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Die Planungsleiche an der Ittinger Klostermauer

Neun Jahre nach Planungsbeginn ist vom Neubau des Thurgauer Kunstmuseums nicht einmal der genaue Standort klar. Der Regierungsrat ist in Begleitung des Stiftungsrats der Kartause Ittingen auf die schiefe Bahn geraten. Ein Rückblick vor dem Neustart.
Thomas Wunderlin
Der umstrittene Erweiterungsbau war zwischen der nördlichen Klostermauer und den Klausen von 1983 geplant. (Bild: Andrea Stalder)

Der umstrittene Erweiterungsbau war zwischen der nördlichen Klostermauer und den Klausen von 1983 geplant. (Bild: Andrea Stalder)

Der Thurgauer Regierungsrat beging im November 2011 einen schwerwiegenden Fehler. Er beauftragte die Stiftung Kartause Ittingen mit einem Vorprojekt für die Erweiterung des kantonalen Kunstmuseums. Wird ein Bau zum grössten Teil vom Staat finanziert, wie es hier geplant war, dann muss der Auftrag öffentlich ausgeschrieben werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob er aus dem Lotteriefonds bezahlt wird.

Das Kunstmuseum will aus der Provinz auftauchen

Die Planung hatte zwei Jahre zuvor begonnen. Die Stiftung hatte eben für 15 Millionen Franken das Restaurant Mühle umgebaut, das obere Gästehaus und das Wohnheim renoviert. Das Kunstmuseum, das Mieter der Stiftung ist, erhielt ein neues Empfangs- und Verkaufszentrum. Neu konzipiert wurde gleichzeitig das Ittinger Museum, welches das Leben der Mönche zeigt und dem Kunstmuseum angegliedert ist. Mit dem Kunstmuseum waren die Verantwortlichen aber noch nicht zufrieden. Der Regierungsrat setzte eine Steuergruppe ein, die sich über dessen Zukunft Gedanken machen sollte. Diese kam zum Schluss, ein Erweiterungsbau sei notwendig.

Das Thurgauer Kunstmuseum bereitet eine Ausstellung mit Werken von Adolf Dietrich vor. (Bild: Michel Canonica)

Das Thurgauer Kunstmuseum bereitet eine Ausstellung mit Werken von Adolf Dietrich vor. (Bild: Michel Canonica)

Sonst versinkt das Kunstmuseum in der Provinz, wie dessen Direktor Markus Landert später sagte. Die Ansprüche des Publikums seien seit der Eröffnung des Kunstmuseums 1983 gestiegen. In der Bodenseeregion sei neue Konkurrenz entstanden wie das Kunsthaus Bregenz und das Zentrum für Fotografie in Winterthur. Der Chef des Thurgauer Kulturamts, René Munz, erklärte, die heutigen Räumlichkeiten seien zu klein. Das Kunstmuseum wolle auch mehr Bilder des Publikumsmagneten Adolf Dietrich (siehe Kasten) dauerhaft zeigen können, wofür der Platz fehle. Bis heute ist aus den schönen Plänen nichts geworden.

Regierungsrätin informiert im Januar über das weitere Vorgehen

SVP-Regierungsrätin Monika Knill. (Bild: Mario Testa)

SVP-Regierungsrätin Monika Knill. (Bild: Mario Testa)

SVP-Regierungsrätin Monika Knill hat vor einigen Tagen eine Medienkonferenz angekündigt; im Januar 2019 will sie darüber informieren, wie es beim Kunstmuseum weitergehen soll. Am Standort Ittingen wird wohl nicht mehr gerüttelt; jedenfalls hielt der Regierungsrat bisher daran fest, auch wenn die Diskussion darüber immer wieder aufflammte. Unter anderen machte sich der Präsident des Think-Tank-Thurgau, Toni Schönenberger, für Kreuzlingen stark, das in Verbindung mit Konstanz der einzige urbane Raum des Kantons sei. Dort wollte er den von der Thurgauer Kunstgesellschaft geführten Kunstraum ausbauen. In Ittingen sollte die Sammlung des Kantons mit dem Fokus auf naive Kunst und Art brut bleiben. Um der Kritik an dem abgelegenen Standort Warth zu begegnen, finanziert der Kanton seit Dezember 2015 eine direkte Postautoverbindung zum Bahnhof Frauenfeld.

