Interview

Die Kreuzlinger Schulpräsidentin Seraina Perini ist in der Coronakrise Managerin an vielen Fronten

Coronavirus samt Folgen halten Seraina Perini auf Trab. Die Kreuzlinger Schulpräsidentin kann der Situation auch Gutes abgewinnen.

Nicole D’Orazio
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Seraina Perini findet es etwas beklemmend, dass die Grenze zu Konstanz derzeit geschlossen ist, obwohl sie dafür Verständnis hat.

Seraina Perini findet es etwas beklemmend, dass die Grenze zu Konstanz derzeit geschlossen ist, obwohl sie dafür Verständnis hat.

Bild: Reto Martin

Seraina Perini, das neue Coronavirus hat uns derzeit alle fest im Griff. Wie gehen Sie als Präsidentin der Schulen Kreuzlingen mit der Situation um?

Seraina Perini: Ich habe sehr früh den Kernstab der Schule Kreuzlingen einberufen. Als klar war, dass sich der erste Fall einer infizierten Person im Thurgau in Kreuzlingen ereignet hat, waren wir sofort gefordert und mussten schnell informieren. Das hat gut geklappt. Unser Stab besteht aus vier Personen – zwei Schulleitern, einer Schulberaterin und mir. Da ist aus verschiedenen Bereichen sehr viel Wissen vorhanden, das wir glücklicherweise nutzen können. Bis die Krise überstanden ist, bleibt der Stab aktiv.

Müssen die Lehrkräfte trotz geschlossener Schulen viele Kinder, die nicht von den Eltern beaufsichtigt werden können, betreuen?

Das sind nur wenige, im Schnitt drei Prozent der Schülerinnen und Schüler. Der Hortbetrieb läuft normal, es nutzen ihn aktuell rund sechs Prozent der Kinder.

Wie wird in der Schule Kreuzlingen ausserhalb der geschlossenen Klassenzimmer derzeit gearbeitet?

Wenn möglich, wird zu Hause gearbeitet. Die Präsenz vor Ort ist gewährleistet. Viele Sitzungen werden mit Microsoft Teams abgehalten, auch in den Behörden. In der Schulzahnklinik wurde auf Notfallbetrieb umgestellt. Im Bereich Hauswartungen haben wir die Hygienemassstäbe nach oben geschraubt, und versuchen, allgemeine Arbeiten vorzuziehen.

Und Sie selbst?

An mindestens drei Tagen bin ich im Büro. Das ist notwendig. Dabei halte ich mich natürlich an die Vorgaben des Bundesamts für Gesundheit. Die restliche Zeit arbeite ich von Zuhause aus.

Sie kennt die Schule

Seraina Perini Allemann ist 51 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern in Kreuzlingen, wo sie aufgewachsen ist. Sie ist ausgebildete Lehrerin und hat mehrere Jahre an der Mittelstufe unterrichtet. Sie hat mehrere Weiterbildungen als Ausbilderin und im Managementbereich absolviert. Elf Jahre lang war sie Mitglied der Sekundarschulbehörde Kreuzlingen. Sie arbeitete als Kulturbeauftragte der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Am 1.Mai 2019 hat Perini das Amt der Kreuzlinger Schulpräsidentin angetreten.

Sind Sie zufrieden, wie die Situation gemeistert wird?

Ja sehr, ich bin stolz auf meine grandiosen Teams auf allen Ebenen. Wir sind alle gefordert und die Mitarbeitenden zeigen ein enorm hohes Engagement.

«Auch was die Eltern leisten, ist unglaublich. Auch dafür ein grosses Kompliment.»

Nun sind Frühlingsferien. Sind Sie froh darüber?

Ja. Es ist gut und wichtig für alle Mitarbeitenden der Schule, dass sie mal etwas Zeit haben und durchschnaufen können. Die Vorbereitungen für die weitere Umstellung auf Fernunterricht laufen allerdings bereits in vollem Gange. Auch die Frage, wie einzelne Kinder und Jugendliche noch besser unterstützt werden können, wird geklärt. Allgemein beschäftigt es mich stark, wie es nach der Coronakrise weitergeht.

Wie meinen Sie das?

Wie werden die wirtschaftlichen Folgen aussehen? Was wird die Gesellschaft aus diesen Erfahrungen und den sich verändernden Strukturen machen? Vieles hat an Bedeutung dazu gewonnen, anderes verloren. Wie werden unsere Schülerinnen und Schüler zurückkommen? Werden wir die Chancen, die sich aus der Situation ergeben, nutzen können?

Zum Beispiel?

Die Wertschätzung des Präsenzunterrichts wird eine andere sein, ebenso der Umgang mit digitalen Möglichkeiten.

«Die Regionalität hat sicher an Bedeutung gewonnen. Auch hoffe ich, dass wir bewusster konsumieren werden.»

Wie meistert Ihre Familie die aktuelle Situation?

