Die Nazi-Milchfrau von Ettenhausen

Die 1991 verstorbene Bestseller-Autorin Alja Rachmanowa wird als Märtyrerin des NS-Regimes gesehen. Neue Erkenntnisse zeigen aber, dass sie dem Nationalsozialismus gar nicht so abgeneigt war. Ihr Nachlass liegt im Thurgauer Staatsarchiv.

Dinah Hauser
Drucken
Teilen
Alja Rachmanowa in ihrem Haus in Ettenhausen im Juni 1957. (Bild: Jules Vogt/Photopress-Archiv)

Alja Rachmanowa in ihrem Haus in Ettenhausen im Juni 1957. (Bild: Jules Vogt/Photopress-Archiv)

In ihren Tagebuchromanen dokumentierte die Bestsellerautorin Alja Rachmanowa ihr Leben vor und während des Zweiten Weltkriegs. Der Bestseller heisst «Die Milchfrau in Ottakring» (erschienen 1933). Rachmanowas Bücher wurden in über 20 Sprachen übersetzt mit einer Gesamtauflage von mehr als zwei Millionen. 1945 floh sie kurz vor Kriegsende mit ihrem Mann in die Schweiz und lebte bis zu ihrem Tod 1991 in Ettenhausen.

Bei ihrem ehemaligen Haus steht nun eine Gedenkstatue. Sogar ein Weg wurde nach ihr benannt. 20 Jahre nach ihrem Tod bearbeitete die Österreicherin Ilse Stahr das Leben von Rachmanowa biografisch. Rachmanowas Nachlass ist mittlerweile inventarisiert und liegt im Staatsarchiv des Kantons Thurgau.

Die Autorin galt lange Zeit als Märtyrerin des Nationalsozialismus – so zeigte sie sich in ihren Büchern. Nun werden andere Stimmen laut. Denn Rachmanowa habe gar nicht gegen das NS-Regime gekämpft, sondern sie, ihr Ehemann Arnulf von Hoyer und der gemeinsame Sohn Jurka sollen sich gar dafür eingesetzt haben.

Dies beschreibt Franz Stadler im österreichischen Magazin «Zwischenwelt». Er stützt sich dabei auf die Forschungen des Basler Slawisten Heinrich Riggenbach. Dieser hatte Rachmanowas Nachlass inventarisiert und Tagebücher der Kriegsjahre 1942 bis 1945 vom Russischen ins Deutsche übersetzt und mit Kommentar publiziert.

Keine authentischen Tagebücher

In diesen Tagebüchern finden sich markante Unterschiede zu den erfolgreichen Tagebuchromanen. So kommt Riggenbach denn zum Schluss: Rachmanowas publizierte Werke sind keine authentischen Tagebücher. Unter anderem werde aus Rachmanowas Nachlass ersichtlich, dass der Sohn Jurka nach dem Anschluss Österreichs 1938 von Anfang an in der Hitlerjugend aktiv war.

«Dank den Kalendernotizern von Alja Rachmanowa zeigt sich, dass die Zugehörigkeit zur Hitlerjugend intensiv und die Anteilnahme der Eltern gross war.»

So wird Riggenbach in der «Zwischenwelt» zitiert. Auch Rachmanowas Ehemann, Arnulf von Hoyer, soll Mitglied eines NS-Kraftfahrkorps und des NS-Lehrerbunds gewesen sein. Rachmanowa selbst trat der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt bei.

Stossgebete für Hitlers Endsieg

«Hilf, Herr, Hitler in seinem Kampf.» Derartige Gebete kämen in den russischen Tagebüchern häufig vor. «Nicht eine Distanzierung vom Nationalsozialismus ist da zu finden», schreibt Stadler in seinem Artikel. Selbst Andeutungen oder Spuren von Skepsis oder Reserviertheit suche man vergebens.

Kurz vor Kriegsende flieht Rachmanowa mit ihrem Mann in die Schweiz. Ilse Stahr schreibt in ihrer Rachmanowa-Biografie, das vom Schicksal geprüfte Ehepaar sei vom Nazi-Regime zur Ausreise gezwungen worden. Für Riggenbach und Stadler stellt sich die Situation anders dar: Wäre die Familie nicht geflüchtet, so hätte sie sich für ihr Verhalten und ihre Zuneigung zum Nationalsozialismus einem Entnazifizierungsverfahren stellen müssen.

Rachmanowa hielt sich zeitlebens von Österreich fern. Nicht einmal zur Bestattung des gefallenen Sohnes kehrte die Familie zurück. «Alja Rachmanowa konnte kein Interesse an Begegnungen mit Menschen oder Medien haben, die möglicherweise ihre ‹Opferstory› in Frage gestellt hätten», sagt Stadler auf Anfrage.

Widmungsexemplare an Hitler geschickt

Besonders deutlich seien die Unterschiede im zweibändigen Werk «Einer von Vielen». Rachmanowa unterschlage ihre Anstrengungen, im Deutschen Reich Anerkennung zu finden. Gemäss Riggenbach hat Rachmanowa Widmungsexemplare ihrer Bücher Parteistellen und sogar Hitler selbst zukommen lassen. Franz Stadler war bei seiner Recherche erstaunt ob «der Dichte ihrer vorbehaltlosen Sympathiebekundigungen in den russischen Tagebüchern».

Was aber Riggenbach und Stadler als auffällig bekunden, ist das fast gänzliche Fehlen der Tagebücher vor 1937. Weshalb diese nicht mehr vorhanden sind, sei bisher ungeklärt. Welchen Wert der literarische Nachlass von Alja Rachmanowa noch hat? «Entwertet ist jedenfalls der Anspruch auf Authentizität und Wahrhaftigkeit, mit dem sie ihre autobiografischen Texte vermarktet hat», sagt Franz Stadler.

Zur Person

Alja Rachmanowa ist als Galina Djuragina am 27. Juni 1898 im Ural geboren worden. Rund 20 Jahre später wird die christlich-orthodoxe Familie aus dem Haus vertrieben und flüchtet nach Perm. Dort lernt Rachmanowa den österreichischen Kriegsgefangenen Arnulf von Hoyer kennen und heiratete ihn. 1925 weist die Sowjetunion die Familie aus. Sie flüchtet nach Salzburg. 1945 stirbt der Sohn Jurka im Gefecht. Die Eltern flüchten nach Ettenhausen. 1970 verstirbt der Ehemann und am 11. Februar 1991 Alja Rachmanowa. Sie wird auf dem Salzburger Kommunalfriedhof beigesetzt. In Ettenhausen steht eine Gedenkstatue. (dh)

«Sie war eine Beobachterin und Erzählerin»

Die österreichische Psychologin Ilse Stahr schrieb 2012 mit dem Buch «Das Geheimnis der Milchfrau in Ottakring» eine umfassende Biographie über Alja Rachmanowa. Weggefährten sagen, Alja Rachmanowa sei egoistisch gewesen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Die Milchfrau von Ottakring

Ihre Bücher wurden millionenfach verkauft, sie selbst blieb lieber für sich. Die Russin Alja Rachmanowa lebte bis zu ihrem Tod im Jahr 1991 in Ettenhausen. Von ihrem Nachlass profitieren die Einwohner Ettenhausens noch heute.
Nina Ladina Kurz