Die Kirche steht nicht mehr im Dorf, sondern im Internet – Thurgauer Kirchgemeinden werden in der Coronakrise kreativ


Online-Gottesdienste, Youtube-Pfarrer und Osterfeuer aus Distanz. Für Kirchenratspräsident Wilfried Bührer kann das alles nicht das Zwischenmenschliche ersetzen.

Desirée Müller
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Der katholische Pfarrer Raimund Obrist legt in der Kirche Sirnach Bastelmaterial für Kinder bereit. Zudem kann man die Osterkerze kaufen.

Der katholische Pfarrer Raimund Obrist legt in der Kirche Sirnach Bastelmaterial für Kinder bereit. Zudem kann man die Osterkerze kaufen. 

Bild: Andrea Stalder

Wilfried Bührer, Präsident der Evangelischen Landeskirche des Kantons Thurgau, ist überzeugt: «Nichts kann das Zwischenmenschliche ersetzen.» Die teils sehr professionell inszenierten Live-Gottesdienste seien aber durchaus zukunftsweisende Erfahrungen. Sie seien «eine gute Alternative zum traditionellen Gottesdienst, die überraschend gut genutzt wird». Eine Predigt vor dem Computer am Esstisch zu verfolgen ersetze aber niemals den gemeinsamen Gottesdienst in der Kirche.

Kirchenratspräsident Wilfried Bührer.

Kirchenratspräsident Wilfried Bührer.

Bild: Donato Caspari

Auch die katholischen Pfarreien St. Alexander, Aadorf, und St. Bernhard, Tänikon, haben die Onlinemedien für sich entdeckt. Seit Mitte März stellen sie täglich ein inspirierendes Video ins Web. Einmal nimmt der Aadorfer Pfarrer Daniel Bachmann die Zuschauer mit in den Wald, wo er der Frage nachgeht, was man von den Bäumen lernen kann. Im nächsten Video steht er im Dachstock der ehemaligen Klosterkirche in Tänikon und teilt seine Gedanken zu Themen wie «Loslassen und neu Anfangen».

Hinsichtlich der Ostertage schmerzt Pfarrer Bührer das Herz. «Eine Osternacht zum Beispiel lebt von Lichtern, Gesängen und der Gemeinschaft.»

Die Kirche von Wängi wird zur Osterkerze

Lukas Weinhold, Pfarrer der evangelischen Kirche Wängi, hat mit seinem Team Grosses vor. Am Karsamstag werden zehn Osterfeuer im Dorf die Dunkelheit erhellen. Das Vorhaben wurde minutiös geplant und vom Kanton abgesegnet. «Die Feuer werden von jeweils zwei Personen aus unserem Pfarramt überwacht. Die Feuerwehr und die Notrufzentrale sind dazu informiert.»

Pfarrer Lukas Weinhold, Wängi.

Pfarrer Lukas Weinhold, Wängi.

Bild: Reto Martin

Pfarrer Weinhold ist in seinem Element. Die Beleuchtung der Kirchtürme, welche die Osterkerze symbolisieren sollen, ist installiert. Die Einwohner Wängis sind informiert. Die Osterfeuer sollen nämlich aus der Distanz genossen werden. «Zum Beispiel von den Balkonen aus. Wir haben die Plätze so gewählt, dass möglichst viele Einwohner die Möglichkeit haben, einen Blick auf die Feuer zu erhaschen», sagt der engagierte Pfarrer und vierfache Opa.

Auch ruft Weinhold zum Feiern in den eigenen vier Wänden auf. Es gebe viele Familien, bei denen die Schoggihasen-Suche der Höhepunkt des hohen Feiertages sei. «Einfach mal eine Kerze anzünden und gemeinsam singen», schlägt der 63-Jährige vor. Im Internet finde man viele Osterlieder.

Pfarrer Raimund Obrist vom katholischen Pastoralamt Hinterthurgau hat sich mit seinen Kolleginnen und Kollegen eine Osteraktion für Kinder einfallen lassen. «In den Kirchen Münchwilen, Sirnach und Eschlikon liegen Bastelmaterialen zum Thema Ostern auf. Unsere Katechetin teilte mir eben mit, dass die Utensilien rege abgeholt werden.»

Vor der katholischen Kirche Sirnach kann man seine Wünsche auf Papier bringen und an eine Leine hängen.

Vor der katholischen Kirche Sirnach kann man seine Wünsche auf Papier bringen und an eine Leine hängen.

Bild: Andrea Stalder

Auch verkauft die Kirchgemeinde extra produzierte Osterkerzen zum Selbstkostenpreis. So dass das Licht der Hoffnung in möglichst vielen Haushalten brennt. Dazu können laut dem 60-jährigen Pfarrer Unterlagen online wie auch in gedruckter Form in den Kirchen abgeholt werden. Darin finden sich Anregungen, wie Ostern im Familienkreis gefeiert werden kann.

«Unseren älteren Gemeindemitgliedern versenden wir diese Tage per Post ein Schreiben mit ebensolchen Ideen und schönen Gedanken.»

Sterbebegleitungen macht nur noch der Spitalpfarrer

Für Pfarrer Obrist, der seit dreissig Jahren im Amt ist, wie wohl auch für all seine Kolleginnen und Kollegen, ist es eine noch nie da gewesene Situation, etwas Fremdes. Sie dürfen keine Hausbesuche mehr machen, dafür werden umso mehr Telefonate geführt. Auch dürfen keine Sterbebegleitungen in Altersheimen mehr durchgeführt werden. Nur der Spitalpfarrer ist noch im Einsatz.

«Die Organisation von Beerdigungen ist aktuell eine grosse Herausforderung.»

Obrist spricht von der begrenzten Teilnehmerzahl bei den Abdankungen. «Das Verständnis bei den Trauernden ist gross, doch tut es auch mir im Herzen weh, wenn nicht alle Familienmitglieder Abschied vom Verstorbenen nehmen dürfen. Es fühlt sich alles an wie ein surreales Theaterstück», sagt er.

Kirchenratspräsident Bührer geht es ebenso. «Immerhin dürfen Gespräche mit den Angehörigen weiterhin unter Einhaltung der Richtlinien in den Trauerhäusern geführt werden. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie solch ein emotionales Gespräch in meinem Büro aussehen würde.»

Kinder spielen wieder in den Quartierstrassen

Bisher ist die Zahl der Covid-19-Opfern im Thurgau im Vergleich zu anderen Regionen der Welt verschwindend klein. «Ein Notfallkonzept haben wir nicht ausgearbeitet. Sollten die Todesfälle aber rapide zunehmen, sind wir jedoch gewappnet, um zu helfen», sagt Bührer. Da der Religionsunterricht ausfalle, hätten sie noch personelle Kapazitäten.

Mag die Situation für die Kirche noch so frustrierend sein: Eine Sache fiel Wilfried Bührer während der letzten Wochen positiv auf. «Wenn ich mit dem Velo zur Arbeit fahre, sehe ich wieder Kinder in den Quartierstrassen spielen. Dann fühle ich mich in meine Kindheit zurückversetzt.»

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