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Mit Zug, Pfefferspray und Softair-Pistole: der dilettantische Befreiungsversuch im Fall Kümmertshausen

Gericht Frauenfeld: Ein 35-jähriger gebürtiger Kurde wollte den Hauptangeklagten im Prozess Kümmertshausen befreien. Er hatte kein Geld, kein Auto und keinen Plan. Nach fünf Minuten war alles vorbei.
Ida Sandl
Szene aus dem Prozess Kümmertshausen.Links die Hauptangeklagten mit ihren Verteidigern. Unter ihnen Nasar M. mit grauen Haaren. Mittlerweile ist der Prozess zu Ende, die Urteile sind gesprochen. (Archivbild: key/Sibylle Heusser)

Szene aus dem Prozess Kümmertshausen.Links die Hauptangeklagten mit ihren Verteidigern. Unter ihnen Nasar M. mit grauen Haaren. Mittlerweile ist der Prozess zu Ende, die Urteile sind gesprochen. (Archivbild: key/Sibylle Heusser)

Es war nur so eine Idee. Die kam ihm um Mitternacht. Da fasste der 35-jährige Kurde mit Schweizer Pass den Entschluss, am nächsten Morgen seinen Freund aus der Haft zu befreien. Der Freund heisst Nasar M., besser bekannt als der Bandenboss im Prozess Kümmertshausen. Ein Iraker, der wegen Anstiftung zum Raub, Menschenschmuggels, Erpressung und Drogenhandels vom Bezirksgericht Kreuzlingen zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt worden ist.

Der Gefangene war krank und abgemagert

Am Mittwoch stand der gescheiterte Retter jetzt selber vor dem Bezirksgericht Frauenfeld. Der Vorwurf: Gefangenenbefreiung. Im Mai 2017 wollte der Mann mit dem ernsten Gesicht Nasar M. aus der Haft befreien. Damals war der Mammut-Prozess Kümmertshausen noch in vollem Gange. Der Beschuldigte hatte Nasar M. kurz zuvor mehrmals im Kantonalgefängnis besucht und war schockiert über dessen Zustand: «Krank und abgemagert». Er war überzeugt, dass Nasar M. vieles, was ihm vorgeworfen wurde, gar nicht getan hatte. Bei seinem Besuch hatte er vom Arzttermin erfahren. Da fasste er den Beschluss.

In der Tasche ein Reizspray und eine Softair-Pistole

Am nächsten Morgen nimmt der schmächtige Mann den Zug von St. Gallen nach Frauenfeld. Eineinhalb Stunden wartet er vor der Zahnarztpraxis. In der Tasche ein Reizspray und eine Softair-Pistole. Gegen zehn Uhr hält das Fahrzeug mit Nasar M. vor der Praxis. Der Gefangene trägt Handschellen und wird von einem Polizisten begleitet. Kurz vor dem Eingang zur Praxis entdeckt Nasar M. seinen Freund und reisst sich los. Gleichzeitig sprüht der Freund dem Polizisten Reizspray ins Gesicht. Es kommt zum Gerangel, Nasar M. fällt und reisst seinen dilettantischen Befreier mit zu Boden. Wieder sprüht der Freund dem Polizisten Reizgas ins Gesicht. Der ist kurz blockiert. Das nützen die Beiden aus und rennen weg. Doch Nasar M. stürzt, der Freund kommt zurück, um ihm aufzuhelfen.

Doch mittlerweile hat der Polizist seine Waffe gezogen. Er befiehlt dem Freund, sich flach auf den Boden zu legen. Da ist Nasar M. bereits aufgestanden, der Polizist packt ihn am Arm, Nasar M. verheddert sich im Maschendraht-Zaun und stürzt erneut. Seinem Freund ruft er auf Deutsch zu: «Mach nur, er schiesst nöd.»

"Ich bin eigentlich ein ganz lustiger Typ"


Auch der Freund ist inzwischen wieder auf den Beinen. Doch der Polizist reagiert schnell, er packt ihn und stösst ihn gegen den Zaun. Der Freund fällt über den Zaun. Als er am Boden liegt, setzt der Polizist einen Fuss auf seinen Knöchel. Das ist das Ende des Befreiungsversuchs, der höchstens fünf Minuten gedauert hat und 250 Meter weit geführt hat.

«Es war Blödsinn», sagte der Beschuldigte am Mittwochmorgen vor dem Bezirksgericht Frauenfeld. Er habe keinen Plan gehabt, kein Auto, kein Geld und Nasar M. keinen Pass. So etwas würde er nie wieder tun. «Ich bin eigentlich ein ganz lustiger Typ.»

Noch nie so einen Fall gehabt

Die Staatsanwaltschaft, der Beschuldigte und sein Verteidiger haben sich vor der Verhandlung auf das Strafmass geeinigt. 18 Monate bedingt bei einer Probezeit von zwei Jahren. Dazu eine Busse von 1200 Franken. Das Gericht stimmte dem abgekürzten Verfahren zu. Der Beschuldigte muss die Untersuchungs- und Gerichtskosten von 14 440 Franken tragen. Der Pflichtverteidiger wird vorerst aus der Staatskasse entschädigt, sobald es seine Mittel erlauben, muss er diesen Betrag zurückzahlen. Dabei hat der glücklose Befreier sogar Glück, denn der Polizist verzichtet auf eine Schadenersatz-Forderung wegen der erlittenen Körperverletzung.

So einen Fall habe er noch nie gehabt, sagte der Vorsitzende Richter René Hunziker bei der Urteilsverkündigung. Zum Beschuldigten meinte er: «Das war eine ungeschickte Idee, noch dazu dilettantisch ausgeführt.»

Warum hat nur ein Polizist den Bandenboss begleitet?

Weit über 2000 Personentransporte führt die Kantonspolizei Thurgau jährlich durch, letztes Jahr waren es 2400. «Bei jedem einzelnen Transport wird die Gefährlichkeit der Person und die Gefährdung der Mitarbeitenden sowie eine allfällige Fluchtgefahr beurteilt», sagt Andy Theler, Infochef der Kapo Thurgau. Werden die Gefahren als hoch eingeschätzt, werden zwei oder mehr Einsatzkräfte eingesetzt. Bei Nasar M., dem Bandenboss im Fall Kümmertshausen, habe es sich um jemanden gehandelt, der schon ein paar Jahre in Haft war und viele Male transportiert werden musste. «Aufgrund des korrekten Verhaltens der Person bei diesen Transporten und aufgrund ihres Gesundheitszustands gab es für die beurteilende Stelle keinen Anlass, bei diesem Arztbesuch von einer erhöhten Gefährdung oder Fluchtgefahr auszugehen.» Deshalb sei der Häftling von einem einzigen Polizisten begleitet worden. Das Regime sei nach der missglückten Befreiung nicht geändert worden. Theler sagt: «Die Kantonspolizei Thurgau verfügt nicht über die Ressourcen, um jeden Personentransport mit mehreren Einsatzkräften zu begleiten.» (san)

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