Die Schülerzahlen im Thurgau steigen an – fünf Lehrerstellen sind noch unbesetzt

Im neuen Schuljahr besuchen im Thurgau über 30'000 Kinder und Jugendliche die Volksschule. Sorgen macht der Schulleiternachwuchs.

Thomas Wunderlin
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Beat Brüllmann, Amt für Volksschule, und Heinz Leuenberger, Verband Thurgauer Schulgemeinden, besuchen eine Lehrerweiterbildung in Sulgen. (Bild: Reto Martin)

Beat Brüllmann, Amt für Volksschule, und Heinz Leuenberger, Verband Thurgauer Schulgemeinden, besuchen eine Lehrerweiterbildung in Sulgen. (Bild: Reto Martin)

Die Thurgauer Schulgemeinden sind seit einigen Jahren dabei, neue Schulräume bereitzustellen. Denn die Schülerzahlen steigen, aufs neue Schuljahr wieder um 2,1 Prozent. Insgesamt werden ab nächstem Montag in den 87 Thurgauer Schulgemeinden 30'250 Kinder und Jugendliche unterrichtet.

Darunter sind 2870 Buben und Mädchen, die zum ersten Mal den Kindergarten besuchen. «Erstmals steigen die Schülerzahlen wieder in allen Stufen», sagte Beat Brüllmann, Chef des Thurgauer Amts für Volksschule, am Mittwoch in Sulgen. Letztes Jahr war die Wachstumswelle noch nicht in die Sekundarschule vorgedrungen.


Thurgau lockt Zuzüger aus andern Kantonen an

Die Zunahme führt Brüllmann auf die steigende Geburtenrate und Zuzüger aus anderen Kantonen zurück. Der Thurgau sei ein attraktiver Wohn- und Lebenskanton. «Die Schülerzahlen steigen zusammen mit der Gesamtbevölkerung.»

Nicht in jeder Gemeinde und auch nicht in jedem Stadtquartier gibt es aber mehr Schüler. Sie nehmen unter anderem dort zu, wo noch Bauland zur Verfügung steht. Dies sei beispielsweise in Erlen so, erklärte Heinz Leuenberger, Schulpräsident von Erlen und Präsident des Verbands Thurgauer Schulgemeinden. In fünf, sechs Jahren werden die Schülerzahlen voraussichtlich wieder den bisherigen Höchststand von 1997 erreichen. Laut Heiner Christ, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Amts für Volksschule, wurden damals 34'000 Volksschüler gezählt (Kindergärtler, Primar- und Sekundarschüler).

Leicht überdurchschnittlich zugenommen hat der Anteil der Sonderschüler (von 2,8 auf 2,85 Prozent). Die verstärkte Vorschulförderung wirkt sich aus. Dadurch werden manche Kinder gleich beim Schuleintritt der Sonderschule zugewiesen, die früher noch einige Zeit in der Normalschule unterrichtet worden wären. Leicht zugenommen hat der Anteil des integrativen Unterrichts: 21 Prozent der Sonderschüler besuchen den normalen Unterricht, geniessen aber zusätzliche Unterstützung.

Lehrermangel gibt es nicht: Fast alle Stellen sind besetzt

Offensichtlich ist jetzt der Moment da, wo es nicht mehr reicht, die Schulklassen aufzufüllen. Die Schulgemeinden vergrössern ihr Lehrpersonal um insgesamt 3,5 Prozent auf 2220 Vollzeitstellen, die sich auf 3300 Personen verteilen. 40 Prozent der Lehrpersonen verfügen über ein Pensum bis maximal 50 Prozent; dabei dürfte es sich vor allem um Lehrerinnen mit eigenen Kindern handeln. Knapp die Hälfte arbeitet zu über 80 Prozent. Fast alle Stellen konnten besetzt werden. Vor den Sommerferien wurden nur noch ein Primarlehrer, ein Schulleiter und drei Heilpädagoginnen gesucht.

Laut Leuenberger ist die Situation im Vergleich mit andern Kantonen zufriedenstellend, wobei die Pädagogische Hochschule (PH) im eigenen Kanton einen wichtigen Beitrag leiste. Die Schulen seien attraktive Arbeitgeber: «Ein Grossteil der PH-Abgänger hat eine Stelle nach ihren Vorstellungen gefunden.» Die Schulen bemühen sich auch um ihre Mitarbeiter; so finden diese Woche in fast allen Thurgauer Schulen Weiterbildungskurse für Lehrer statt. Ein Mangel könnte in Zukunft laut Brüllmann wegen des «Sogs aus Zürich» am ehesten bei den Kindergärtnerinnen entstehen.

Leuenberger sorgt sich um den Schulleiternachwuchs. Der Präsident des Schulgemeindeverbands empfiehlt den Schulen, geeignete Lehrer zur Weiterbildung als Schulleiter zu motivieren. Zwar könne die eine Schule dadurch einen Lehrer verlieren, eine andere finde dafür einen Schulleiter. «Die Schule Thurgau ist ein System, wir müssen uns gegenseitig helfen.»

Eine App zeigt den Verantwortlichen im Notfall den Weg

Von einem Unfall oder einem anderen Notfall erfahren Schüler meist in Windeseile über Whats­app. Lehrer, Schulbehörden und Hauswarte können jetzt annähernd gleichziehen dank einer Notfall-App, die ihnen das Amt für Volksschule und der Verband Thurgauer Schulgemeinden zur Verfügung stellen. «Wenn etwas passiert», sagt Beat Brüllmann, Chef des Amts für Volksschule, «ist man schnell wieder organisiert.» Die App ist eine auf den Thurgau angepasste Version einer App, die auf Veranlassung der Zürcher Bildungsdirektion geschaffen wurde.

Die einmaligen Lizenzkosten von 30000 Franken trägt das Amt für Volksschule. Die wiederkehrenden Kosten von jährlich 20000 Franken übernehmen das Amt für Volksschule und die Schulgemeinden gemeinsam. Die App ermöglicht es, eine bestimmte Nachricht via SMS, E-Mail oder WLAN allen Empfängern gleichzeitig zu senden, die ihre Kontaktdaten hinterlegt haben. Die App ist als Ergänzung des Sicherheitskonzepts gedacht.

Die detaillierten Handlungsanweisungen sind gemäss sechs Stichworten gegliedert: medizinische Notfälle, Gewalt, Evakuation, Brand, Vermisst, Todesfall. Sie helfen den Verantwortlichen, in einer Extremsituation das Richtige zu tun. Beispielsweise wird daraufhin gewiesen, dass Kommunikation Chefsache ist, eine einheitliche Sprachregelung vereinbart und gegenüber Schülern keine Vorverurteilung geäussert werden soll.

Verbandspräsident ruft zu Fusionen auf

Mit dem neuen Beitragsgesetz würden die Forderungen des Verbands «grossmehrheitlich erfüllt», sagte Heinz Leuenberger, Präsident des Verbands Thurgauer Schulgemeinden. Der Regierungsrat wird die Vorlage voraussichtlich auf den 1. Januar 2020 in Kraft setzen. Primarschulen werden den Steuerfuss tendenziell erhöhen müssen, Sekundarschulegemeinden können ihn eher senken.

Bei Volksschulgemeinden gleicht es sich aus. Unter Volksschulgemeinde wird eine Schule verstanden, die Primarschule und Sek umfasst. Er hoffe, die Diskussion über die Bildung von Volksschulgemeinden komme nun wieder in Gang, sagte Leuenberger. «Ich weiss, dass ich einigen Primarschulpräsidenten damit keine Freude mache.»