Die Stiftung entschied sich in Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege für einen Standort zwischen der nördlichen Klostermauer und den sieben 1983 errichteten Klausen, in denen das Kunstmuseum seine Wechselausstellungen zeigt. Ob es sinnvoll ist, den Neubau derart zu verstecken, darüber wurde kaum diskutiert, zumindest nicht öffentlich. Eine Alternative wäre ein markanter Neubau, eventuell ausserhalb der Klostermauer. Vielleicht wird der bislang ausgelassene Architekturwettbewerb zu einer solchen Lösung führen.

Ein langgezogener Holzbau soll die Besucher anlocken

Die Architektin Regula Harder baute das Restaurant Mühle in der Kartause Ittingen um. (Bild: Donato Caspari)

Die Architektin Regula Harder baute das Restaurant Mühle in der Kartause Ittingen um. (Bild: Donato Caspari)

Die Architektin Regula Harder, die bereits das Restaurant Mühle umgebaut hatte, erhielt von der Stiftung den Auftrag für ein Vorprojekt. Sie entwickelte einen langgezogenen Holzbau mit 600 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Auch die bestehenden Museumsräume sollten saniert werden, gab der Regierungsrat im März 2012 bekannt. Denn Ausstellungen mit besonderen Leihgaben könnten nicht organisiert werden, weil die klimatischen Bedingungen die aktuellen Museumsstandards nicht erfüllten. Der Energieverbrauch könne ausserdem um 75 Prozent gesenkt werden. Dank der Gesamtsanierung sollte die Zahl der Besucher um 25 Prozent steigen; 2012 wurden 29000 gezählt.

Robert Fürer, Präsident der Baukommission der Stiftung Kartause Ittingen. (Bild: Reto Martin)

Robert Fürer, Präsident der Baukommission der Stiftung Kartause Ittingen. (Bild: Reto Martin)

Robert Fürer, Präsident der Planungs- und Baukommission der Stiftung, stellte die Eröffnung des Erweiterungsbaus für 2014 in Aussicht. Der Regierungsrat nahm für die Sanierung des Kunstmuseums 4,6 Millionen Franken in den Budgetentwurf 2013 auf. Mit weiteren 11,25 Millionen Franken sollte der Erweiterungsbau finanziert werden. Bauherrin war die Stiftung Kartause Ittingen, die 2,25 Millionen Franken oder 20 Prozent der 11,25 Millionen Franken zahlen wollte. Der Kanton finanzierte gemäss der Vereinbarung mit der Stiftung 9 Millionen Franken oder 80 Prozent; diesen Betrag wollte der Regierungsrat dem Lotteriefonds entnehmen. Die juristische Konstruktion war erklärungsbedürftig: Weshalb sollte der Mieter den Bau seiner Wohnung selber zahlen?

Noch nie wurde ein einzelnes Projekt mit einem so hohen Betrag gefördert

Ausserdem hatte der Regierungsrat dem Lotteriefonds noch nie einen so hohen Einzelbetrag entnommen; die üblichen Förderbeiträge überstiegen kaum eine Million Franken. Umstritten war auch, ob der Lotteriefonds überhaupt für den Bau eines Kunstmuseums verwendet werden darf. Vor allem aber rief die Absicht Kritik hervor, dass ein derart hoher Betrag ohne Architekturwettbewerb ausgegeben werden sollte. In der Eintretensdebatte zum Budget am Mittwoch, 21. November 2012, kündigte Cornelia Komposch, die damalige Präsidentin der SP-Fraktion im Grossen Rat, einen Verschiebungsantrag an, der in der Detailberatung am 5. Dezember gestellt werden sollte. Nun überschlugen sich die Ereignisse.

