Interview

«Die Leute sollten bewusster Fleisch essen»: Der Kreuzlinger Bio-Unternehmer Guido Leutenegger im Interview

Der frühere Stadtrat und ehemalige Lehrer Guido Leutenegger über den verstummten Gesang der Feldlerche, das Coronavirus und die Demokratie. Und warum er nicht lügt.

Amy Douglas
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Der ehemalige Lehrer und frühere Kreuzlinger Stadtrat Guido Leutenegger: «Ich habe nur noch sehr wenige unerfüllte Wünsche. Schliesslich habe ich mir mit meinem eigenen Unternehmen meinen Traum erfüllt.»

Der ehemalige Lehrer und frühere Kreuzlinger Stadtrat Guido Leutenegger: «Ich habe nur noch sehr wenige unerfüllte Wünsche. Schliesslich habe ich mir mit meinem eigenen Unternehmen meinen Traum erfüllt.»

Bild: Reto Martin

Wie stehen Sie zur aktuellen Lage?

Guido Leutenegger: Wohl wie die gesamte Bevölkerung: mit Sorgen und Ängste rund um diese Pandemie. Sie bestimmt im Moment unser Leben und Handeln. Geschäftlich gibt es das enorme Umsatzwachstum, das im Food-Online-Handel ausgelöst wurde, zu verkraften. Meine Mitarbeiter stehen im Dauereinsatz, um die Bedürfnisse unserer Kunden zu befriedigen.

Finden Sie die Massnahmen des Bundes verhältnismässig?

Ich habe grosses Vertrauen in unsere Behörden, dass Sie richtig und massvoll handeln. Im Gegenteil: Die Signale des Bundesrates zur schnellen Stützung der Wirtschaft geben Mut. Es wird weitergehen!

Wie hat das Coronavirus Ihren Fleischhandel beeinflusst?

Massiv. Bereits vor Wochen habe ich betriebseinschneidende Vorkehrung getroffen, damit wir, wenn immer möglich, unsere Kunden zeitnah mit hochwertigen Nahrungsmitteln versorgen können. Und meine Mitarbeiter von der Krankheit verschont bleiben… und der Faktor Glück muss jetzt natürlich auch dazugehören.

Was möchten Sie unter allen Umständen in diesem Leben noch machen?

Ich habe nur noch sehr wenige unerfüllte Wünsche. Schliesslich habe ich mir mit meinem eigenen Unternehmen meinen Traum erfüllt. Meine tägliche Arbeit ist sehr erfüllend. Ein grösseres Geschenk kann man sich selbst nicht machen. Was ich aber gerne einmal noch machen will, ist eine Reise nach Schottland.

Zur Person

Früher als Lehrer und Stadtrat in Kreuzlingen tätig, widmet Guido Leutenegger sein Leben heute der Landwirtschaft und Biodiversität. In den Tessiner Alpen züchtet er schottische Hochlandrinder und produziert unter seinem Label «Natur Konkret» Fleisch aus nachhaltiger Tierhaltung. Vergangenen Dezember hat er in Kreuzlingen seinen Laden eröffnet. Der Biounternehmer ist 62 Jahre alt und hat drei Kinder. (amd)

Was beschäftigt Sie auf politischer Gemeindeebene?

Ich reichte eine Motion zur Förderung der Biodiversität ein. Das ist mein Lebensthema. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass man zu meiner Jugendzeit in der Umgebung von Kreuzlingen die Feldlerche singen hörte. Heute ist ihr Gesang leider verstummt. Ich hoffe wirklich, dass der Stadt- und Gemeinderat meine Motion unterstützen.

Welches Ergebnis einer Volksabstimmung hat Sie zuletzt enttäuscht?

Ich bin eigentlich nie enttäuscht, dazu gibt es in einer Demokratie keinen Grund. Wenn eine Abstimmung nicht wie gewünscht herauskommt, gibt es immer irgendwelche Erklärungen. Ich finde es grossartig, überhaupt mitbestimmen zu können.

Gibt es einen Lieblingsort für Sie im Thurgau?

