Die Thurgauer Grünen wollen zurück in den Nationalrat: «Unsere Chancen stehen gut»

Parteien vor der Wahl (4/9): Nach 24 Jahren könnten die Grünen wieder in den Nationalrat einziehen, mutmasst Präsident Kurt Egger.

Silvan Meile
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Kurt Egger, Präsident der Grünen Partei Thurgau (GP), im Gespräch. (Bild: Reto Martin)

Kurt Egger, Präsident der Grünen Partei Thurgau (GP), im Gespräch. (Bild: Reto Martin)

Wie ist es, plötzlich wieder populär zu sein?

Kurt Egger: Das ist ein gutes Gefühl. Wir mussten an den Wahlen vor vier Jahren unten durch, erzielten mit 5,4 Prozent Wähleranteil das schlechteste Resultat der 36-jährigen Geschichte der Grünen Thurgau. Ich erlebte das als Präsident, der ein knappes halbes Jahr zuvor das Amt übernahm. Unsere aktuelle Situation sorgt aber derzeit für eine gute Stimmung.

Klimademos, Hitzesommer, schwindende Artenvielfalt. Grüne Themen bewegen die Bevölkerung. Rennen Ihnen die Neumitglieder die Türen ein?

Wir haben tatsächlich etwas Zuwachs, verzeichnen so viele Neumitglieder wie seit zehn Jahren nicht mehr, vor allem bei der Jungpartei

Ärgert es Sie, dass nun auch andere Parteien grüne Themen besetzen?

Nein, im Gegenteil. Es gibt kein besseres Kompliment, als wenn andere Parteien unsere Argumente aufnehmen. Ich habe auch keine Angst, dass die Wählerinnen und Wähler darauf reinfallen. Für die Politik ist es ausserdem ein Vorteil. Bestes Beispiel ist eine Flugabgabe, die nun plötzlich eine Mehrheit findet. Oder bei unserer Biodiversitätsinitiative im Thurgau sind nun auch Parteien wie die CVP oder die EVP dabei. Die Klimabewegung hat schon etwas ausgelöst.

Wie viel Wähleranteil liegt für die Thurgauer Grünen im Herbst drin?

Wir wollen an den eidgenössischen Wahlen im Thurgau mindestens sieben Prozent. Das ist unser Ziel. Dann werden wir auch wirklich die Chance haben, einen eigenen Sitz zu holen. Diese Chance war seit 24 Jahren nicht mehr so gross wie jetzt.

Mit welcher Listenverbindung soll dieses Vorhaben klappen?

Das muss unsere Mitgliederversammlung am 12. August entscheiden. Aber eigentlich ist es so: SP, GLP und wir müssen alle zulegen. Dann können wir den dritten Sitz der SVP holen.

Um selber profitieren zu können, müssen Sie die GLP überholen. An den letzten Wahlen hatten diese 0,8 Prozent mehr Wähleranteil.

Die Ausgangslage hat sich verändert. Die GLP trat damals mit dem Bisherigen Thomas Böhni an. Auch grüne Wähler haben ihn unterstützt. Diesen Effekt haben sie nicht mehr. Ich denke, diesmal sind wir etwa gleich stark.

Die Grünen könnten aber auch zu den Totengräbern des einzigen linken Thurgauer Sitzes werden.

Die Frage ist, welche Listenverbindung wir eingehen. Es gibt zwei Optionen: Wir gehen mit SP und GLP zusammen und versuchen gemeinsam, den dritten SVP-Sitz zu ergattern. Oder wir gehen alleine mit der GLP eine Listenverbindung ein. Dann besteht die zusätzliche Möglichkeit, den SP-Sitz zu holen, falls diese ihn alleine nicht halten kann.

Das birgt aber auch das Risiko, dass die GLP einen Sitz holt und sowohl die Grünen als auch die SP am Ende ohne Sitz dastehen.

Das ist der schlechtmöglichste Fall. Die Diskussion um die Listenverbindung wird an unserer Versammlung zu reden geben.

Gibt es für die Parteimitglieder der Grünen eine Empfehlung des Präsidenten, welche Listenverbindung sie eingehen sollen?

Nein. Das gibt es nicht.

Aber Sie haben bestimmt eine persönliche Meinung dazu?

Ich bin wirklich offen, will eine offene Diskussion. Dass es die Mitgliederversammlung entscheidet, finde ich richtig. Ich kann mit beiden Möglichkeiten leben.

Ist ein Grüner nicht auch ein Linker?

In erster Linie sind wir eine eigenständige Partei, die eine grüne Politik macht. Wir haben Mitglieder, die nach links tendieren, mehr auf der sozialen Seite sind. Andere sind mehr auf der gewerblichen Seite, stehen der GLP näher. Auf unserer Nationalratsliste sind übrigens fünf Unternehmerinnen und Unternehmer.

Keine andere Partei hat so viele Unternehmer auf der Liste wie die Grünen.

Trotzdem werden Grüne und SPler vom Gewerbeverband partout nicht zur Wahl empfohlen, auch wenn sie Mitglied in einem Gewerbeverein sind. Ich persönlich finde es nicht korrekt, dass sie mit meinem Mitgliederbeitrag Wahlkampf für meine Gegner betreiben.

Einigkeit herrscht unter Grünen, SP und GLP im Ständeratswahlkampf: Alle gegen Köbi Stark, lautet offenbar die Devise. Wie gross ist die Chance eines zweiten Wahlgangs?

Die Chance besteht. Das ist aber sehr schwierig einzuschätzen. Es ist aber richtig, dass wir uns dort einig sind und mit einem breiten Kandidatenfeld einen zweiten Wahlgang erzwingen möchten. Falls das gelingt, müssen wir uns absprechen.

Im kommenden Frühling ist im Thurgau der erste Superwahltag. Wie stehen die Grünen dazu, dass der Grosse Rat und der Regierungsrat am gleichen Tag gewählt werden?

Diese Verknüpfung der beiden Wahlen ist für die kleinen Parteien ein Nachteil. Weil beide Wahlkämpfe parallel laufen, verschärft sich die Gunst um mediale Aufmerksamkeit. Für uns hat das zur Konsequenz, dass wir auch für den Regierungsrat kandidieren müssen, um nicht abgehängt zu werden.

Mit wem werden die Grünen kandidieren?

Das wissen wir noch nicht. Ich denke aber, durch den Superwahltag ist es im Thurgau vorbei mit unspektakulären Regierungsratswahlen, an denen nur Bisherige antreten.

Bei welchen Themen besteht aus grüner Sicht im Thurgau Handlungsbedarf?

Ich habe das Gefühl, dass wir viel Nachholbedarf haben. Es ist doch paradox: Einerseits sind wir der grüne, sehr ländliche Kanton. Das wollen wir bewahren, wie auch die Kulturlandinitiative zeigte. Anderseits haben wir Defizite beim Umweltschutz.

Es ist halt so, dass die intensive Landwirtschaft mit Pestizideinsätzen und Düngungen ihren Beitrag an die Umweltverschmutzung leistet, was etwa das Grundwasser und die Fliessgewässer beeinträchtigen.

Hier hat auch der Kanton eine Verantwortung, gerade der Thurgau, der ja auch besonders grün und ländlich sein will.