SP-Fraktionschefin Cornelia Komposch. (Bild: Nana do Carmo)

SP-Fraktionschefin Cornelia Komposch. (Bild: Nana do Carmo)

SVP-Baudirektor Jakob Stark kündigte an, die Rechtslage abzuklären. Der Präsident der Stiftung Kartause Ittingen, Roland Eberle, SVP-Ständerat und ehemaliger Regierungsrat, erklärte die Position der Stiftung: «Wir stellen dem Kunstmuseum gerne Platz zur Verfügung, zumal es sich beim Erweiterungsbau um eine Win-win-Situation handelt. Aber wir sind nicht bereit, unsere Rechte als Bauherrschaft abzutreten.»

Regierungsrat Stark vollzieht eine Kehrtwende in zwei Etappen

Am Freitag, 30. November 2012 vollzog Regierungsrat Stark eine halbe Kehrtwende. Nun räumte er ein, dass der Erweiterungsbau den Regeln des öffentlichen Beschaffungswesens untersteht. Dennoch hielt er am Harder-Projekt fest. Denn gemäss Paragraph 14 der interkantonalen Vereinbarung über das öffentliche Beschaffungswesen (iVöB) könne man auf eine Ausschreibung verzichten, wenn sich der fragliche Auftrag auf einen bestehenden Grundauftrag beziehe. Die Stiftung sei nach einem Wettbewerb 2001 mit dem Architekturbüro Harder ein Langzeitverhältnis eingegangen. «Es macht Sinn, dass die Verantwortung für Um- und Ausbauten im historisch wertvollen Areal auf längere Sicht in einer Hand liegt», teilte das von Stark geführte Baudepartement mit. Der Arboner SP-Kantonsrat Peter Gubser sprach von einer «peinlichen Feuerwehrübung» und bestätigte, dass er einen Rückweisungsantrag stellen werde.

Am Morgen der Budgetdebatte führte der Regierungsrat die Kehrtwende zu Ende und zog das Projekt zurück. Der 2001 durchgeführte Wettbewerb stelle doch keinen Grundauftrag dar, der die freihändige Vergabe des Planungsauftrags für den Erweiterungsbau rechtfertige, erklärte er nun. Er erwarte von der Stiftung, den Wettbewerb nachzuholen. «Der Regierungsrat hat tatsächlich der Frage der Arbeitsvergabe beim Erweiterungsbau zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt», sagte Stark im Grossen Rat:

«Ich verstehe Ihren Unmut, und ich möchte mich für diesen Fehler auch entschuldigen.»

SVP-Regierungsrat Jakob Stark. (Bild: Nana do Carmo)

SVP-Regierungsrat Jakob Stark. (Bild: Nana do Carmo)

Stiftungsratspräsident Eberle reagierte ablehnend: «Jetzt sollen wir einen Architekturwettbewerb durchführen und dabei genau jenes Projekt ausschliessen, das alle super gefunden haben? Das ist absurd.» Es gehe vergessen, dass die Stiftung dem Kanton Raum für das Kunstmuseum zur Verfügung stelle, ohne dass dieser dafür Miete zahlen müsse.

Stark macht Kehrtwende halbwegs rückgängig

Der Regierungsrat machte die Kehrtwende wieder ein Stück weit rückgängig. Er zog Peter Galli, Experte für öffentliches Vergabewesen aus Zürich, bei. Dieser sollte zeigen, wie das Projekt Harder zu retten wäre. In seinem Gutachten, das er im August 2013 vorlegte, erklärte Galli, dass es am einfachsten wäre, das bisherige Projekt einzustampfen. Als Ausweg schlug er vor, dieses als Grundlage eines neuen Architekturwettbewerbs zu nehmen, bei dem es nur noch um die Vollendung des Projekts gehe. Das Büro Harder dürfe aber nicht daran teilnehmen.

Stiftungsratspräsident Eberle zeigte sich erleichtert darüber, dass der bisherige Weg weiter verfolgt werden könne. SP-Kantonsrat Gubser fand, ein Architekturwettbewerb hätte vielleicht eine bessere und günstigere Lösung ergeben. Der Regierungsrat nahm die Kunstmuseumserweiterung erneut ins Budget auf. Übers Jahr war sie 2,5 Millionen Franken teurer geworden, was mit dem Minergie-P-Standard, Brandschutz und Kanalisationsarbeiten begründet wurde.