Die naturnahe Gegend um die Hüttwiler Seenplatte gefällt mir sehr.

Womit tanken Sie Energie?

Mit Kaffee, dem Besuch eines Fussballspiels oder beim Beobachten der Natur.

Haben Sie ein Morgenritual?

Ich lese jeden Morgen die «Thurgauer Zeitung».

Was für ein Gericht würden Sie sich für Ihr letztes Mahl wünschen?

Siedfleisch vom Hochlandrind mit Pasta dazu.

Wann haben Sie das letzte Mal so richtig gelacht?

Ich lache viel. Für mich gibt es eigentlich jede Stunde etwas zu lachen und ich mache gerne dumme Sprüche. Es erleichtert einem viel, wenn man einfach Freude hat an dem, was man macht.

Worüber haben Sie sich zuletzt geärgert?

Über die Sturheit und wirtschaftsfeindliche Haltung des Kreuzlinger Stadtrats, als es um die Kioskwirtschaft in meinem Naturladen ging. Über diese Schikanen und das destruktive Verhalten des Stadtrats ärgere ich mich sehr.

Was war das letzte Buch, das Sie gelesen haben?

Ich lese nur noch selten in Büchern. Aber die Tessiner Auswanderungsgeschichte «Il fondo del sacco» von Plinio Martini habe ich bereits fünfmal gelesen.

Lügen Sie manchmal?

Nein, das ist mir zu anstrengend. Wenn man einmal anfängt zu lügen, wird es schnell kompliziert, sich die Lügen zu merken.

Haben Sie ein Vorbild?

Nein. Es gibt zwar viele bewundernswerte Leute in meiner Umgebung, aber als eigenständige Person brauche ich kein Vorbild.

Mit wem würden Sie gerne einmal eine Flasche Wein trinken?

Mit der Führungscrew des FC St.Gallen: Sie zeigt, wie man mit bescheidenen Mitteln und Fantasiereichtum im Wettbewerb mit den Grossen bestehen kann.

Was war Ihr erstes Auto?

Ich fuhr einen grünen Citroën Deux-Chevaux.

Was würde Ihre Mutter über Sie sagen?

Sie würde sagen, dass ich ein Lieber und Lustiger sei.

Was tun Sie für den Umweltschutz im Alltag?

Da ich öfters geschäftlich auf meinen Betrieb in Brandenburg reise, habe ich mir jetzt ein Billett für die Bahn gekauft, um per Zug zu reisen. Diese Umstellung ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Warum sind Sie kein Vegetarier?

Für mich gehört Fleisch zu einer ausgewogenen Ernährung dazu. Die Leute sollten aber bewusster Fleisch essen. Ich persönlich achte darauf, dass das Fleisch aus naturnaher und tiergerechter Haltung stammt.

In welchem Job wären Sie eine Fehlbesetzung?

Ich hätte Mühe, auf einer Verwaltung zu arbeiten. Mir ist es wichtig, konstruktiv und unternehmerisch tätig sein zu können.

Ihr erster Traumberuf war?

Ich wollte Fischer werden. Das hatte nicht viel mit der Realität zu tun, mir gefiel schlicht der Gedanke, allein auf den See zu fahren und ungestört unterwegs zu sein.

Können Sie kochen?

Nein, das kann ich nicht. Ich bewundere Leute aber sehr, die etwas Leckeres hinzaubern können.

Was ist Ihre schönste Kindheitserinnerung?

Ich erinnere mich liebend gern daran, wie mein Schulfreund und ich ganz unbeschwert vor, nach und manchmal auch während der Schule zusammen auf einem Hausboot auf dem Untersee Vögel beobachten gingen.

Wonach schmeckt Glück?

Nach Sonne und leichtem Wind irgendwo an einem See.

Was sollte man im Thurgau im Frühling unbedingt machen?

Ein Spaziergang durch den Kreuzlinger Seeburgpark. Er bietet eine gelungene Mischung aus Natur, Historie, Ökologie und Gastronomie. Ich hoffe, dass dies bald wieder möglich sein wird.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wenn es die Gesundheit zulässt, möchte ich bis 90 arbeiten.