Die Krux mit den Resten: Die Restessbar Frauenfeld sucht neue Lieferanten

Die Restessbar Frauenfeld hat Foodwaste den Kampf angesagt – nun gehen ihr die Lebensmittel aus.

Rahel Haag
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Eine Bezügerin erhält in der Restessbar von den freiwilligen Helferinnen Uschi und Jay Lebensmittel.

Eine Bezügerin erhält in der Restessbar von den freiwilligen Helferinnen Uschi und Jay Lebensmittel.

(Bild: Andrea Stalder)

An der Tür klebt ein weisser Pappteller. So einfach und unscheinbar die Nachricht daherkommt, so einschneidend ist sie für einige Besucher der Restessbar Frauenfeld. Die Öffnungszeiten werden um die Hälfte reduziert.

Die neuen Öffnungszeiten der Restessbar Frauenfeld.

Die neuen Öffnungszeiten der Restessbar Frauenfeld.

(Bild: Andrea Stalder)
«Wir haben ab dem 24. Februar nicht mehr genug Lebensmittel»

sagt Vereinspräsident Urs Geser. Der Grund: Ein Lieferant ist abgesprungen. Der Früchte- und Gemüseproduzent Madörin aus Märstetten habe bisher unter anderem Restaurants beliefert, die übrig gebliebenen Lebensmittel kamen nach Frauenfeld. Hier werden sie gratis an hilfsbedürftige Personen verteilt. Künftig wird Madörin seine Produkte ausschliesslich im eigenen Hofladen verkaufen und die Reste anderweitig verwerten. Geser sagt:

«Nächste Woche kommt die letzte Lieferung.»
Vereinspräsident Urs Geser.

Vereinspräsident Urs Geser.

(Bild: Andrea Stalder)

Es ist ein kalter Dienstagabend 18.30 Uhr. Heute ist eine neue Essenslieferung gekommen. In der Restessbar an der Eisenwerkstrasse, neben der Bushaltestelle Schaffhauserplatz, brennt Licht. Die freiwilligen Helferinnen Uschi und Jay sind dabei, die Lebensmittel aus der Kühlzelle in die Regale zu räumen. In den bunten Plastikkisten stapelt sich Gemüse, Sandwiches, Käse, Joghurts und Getränke. Zu den Lieferanten zählen die Chäsi Pfyn, der Sonne-Beck, der Top CC und das Kantonsspital Frauenfeld.

Bei den Grossverteilern gibt es für die Restessbar dagegen nichts zu holen. Migros, Coop, Lidl Schweiz, die Aldi Suisse AG und die Volg Konsumenwaren AG beliefern den Verein «Tischlein deck dich». «Aldi überlässt einen Teil seiner übrig gebliebenen Lebensmittel zudem dem Plättli Zoo», sagt Geser.

Die Bezüger müssen eine Nummer ziehen

Unterdessen ist es 18.50 Uhr, in zehn Minuten geht es los in die Restessbar. Die Tür steht offen, draussen warten bereits die ersten Bezüger. Pro Woche kommen zwischen 40 und 50 Personen. Sie kennen den Ablauf. Um einen Ansturm zu vermeiden, zieht jeder vorab eine Nummer und wartet anschliessend, bis er an der Reihe ist. Eine kleine alte Frau mit Strickmütze zieht die Nummer zehn. «Dann bin ich wohl wieder die Letzte», sagt sie und seufzt.

Eine Bezügerin mit ihrer Nummer.

Eine Bezügerin mit ihrer Nummer.

(Bild: Andrea Stalder)

Leer ausgehen wird sie aber nicht. «Grundsätzlich bekommt jeder eine Portion aus jeder Kiste», sagt die freiwillige Helferin Jay. Das Ziel sei jeweils, dass bis Ende Woche sämtliche Lebensmittel verteilt seien. «Produkte wie Fleisch können wir auch einfrieren und ihre Haltbarkeit somit ein wenig verlängern», sagt Geser.

Vierzehn Kisten Gemüse weniger

Die Restessbar hat sich der Bekämpfung von Foodwaste verschrieben. «Deshalb ist es eine gute Nachricht, wenn einer unserer Lieferanten abspringt, weil er keine übrig gebliebenen Lebensmittel für uns hat», sagt Geser, «eigentlich.»

Foodwaste

Der Begriff Foodwaste steht für das Wegwerfen von Lebensmitteln, die ursprünglich für den Verzehr gedacht waren. Rund ein Drittel aller in der Schweiz produzierten Lebensmittel geht zwischen Feld und Teller verloren oder wird verschwendet. Das entspricht pro Jahr rund zwei Millionen Tonnen Nahrungsmittel. Fast die Hälfte der Abfälle werden in Haushalten und der Gastronomie verursacht: Pro Person und Tag werden hierzulande im Durchschnitt 320 Gramm einwandfreie Lebensmittel weggeworfen. Dies entspricht fast einer ganzen Mahlzeit. (rha)

Dass es ihn schmerzt, die Öffnungszeiten der Restessbar reduzieren zu müssen, ist ihm deutlich anzumerken. Es geht ihm um die Bezüger, wenn er mit besorgtem Unterton sagt:

«Madörin hat uns pro Woche zirka vierzehn Kisten Gemüse geliefert.»

Seit der Hiobsbotschaft habe er verschiedene Gemüseproduzenten in der Region angefragt, ob sie die Restessbar beliefern könnten. Bisher ohne Erfolg. «Viele können ihre Reste selber verwerten», sagt Geser. Noch will der 43-Jährige aber nicht aufgeben.

«Wir werden weiter suchen und hoffen gleichzeitig, dass sich Interessenten bei uns melden.»

Eine weitere Krux besteht in der Abholung der Lebensmittel. Manchmal komme es vor, dass sie Angebote nicht annehmen können. «Aus ökologischen Gründen wollen wir nicht extra nach Arbon fahren, um eine Lieferung abzuholen.» Solche Situationen seien jeweils schmerzhaft für ihn. Deshalb spart der Verein nun auf ein Elektroauto. «Auf diese Weise wären wir in der Lage, sämtliche Lebensmittel mit einem grünen Daumen abzuholen.»

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Mathias Frei