Carlo Parolari, FDP-Kantonsrat und Stiftungsrat der Kartause Ittingen. (Bild: Reto Martin)

Carlo Parolari, FDP-Kantonsrat und Stiftungsrat der Kartause Ittingen. (Bild: Reto Martin)

In der Budgetdebatte vom Mittwoch, 4. Dezember 2013 genehmigte die bürgerliche Mehrheit des Grossen Rat nach einer langen Diskussion mit 66 gegen 41 Stimmen den 4,6 Millionen Kredit für die Museumssanierung. Laut dem Frauenfelder FDP-Stadtammann und Stiftungsratsmitglied Carlo Parolari hatte das Erweiterungsprojekt den Segen der eidgenössischen Denkmalpflege; diese habe sich insbesondere für den Standort an der Klostermauer ausgesprochen. Regierungsrat Stark zeigte sich zuversichtlich, mögliche Rechtsstreitereien zu gewinnen. Weiterhin war vorgesehen, den Restbetrag von 8,34 Millionen Franken aus dem Lotteriefonds zu finanzieren.

Grosser Rat entschied mit grosser Mehrheit gegen Volksbefragung

Grüne, BDP und GLP wollten geschlossen die Sanierung aus dem Budget streichen. Die SP war geteilt. Gubser wedelte mit 185 Hunderternoten: So viel koste der Quadratmeter des Erweiterungsbaus.

SP-Kantonsrat Peter Gubser demonstriert die Kosten des Museumsneubaus mit 185 Hunderternoten. (Bild: Nana do Carmo)

SP-Kantonsrat Peter Gubser demonstriert die Kosten des Museumsneubaus mit 185 Hunderternoten. (Bild: Nana do Carmo)

Der Romanshorner SVP-Kantonsrat Urs Martin kritisierte den Griff in den Lotteriefonds. Die «Thurgauer Zeitung» kommentierte, am Erweiterungsbau bleibe «so oder so ein Makel haften: Er wurde in einem zu kleinen Kreis von Regierung und Stiftungsrat des Museumsstandorts Kartause Ittingen beschlossen. Der Vorwurf, dass dabei nicht das beste oder günstigste Projekt herausgekommen ist, lässt sich so nicht widerlegen».

SVP-Kantonsrat Hermann Lei. (Bild: Donato Caspari)

SVP-Kantonsrat Hermann Lei. (Bild: Donato Caspari)

Mit grosser Mehrheit lehnte der Rat den Antrag des Frauenfelder SVP-Kantonsrats Hermann Lei ab, der die 4,6 Millionen Franken als ungebundene Ausgabe deklarieren wollte. Damit wäre ein Referendum möglich gewesen. «Das Volk wird dem überzeugenden Projekt sicher auch zustimmen. Damit ist der Makel beendet.»

Bundesgericht gibt Lei recht

Das Bundesgericht gab ihm am 15. April 2015 recht. Sanierung und Erweiterung seien von Beginn weg als Gesamtprojekt betrachtet worden, von einer gebundenen Ausgabe könne deshalb keine Rede sein, fand die 3 zu 2 Mehrheit des Richtergremiums, das von einer Bürgergruppe um den Weinfelder Rechtsanwalt Andreas Brauchli angerufen wurde. Das Bundesgericht forderte den Grossen Rat auf, den Sanierungskredit dem Volk zur Abstimmung zu unterbreiten.

Stiftung betreibt Gastwirtschaft, Heim und Gutsbetrieb

2017 erzielte die Stiftung Kartause Ittingen einen Jahresgewinn von 386000 Franken bei einem Aufwand von 15,9 Millionen und einem Ertrag von 16,3 Millionen Franken. Zur Stiftung gehört ein Gastwirtschaftsbetrieb, in dem 16000 Übernachtungen gebucht und 10000 Mahlzeiten gekocht wurden. Die Stiftung betreibt auch ein Heim mit Werkbetrieb sowie einen Gutsbetrieb.
Der Stiftungsrat besteht per 31. Dezember 2017 aus: Roland Eberle, Frauenfeld, Präsident, Matthias Aebi, Winterthur, Wilfried Bührer, Frauenfeld, Patrick Candrian Herrliberg, Robert Fürer, Frauenfeld, Vizepräsident, Bruno Gehrig, Zürich, Susanne Giger, Uetikon am See, Rainer Gonzenbach, Frauenfeld, Peter Hinder, Weinfelden, Niklaus Knüsel, Niederteufen, Carlo Parolari, Frauenfeld, Markus Ries, Rain, Philipp Stähelin, Frauenfeld. Nebst dem Kanton, der das Kunst-museum und das Ittingermuseum führt, geniesst auch das Bildungszentrum Tecum der evangelischen Landeskirche Thurgau Gastrecht im ehemaligen Kloster. Die Betriebe in der Kartause haben insgesamt rund 200 Mitarbeiter. (wu)

