ueli Fisch, der bei den letzten Regierungsratswahlen erst als Überzähliger ausschied, den Wahlkampf an. Seine Bekanntheit könnte ihm tatsächlich zu einem Nationalratssitz verhelfen. Ihm ist zuzutrauen, den vor vier Jahren verlorenen Sitz von Daniel Böhni zurückzuerobern. Die drei Parteien in der Listenverbindung, welche die GLP mit der SP und den Grünen eingegangen ist, müssen aber deutlich zulegen. Alles hängt letztlich davon ab, wie stark die «grüne Welle» tatsächlich in den Thurgau schwappt.

Grüne: Die Partei ist in der Lauerposition

Vor 24 Jahren verloren die Grünen Thurgau ihren Nationalratssitz. Seither sind sie Wahlhelfer der SP. Dank der traditionellen Listenverbindung mit den Sozialdemokraten sichern sie den linken Thurgauer Nationalratssitz ab. Das machen sie auch bei den kommenden Wahlen. Diesmal ist auch die GLP dabei. Die Chance besteht, dass diese Dreierlistenverbindung dank grünen Aufwinds einen zweiten Sitz holt. Dieser gehört den Grünen, falls sie es schaffen, die GLP zu überflügeln. Noch vor vier Jahren hatten die Grünliberalen die Nase deutlich vorn. Sie holten (mit dem Bisherigen Daniel Böhni) 6,2 Prozent, die Grünen brachen damals um 1,6 Prozent ein und landeten bei 5,4 Prozent Wähleranteil.

SP: Aufatmen dank grüner Wahlhilfe

Die Thurgauer SP hat gezittert. Teile der Grünen Partei wollten keine Listenverbindung mehr mit den Sozialdemokraten eingehen und es mit einer Zweierlistenverbindung mit den Grünliberalen versuchen. Ein Nationalratssitz wäre für sie wahrscheinlich gewesen – aber möglicherweise auf Kosten der SP. Die Erleichterung war bei den Sozialdemokraten gross, als die Mitgliederversammlung der Grünen Thurgau sich zur Absicherung des linken Sitzes bekannte und kein Risiko eingehen wollte, dass schliesslich die GLP als alleinige Siegerin hervorgeht. Dadurch ist die Wiederwahl von Edith Graf-Litscher unbestritten.

FDP: Hansjörg Brunner kann als Bisheriger antreten

015 landete der Thurgauer Gewerbepräsident Hansjörg Brunner auf dem zweiten Platz der FDP-Liste. Gewählt wurde der Immobilienunternehmer Hermann Hess, der aber nach zwei Jahren wieder heim nach Amriswil fuhr. Brunner rutschte nach und hat nun beste Chancen, den Sitz der FDP Thurgau zu verteidigen. Nebst Brunner ist der Frauenfelder Stadtpräsident Anders Stokholm der bekannteste Name auf der FDP-Stammliste. Obwohl darauf auch zwei Frauen kandidieren, gibt es daneben eine eigene FDP-Frauenliste mit der Gewerbevertreterin Brigitte Kaufmann oder der Unternehmerin Cornelia Zecchinel. Bei den letzten Wahlen landete die FDP mit einem Wähleranteil von 13 Prozent auf dem dritten Platz knapp hinter der CVP, die 13,1 Prozent erreichte. Ein Kopf- an-Kopf-Rennen dürfte es auch dieses Jahr werden.

CVP: Christian Lohr ungefährdet

Der 57-jährige Kreuzlinger Rollstuhlfahrer Christian Lohr sammelt dank seines beeindruckenden Lebenslaufs Stimmen über die Parteigrenzen. Er kürte sich vor vier Jahren zum ­Panaschierkönig. Sozialpolitik ist ein Schwerpunkt des Protestanten in der katholisch geprägten Partei. Nun kann er damit rechnen, seine dritte Legislatur in Angriff zu nehmen. Unterstützt wird er vom Vorkämpfer der erneuerbaren Energien, dem Fischinger ­Bauern Josef Gemperle, und Anne Varenne, der Präsidentin der Thurgauer Lehrerschaft. Ein aufstrebender Stern der CVP Thurgau, der Arboner Stadtpräsident Dominik Diezi, ist auch dabei. Nebst einer Liste der Jungpartei, wie sie die meisten Parteien führen, hat die CVP Thurgau auch eine Newcomer-Liste eingereicht. Auf Listenplatz 1 steht dort alt Kantonsrat Markus Berner, ehemaliger Präsident der BDP Thurgau. Das passt insofern gut, als die BDP – wie auch die EVP – ihre Liste mit der CVP verbunden hat. Ungefährdet ist auch der Ständeratssitz der CVP. Brigitte Häberli steht vor ihrer dritten Legislatur im Stöckli. Die Hinterthurgauerin ist die einzige Frau in der kleinen Kammer, die wieder kandidiert. Höchstwahrscheinlich wird Jakob Stark den Sitz des abtretenden Roland Eberle (SVP) übernehmen. Drei Gegenkandidaten versuchen aber, ihn in einen zweiten Wahlgang zu zwingen: Ueli Fisch (GLP), Kurt Egger (GP) und Nina Schläfli (SP). Als Aussen­seiterin kandidiert die parteilose Gabi Coray aus Mauren, die sich ­von ihren vielen Misserfolgen nicht abschrec­ken lässt.

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