Im Thurgau steigt die Arbeitslosigkeit sprunghaft an 

Jobverluste trotz des Instruments der Kurzarbeit. 4000 Thurgau sind ohne Arbeit. Und die Aussichten sind besonders düster.

Silvan Meile
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Der Kanton Thurgau zählt derzeit mehr als 4000 arbeitslose Personen.

Der Kanton Thurgau zählt derzeit mehr als 4000 arbeitslose Personen.

Nana Do Carmo

Daniel Wessner hat Grund zur Sorge. Der Chef des Thurgauer Amtes für Wirtschaft und Arbeit veröffentlichte am Donnerstag die aktuellen Arbeitslosenzahlen des Kantons. Alarmierend sei die Tatsache, dass trotz gewaltiger Kurzarbeitsentschädigungen – das staatliche Unterstützungsinstrument zur Vermeidung von Kündigungen – die Arbeitslosenzahlen bereits jetzt markant ansteigen.

Per Ende April zählte der Kanton Thurgau 4074 arbeitslose Personen. Das ist ein Anstieg um 392 Personen in einem Monat. Im Vergleich mit den Arbeitslosenzahlen von April 2019 beträgt die Zunahme 45 Prozent. Aktuell klettert die kantonale Arbeitslosenquote auf 2,6 Prozent. Das ist noch kein sehr hoher Wert. Er lag letztmals im Januar 2017 bei dieser Marke. Doch derzeit sind die Aussichten besonders düster.

Daniel Wessner Leiter Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Thurgau.

Daniel Wessner Leiter Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Thurgau.

Bild: Andrea Stalder

«Gravierender als gedacht»

Die Coronavirus-Krise wird sich in den kommenden Monaten weiter negativ auf die Arbeitslosenzahlen auswirken. Aufgrund von Kündigungsfristen dürfte die Statistik wohl erst gegen Herbst genauer darüber Auskunft geben, wie viele Thurgauer ihre Arbeitsstelle aufgrund der Coronakrise verloren. Sofort reagierte hingegen der Stellenmarkt. Wessner weiss:

«In den Firmen werden keine neuen Stellen besetzt.» 

Wer derzeit seine Arbeit verliert, hat schlechte Karten.

Trotz Überbrückungshilfe des Staats durch Kurzarbeit würden Firmenchefs die Perspektive offenbar als derart schlecht einschätzen, dass sie Personal entlassen, bedauert der Amtschef.

«Für die Volkswirtschaft ist das ein alarmierendes Signal.»

Immerhin sei es im Thurgau bisher zu keinen Massenentlassungen aufgrund der Coronakrise gekommen. Doch auch solche drohen.

Vor allem in der exportorientierten Industrie, insbesondere bei Zulieferern der Autoindustrie, werde sich das tatsächliche Ausmass wohl erst noch zeigen. Wessner sagt:

«Es wäre sicher viel zu optimistisch, zu meinen, nach dem Lockdown fahre die Wirtschaft sofort wieder wie gewohnt hoch.»

Der wirtschaftliche Einbruch sei wohl gravierender, als man sich das zu Beginn der Coronapandemie ausrechnete.

Das erinnere an die Ölkrise in den 70ern

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) rechne in einem mittleren Szenario mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit auf 3,9 Prozent, im schlimmsten Fall sei von bis zu 7 Prozent die Rede. «Im Thurgau sind wir traditionell ein halbes Prozent unter dem Schweizer Durchschnitt», sagt Wessner.

Persönlich rechnet er damit, dass im Kanton die Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten um rund einen zusätzlichen Prozentpunkt ansteigen könnte. Von der aktuellen Krise seien praktisch alle Branchen betroffen. Auch Ausbau- und Investitionspläne der Unternehmen würden derzeit in den Schubladen verschwinden.

Aktuell ist jeder vierte Arbeitsplatz beziehungsweise sind rund 30000 Personen im Thurgau direkt von Kurzarbeit betroffen. Bisher hätten 5450 Firmen ein Gesuch eingereicht. «Zum Vergleich: Nach der Finanzkrise hatten wir auf zwei Jahre verteilt 800 Gesuche», sagt Wessner. Die aktuelle Situation ähnle daher eher der Ölkrise der 1970er-Jahre.