Gemäss Thurgauer Kantonsverfassung müssen neue Ausgaben über drei Millionen Franken dem Volk vorgelegt werden. Aber selbst bei einem Ja an der Urne wären weitere Einsprachen zu erwarten gewesen. Nach der Ausschreibung des Bauauftrags hätte ein Architekt Beschwerde erheben können, er habe bei der Vergabe des zugrunde liegenden Projekts keine Chance gehabt, sich zu bewerben. Zu erwarten gewesen wäre auch eine Klage gegen die Finanzierung aus dem Lotteriefonds; das Bundesgericht hatte sich nicht dazu geäussert.

Regierungsrat beerdigt das Harder-Projekt

Angesichts der zu erwartenden weiteren Verzögerungen, vollzog der Regierungsrat die Kehrtwende definitiv. Am 29. April 2016 gab Regierungsrätin Knill bekannt, dass eine Projektorganisation die Sanierung und Erweiterung des Kunstmuseums nochmals von vorne planen soll. Das Projekt Harder sei definitiv beerdigt. Die Trägerschaft solle entflochten werden. Bei einer Erweiterung, die der Kanton zahle, würde er auch die Hauptverantwortung für den Bau übernehmen.

Als Knalleffekt wirkte die Schlusszahlung von 579700 Franken aus dem Lotteriefonds, welche der Kanton der Stiftung mit der Begründung überwies, man sei «in gutem Glauben an das Erweiterungsprojekt gemeinsam unterwegs» gewesen. Schon 2011 und 2012 hatte der Kanton der Stiftung in drei Tranchen 581485 Franken überwiesen. Danach seien noch Planungs- und Projektierungskosten von insgesamt 869500 Franken offen gestanden, erklärte Regierungsrätin Knill. Diese würden im Verhältnis von zwei Dritteln zu einem Drittel auf Kanton und Stiftung aufgeteilt.

Über eine Million Franken ohne Diskussion im Grossen Rat

Es sei «unbefriedigend», dass «deutlich über eine Million Franken in Auftrag gegeben worden sind, bevor der Grosse Rat das Projekt im Dezember 2013 genehmigt hat», kritisierte der Eschliker CVP-Kantonsrat und Bezirksgerichtspräsident Alex Frei.

CVP-Kantonsrat Alex Frei. (Bild: Reto Martin)

CVP-Kantonsrat Alex Frei. (Bild: Reto Martin)

Gemäss Kantonsverfassung hat der Regierungsrat eine Finanzkompetenz bis zu 100000 Franken für einmalige Ausgaben, die nicht dem Lotteriefonds entnommen werden. Beim Lotteriefonds, wo es keine Obergrenze gab, setzte der Grosse Rat diese am 31. August 2016 auf 3 Millionen Franken fest. Bei höheren Beträgen ist ein Grossratsbeschluss nötig, der dem Referendum untersteht. Aufgrund des parlamentarischen Drucks erklärte sich die Regierung mit der Änderung einverstanden.

Zwei Jahre nach Bekanntgabe der umstrittenen Schlusszahlung räumte Regierungsrätin Knill am 24. Mai 2018 ein, dass der Kanton 218000 Franken zu viel bezahlt habe. Die Stiftung habe den Betrag zurückgegeben; er sei wieder im Lotteriefonds verbucht worden.

