Die Kulturchefin lockt die Klassikfans nach ins Kloster Fischingen

Viele Musiker wollen im Kloster Fischingen auftreten. Das ist auch Cornelia Scheiwillers Verdienst.

Daniela Huijser
Hören
Drucken
Teilen
Cornelia Scheiwiller gibt der Kultur im Kloster Fischingen einen neuen Rahmen.

Cornelia Scheiwiller gibt der Kultur im Kloster Fischingen einen neuen Rahmen.

Bild: Donato Caspari

Meist ist es ruhig in der Klosterkirche von Fischingen. Auch die Gruppen, die das barocke Bauwerk besichtigen, unterhalten sich nur flüsternd. Am 31. Dezember aber, dann wird zum Jahresausklang ein Feuerwerk gezündet. Natürlich kein feuriges. Aber Funken dürften trotzdem springen, wenn das Ensemble Fiacorda in der Silvesternacht in der Kirche aufspielt. Funken der Freude und Begeisterung.

Die acht Musiker sind der Schlusspunkt des einmal mehr reichhaltigen Kulturprogramms, mit dem das Kloster seit zwölf Jahren Klassikfans aufs Land lockt. «Wir sind aber nicht abgelegen», betont Cornelia Scheiwiller. «Innert zehn Minuten ist man ab der Autobahn in Fischingen.» Die 53-Jährige ist seit zwölf Jahren Leiterin Marketing und Kultur des Klosters. Eine Aufgabe, die sie vor viele Herausforderungen stellt und doch immer noch mit Freude erfüllt.

Zu Beginn galt es, viel Aufbauarbeit zu leisten, denn das Kloster Fischingen war damals noch kein speziell begehrter Auftrittsort für klassische Musiker. Cornelia Scheiwiller hatte bei ihrem Stellenantritt nur minime Kenntnisse der Klassikszene.

«Mit den Jahren näherte ich mich der klassischen Musik an und heute höre ich sogar zu Hause Klassik. Aber nur, wenn mein Mann und unsere drei Töchter nicht daheim sind», sagt sich mit einem vielsagenden Lachen. Gern höre sie Werke von Schumann, Streichinstrumente gefallen ihr besonders. Selber lernte sie vor einigen Jahren allerdings Querflöte – doch das Instrument liege seit längerem im Schrank.

Es soll ein buntes Programm werden

Cornelia Scheiwiller geniesst es, den Profis zuzuhören, die im Kloster Konzerte geben. 13 Veranstaltungen sind es jedes Jahr, doch Bewerbungen treffen weit über hundert bei der Kulturverantwortlichen ein. Anfang Jahr vertieft sich Cornelia Scheiwiller jeweils in die Schreiben und bereitet alles für die Sitzung der Kulturkommission vor, welche sie leitet. Im Frühling wird entschieden, wer in Fischingen auftreten darf. «Wir wollen immer ein bunt gemischtes Programm. Also bekanntere Künstler und junge Talente. Die Musik soll vielfältig sein – ein Themenjahr gibt es bei uns nicht.»

Hat die Kulturkommission entschieden, bespricht Cornelia Scheiwiller mit den Künstlern ihre Programme, damit möglichst unterschiedliche Komponisten und Stücke im Laufe des Jahres gespielt werden. Und wenn sich ein Künstler aus dem einen oder anderen Grund nicht auf die Fischinger Wünsche einlassen kann, kommt ein anderer an die Reihe. Denn die Auswahl an guten Musikern ist gross.

«Unsere Räume haben eine tolle Akustik und sind wunderschön, das hat sich bald herumgesprochen. Auch deshalb steigt die Zahl der Bewerbungen jedes Jahr an.»

Derzeit sind aber nur die Klosterkirche und der Festsaal offen. Der andere Konzertraum, die Bibliothek, wird gerade für eineinhalb Millionen Franken renoviert und erst nächstes Jahr wieder zur Verfügung stehen.

Vorfreude auf einen grossen Chor

Trotzdem ist auch das Programm 2020 reich an musikalischen Höhepunkten. Cornelia Scheiwiller zeigt stolz das druckfrische Heft, hält beim Blättern inne und weist auf ein Konzert hin, das am 16. Februar stattfinden wird. «Auf den Tenebrae Chor freue ich mich schon sehr», sagt sie und ihre Augen leuchten. «Die Engländer waren vor zwei Jahren schon einmal in Fischingen und haben das Publikum begeistert. Nun können wir sie noch einmal engagieren, weil sie am gleichen Tag noch ein weiteres Konzert in der Schweiz geben werden.»

Gewöhnlich sind es nämlich Schweizer Künstler, die im Kloster auftreten. «Wir wollen mit unserem Budget von knapp 100'000 Franken keine Spesen bezahlen, sondern möglichst viel Geld in die Konzerte investieren», sagt Cornelia Scheiwiller. Dass überhaupt so viel Geld zur Verfügung steht, liegt zum grossen Teil an Beiträgen der Gemeinde Fischingen und des Kantons Thurgau. «Mein Lohn wird übrigens vom Verein Kloster Fischingen bezahlt», erklärt die Kulturchefin. «Uns liegt auch viel daran, dass die Ticketpreise moderat bleiben; kein Konzert soll mehr als 50 Franken kosten, denn wir wollen Klassik möglichst vielen Menschen zugänglich machen.»

Dass gelegentlich ein internationaler Star in Fischingen auftrete, sei nur dank des Entgegenkommens der Künstler möglich. «Ab und zu höre ich schon als Begründung für eine tiefere Gage: ‹ich spiele sehr gerne hier› – was mich natürlich sehr freut. Viele Künstler schätzen die besinnliche Ruhe im Kloster.»

Premiere unter freiem Himmel

Bis jetzt hat Cornelia Scheiwiller viel über Klassik und Musik gesprochen; nun blättert sie im Programmheft 2020 weiter und präsentiert etwas Besonderes: «Zum ersten Mal gastiert ein Freilichtspiel bei uns. Im Juli und August wird die Bühne Thurtal das Stück ‹Zwinglis Frau› aufführen – mit einer Tribüne für 700 Personen. Das wird unsere Gastronomie fordern.»

Die leidenschaftliche Kulturförderin freut sich auch auf diese Herausforderung. «Für mich ist es ein Privileg, dass ich an diesem schönen Ort arbeiten kann», sagt die Frau, die sich scheinbar durch kaum etwas bremsen oder bedrücken lässt. Eine Schwierigkeit nennt sie dann doch:

«Mich belastet es manchmal, wie schwierig es ist, Geld für Kultur zu beschaffen.»

Wenn sie sehe, welche Ausbildung die Musikerinnen und Musiker hinter sich haben und dann trotzdem nicht von der Musik leben können, ärgere sie das, sagt Cornelia Scheiwiller mit Nachdruck, und für einen kurzen Moment wird ihr sonst fröhlicher Gesichtsausdruck nachdenklich.

Doch lange halten solche ernsten Gedanken nicht an. Schon wird Cornelia Scheiwillers Blick wieder zuversichtlich und sie sagt: «Im Kloster tanke ich Energie, ich spüre, dass dies ein Kraftort ist. Hier kann ich mich gut erden.»