Gut. Wir haben gemeinsam mit unseren Kindern einen Wochenplan. So ist jeder für verschiedene Ämtli zuständig. Zum Beispiel wechseln wir uns mit Kochen ab, auch der Jüngste macht mit. So ist es immer spannend, was auf den Tisch kommt. Der Tagesablauf bleibt in etwa gleich und auch Bewegung wird eingeplant. Die gemeinsame Zeit geniesse ich.

Am 1. Mai sind Sie ein Jahr im Amt als Schulpräsidentin von Kreuzlingen. In dieser Zeit ist viel passiert.

Ja das kann man so sagen. Es war bisher eine intensive Zeit mit vielen Herausforderungen. Ich habe grosse Freude an der Arbeit und am tollen Zusammenspiel im Team.

Man kennt Sie nun in der Stadt. Nehmen Sie wahr, dass Sie zu einer öffentlichen Person geworden sind?

Ich werde häufiger angesprochen als früher. Meine Kinder meinten auch schon, dass es doch schön wäre, mal in die Stadt zu gehen, ohne dass ich mich so viel unterhalten würde. Ich kann sie verstehen. Als Mädchen habe ich das auch so empfunden.

Wieso wohnen Sie in Kreuzlingen?

Ich bin hier aufgewachsen und verwurzelt. Die Stadt ist mein Schmelztiegel, mein Lebensmittelpunkt. Ich schätze den See und das urbane Umfeld. Dass die Grenze derzeit geschlossen ist, beeindruckt mich und hat für mich etwas Beklemmendes. Auch wenn ich die Schliessung verstehe.

Wenn Sie den Thurgau verlassen müssten, wohin würden Sie ziehen?

Ins Engadin, meine zweite Heimat.

Haben Sie einen Lieblingsort im Thurgau?

Den Bodensee. Ich liebe meine Laufstrecke, die bei der Alten Badi am Schifffahrtshafen beginnt und dann Richtung Bottighofen führt. Beim Blick auf den Obersee geht mir das Herz auf.

«Es ist ein Luxus, hier zu leben.»

Haben Sie so etwas wie ein Morgenritual?

Wenn ich aufstehe, ist meine Katze sofort da und begrüsst mich. Dann mache ich Tee und lese die «Thurgauer Zeitung».

Was kochen Sie gerne?

Das wechselt. Meinen Risotto mögen alle. Wenn ich Zeit habe, koche ich gerne nach Yotam Ottolenghi. Oder Rezepte der Nonna, ihre Involtini sind sehr fein.

Können Sie uns ein Restaurant empfehlen?

Der «Bären» in Kreuzlingen ist in der Nähe meines Büros. Da gehe ich am Mittag gerne hin. Sehr schade finde ich, dass es die Sealounge dieses Jahr nicht mehr geben wird. Ich habe die Pasta und den wunderschönen Standort sehr gemocht.

Was ist Ihr gefühltes Alter?

Derzeit älter als auch schon. Aber eigentlich so alt, wie ich bin, 51.

Mit welcher Person würden Sie gerne einen Tag tauschen?

Bundesrat Alain Berset und Christian Spuck, Direktor des Balletts Zürich.

Was war Ihr erster Traumberuf?

Juristin.

Warum sind Sie das nicht geworden?

Mein Plan war, als Lehrerin ein bis zwei Jahre zu arbeiten und dann das Jus-Studium zu beginnen. Ich bin aber an der Schule geblieben, weil ich unglaublich gerne unterrichtet habe.

Haben Sie ein Vorbild?

Menschen, die das Eigeninteresse zu Gunsten der Sache und der Gemeinschaft zurückstellen können. Aktuell sind das für mich speziell die Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten.

Was finden Sie gut an sich?

Dass ich in schwierigen Momenten die Ruhe behalte. Und dass ich überlegt und trotzdem schnell entscheiden kann, was zu tun ist.

Was würde Ihre Mutter über Sie sagen?

Ich müsse schauen, dass ich nicht zu viel mache. Und dass ich Plätzli an Rahmsauce fast so gut hinbekomme wie sie. (Lacht.)

Was schätzen Sie an Ihrem Partner?

Den Austausch mit ihm. Die gemeinsame Affinität zur Literatur, zur Kultur, zum Reisen und das gemeinsame Kochen.

Mit wem würden Sie gerne einmal zu Abend essen?

Mit Ruth Bader Ginsburg, einer amerikanischen Juristin am Supreme Court, oder Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit.

Was möchten Sie gerne machen?

Mit dem Schiff nach New York reisen. Ich möchte dieses Gefühl von Distanz erleben.

Wann machen Ihre Kinder Sie stolz?

In Momenten wie jetzt, wenn sie selbstständig sind und von sich aus auf ältere Nachbarn zugehen und ihre Hilfe anbieten. Auch sonst bin ich oft stolz auf sie. Zum Beispiel, dass sie eine eigene Meinung haben und sie auch vertreten.

Welche Eigenschaften haben Sie von Ihrem Vater?

Er ist ein grosser Menschenfreund. Ein Teil davon hat er mir mitgegeben.

Und welche von Ihrer Mutter?

Das Organisationstalent.