Thurgauer Kunstmuseum

Das kantonale Kunstmuseum geht auf die Bemühungen der 1934 gegründeten Thurgauer Kunstgesellschaft zurück. Als Standorte wurden unter anderen das Bodmanhaus in Gottlieben und Schloss Eugensberg in Salenstein erwogen. Ab 1942 begann der Kanton mit dem Aufbau einer eigenen Sammlung von Werken thurgauischer Künstler (Margrit Früh, Kantonsgeschichte Band III, 1994). Einen entscheidenden Impuls gab die Kantonalbank 1971 mit der Stiftung von einer Million Franken für ein zukünftiges Kunsthaus. 1983 wurde es in der Kartause Ittingen eröffnet, die 1977 von der neu gegründeten Stiftung Kartause Ittingen erworben worden war.
Das Kunstmuseum verwahrt unter anderem den Nachlass des Berlinger Malers Adolf Dietrich. Eigentümer seiner hinterlassenen Werke ist die Thurgauer Kunstgesellschaft, die auf diese Weise mit dem Kunstmuseum verbunden bleibt. 2017 erzielte das Kunstmuseum dank Dietrich einen Rekord über die letzten zehn Jahre: Fast 32000 Besucher sahen «Adolf Dietrich. Mondschein über dem See». (wu)

Wie Knill bestätigte, wurde der Fehler durch Nachfragen der Weinfelder Bürgergruppe aufgedeckt, als deren Sprecher der Journalist Markus Schär auftritt.

In einem am 19. November 2018 erschienen Beitrag für «thurgaukultur.ch» schrieb Schär, eine Vertretung der Kritiker habe sich im März 2018 mit Regierungspräsidentin Carmen Haag und Stiftungspräsident Roland Eberle getroffen. Eberle habe eine Abrechnung vorgelegt, die sich «auf den ersten Blick erkennbar, als nachträglich fabriziert» erwiesen habe.

Stiftungsratspräsident Eberle räumt Fehler ein

Gemäss dem am 10. November 2018 veröffentlichten Bericht der Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission (GFK) konnte Eberle den Ablauf der ganzen Geschichte «plausibel erklären und hat dabei Fehler eingeräumt».

Roland Eberle; Präsident der Stiftung Kartause Ittingen. (Bild: Reto Martin)

Roland Eberle; Präsident der Stiftung Kartause Ittingen. (Bild: Reto Martin)

Beim zu viel bezahlten Betrag handelte es sich um Vorleistungen, die das Büro Harder der Stiftung noch nicht in Rechnung gestellt hatte. Die Stiftung führte sie jedoch in ihrer Abrechnung auf; der Kanton überwies ihr zwei Drittel davon. Wie die Stiftung und die Architektin miteinander abrechnen, ist nach Ansicht der Kommission Sache der beiden Parteien. Für Regierung und Kommission sei die Frage erledigt.

Walter Hugentobler, Präsident der Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission. (Bild: Reto Martin)

Walter Hugentobler, Präsident der Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission. (Bild: Reto Martin)

Nebenher wies GFK-Präsident Walter Hugentobler darauf hin, dass Staatsschreiber Rainer Gonzenbach seit 2005 mit Zustimmung des Regierungsrats als Privatperson im Stiftungsrat der Kartause sitzt. Der Kanton sei also nicht direkt im Stiftungsrat vertreten. Im Lauf der Auseinandersetzung um den Museumsbau habe Gonzenbach oft in den Ausstand treten müssen. Die «nicht ganz vorhandene Rollenklarheit» war laut Hugentobler «unglücklich».

Kanton verliert unterm Strich 1,1 Millionen Franken

Gemäss einer im Kommissionsbericht enthaltenen Abrechnung kostete die ganze Museumsplanung bisher 1,3 Millionen Franken, wovon 1,1 Millionen Franken zu Lasten des Kantons gingen. «Der ganze Vorgang ist mit den aufgetretenen Fehlern unschön», kommentierte GFK-Präsident Hugentob­ler. «Trotzdem darf man nicht aus den Augen verlieren, dass die langjährige Kooperation zwischen Kanton und Stiftung wesentlich dazu beigetragen hat, dass die Kartause Ittingen als Begegnungsstätte und kulturelles Zentrum von nationaler Bedeutung weit über den Kanton hinausstrahlt.»

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