Die neuen Thurgauer Schulzeugnisse erhalten den letzten Schliff – so könnten sie aussehen

Die Grundlagen zu den neuen Zeugnissen der Thurgauer Volksschule gehen in die Vernehmlassung. Der Kanton hat frühere Kritikpunkte ernst genommen.

Larissa Flammer
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Dieses Zeugnis erhalten Thurgauer Schüler während der Volksschule.

Dieses Zeugnis erhalten Thurgauer Schüler während der Volksschule.

(Bild: Andrea Stalder)
  • In Zusammenhang mit der Einführung des neuen Lehrplans Volksschule Thurgau erteilte der Regierungsrat dem Erziehungsdepartemente den Auftrag, verschiedene Fragen zur Beurteilung zu untersuchen. 
  • Das Departement führte dazu einen Schulversuch durch und sprach mit verschiedenen Partnern aus Bildung, Politik und Wirtschaft. Im Rahmen eines Monitorings wurde die Situation in anderen Kantonen analysiert. 
  • Aufgrund der Resultate wurden das Beurteilungsreglement und die Zeugnisformulare angepasst. Diese werden nun bis Ende April einer externen Vernehmlassung unterzogen. 

Für Lehrbetriebe spielen die Zeugnisse aus der Schulzeit offenbar gar keine so wichtige Rolle. Der Lehrlingsverantwortliche eines grossen Thurgauer Unternehmens zumindest wähle seine Lehrlinge nach folgenden Kriterien aus:

  1. Bauchgefühl
  2. Stellwerk
  3. Lernbereitschaft und Sozialverhalten
  4. Zeugnis

Dies sagte Thomas Minder, der abtretende Präsident des Verbands Schulleiter Thurgau, an der letzten Versammlung.

Thomas Minder, Präsident Verband Schulleiter Thurgau.

Thomas Minder, Präsident Verband Schulleiter Thurgau.

Bild: Reto Martin

Durch die Diskussion über die Totalrevision der Beurteilungsgrundlagen erhalte das Zeugnis eine Bedeutung, die es gar nicht verdiene. Tatsache ist aber: Viele Schüler und Eltern erwarten das Zeugnis jeweils gespannt. Ende letzte Woche – kurz vor den Skiferien – wurden vielerorts wieder Noten verteilt.

Wenn die Politiker und Bildungsverantwortlichen aus den Skiferien zurückkehren, werden sie sich erneut mit der Totalrevision der Beurteilungsgrundlagen beschäftigen. Der Regierungsrat schickt das in den vergangenen Jahren erarbeitete Reglement für die neuen Zeugnisse in eine letzte Vernehmlassung. Bis Ende April können die politischen Parteien, Bildungs- und Wirtschaftsverbände sowie alle betroffenen Ämter Rückmeldungen schicken. Unsere Zeitung fasst die wichtigsten Änderungen zusammen:

Standortgespräche

Mindestens einmal pro Schuljahr führt die Klassenlehrperson mit den Erziehungsberechtigten ein Standortgespräch durch. Ab der 1. Klasse muss die Schülerin oder der Schüler am Gespräch teilnehmen, im Kindergarten ist das freiwillig. Das Gespräch soll die Eltern über den Lern- und Entwicklungsstand ihres Kindes informieren sowie die Zusammenarbeit zwischen Schule und Erziehungsberechtigten fördern, erläutert das Erziehungsdepartement. Heute herrscht im Thurgau eine grosse Vielfalt bezüglich der verwendeten Instrumente für das Gespräch und der Abgabe von Unterlagen, wie eine Umfrage zeigt. Auf eine einheitliche Regelung wird deshalb verzichtet. Das kantonale Amt für Volksschule wird jedoch noch einen Leitfaden Standortgespräch erarbeiten.

Worte und Noten

Anne Varenne, Präsidentin Bildung Thurgau.

Anne Varenne, Präsidentin Bildung Thurgau.

Bild: Thi My Lien Nguyen

Im Kindergarten werden der Besuch des Kindergartens und die Durchführung der Standortgespräche bestätigt. In der 1. und 2.Klasse der Primarschule erfolgt die Beurteilung der Leistungen in den einzelnen Fächern mit sogenannten Wortprädikaten: einer vierstufigen Skala mit der Einteilung «nicht genügend / genügend / gut / sehr gut». Bisher waren diese Skalen nicht einheitlich, zum Teil wurde eine dreistufige genutzt, was zu Kritik führte: «So werden die meisten Schülerinnen und Schüler in der Mitte eingestuft», sagte Anne Varenne, Präsidentin von Bildung Thurgau.

Das voraussichtliche Zeugnisformular für die 1. Klasse.

Das voraussichtliche Zeugnisformular für die 1. Klasse.

(Screenshot: Kanton Thurgau)

Ab der 3.Klasse werden die Leistungen mit einer Note bewertet. Ausgenommen davon ist die Beurteilung in Ethik, Religion, Gemeinschaft und Berufliche Orientierung, die mit Wortprädikaten erfolgt.

Das voraussichtliche Zeugnisformular für die 3. Klasse.

Das voraussichtliche Zeugnisformular für die 3. Klasse.

(Screenshot: Kanton Thurgau)

Ab der 1.Klasse wird das Zeugnis zudem ergänzt durch die Einschätzung zum Lern-, Arbeits- und Sozialverhalten. Auch dieses wird mit der Skala von «nicht genügend» bis «sehr gut» bewertet.

Die neue vierstufige Skala kommt unter anderem bei der Beurteilung des Lern-, Arbeits- und Sozialverhaltens zum Einsatz.

Die neue vierstufige Skala kommt unter anderem bei der Beurteilung des Lern-, Arbeits- und Sozialverhaltens zum Einsatz.

(Screenshot: Kanton Thurgau)

Einzel- und Gesamtnoten

Deutsch wird mit einer Gesamtnote beurteilt. Als Ersatz zur früheren mündlichen Note werden ergänzend dazu die Leistungen in den drei Kompetenzbereichen Schreiben und Sprechen (Sprachproduktion), Lesen und Hören (Sprachrezeption) sowie Grammatik und Rechtschreibung (Sprachstrukturen) mit Wortprädikaten bewertet. Das bedeute keinen Mehraufwand für die Lehrpersonen, schreibt das Departement. In Englisch und Französisch gibt es in der Sekundarstufe zusätzlich zur Gesamtnote ebenfalls diese Differenzierung nach Kompetenzbereichen.

Zur Mathematik wird in der Primarschule eine Gesamtnote ins Zeugnis geschrieben, in der Sekundarschule Einzelnoten in Mathematik und in Geometrie. Natur, Mensch, Gesellschaft wird in der Primarschule mit einer Gesamtnote bewertet. In der Sekundarschule gibt es Einzelnoten in Physik, Chemie und Biologie, was bei einer Diskussion im Grossen Rat ausdrücklich gewünscht wurde. Auch das Fach Räume, Zeiten, Gesellschaften wird mit Einzelnoten in Geschichte und Geografie beurteilt. Die Lehrer verteilen in Gestalten je eine Einzelnote in Bildnerischem, Textilem und Technischem Gestalten. Medien und Informatik wird erst in der 5. und 6.Klasse der Primarschule sowie in der Sekundarschule mit einer Note beurteilt, weil es zuvor nicht als eigenes Fach unterrichtet wird.

Das voraussichtliche Zeugnisformular für die 1. Klasse des Sekundarschule.

Das voraussichtliche Zeugnisformular für die 1. Klasse des Sekundarschule.

(Screenshot: Kanton Thurgau)

Gesamtbeurteilung

Zeugnisnoten dürfen nicht einfach einem Durchschnitt von Prüfungsnoten entsprechen. Dies ist im neuen Reglement klar festgehalten. Stattdessen basiert das Zeugnis auf einer Gesamtbeurteilung, die sich wiederum auf «vielfältige Kompetenznachweise» stützt und auch Beobachtungen und Erfahrungen der Lehrperson aus der Lernbegleitung miteinfliessen lässt. Standardisierte Tests dagegen sind nicht Bestandteil der Gesamtbeurteilung im Zeugnis. Die Resultate solcher Tests können aber als zusätzliche Informationsquelle in die Standortgespräche einfliessen.

Im Sommer werden die kantonalen Beurteilungsgrundlagen definitiv festgelegt und auf Beginn des Schuljahres 2021/2022 in Kraft gesetzt. Dann wird auch ein Handbuch zu den neuen Zeugnissen zur Verfügung stehen, das zurzeit erarbeitet wird.

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