«Wenn ein Grüner kommt und deregulieren will, sind sowieso alle begeistert» - im Thurgau dürften die Hürden für Erdwärmenutzung sinken

Erdsonden-Anlagen sollen künftig erst ab einer Leistung von 500 Kilowatt eine zusätzliche Bewilligung benötigen.

Sebastian Keller
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Der Münchwiler Kantonsrat Toni Kappeler während einer Grossratssitzung in Weinfelden.

Der Münchwiler Kantonsrat Toni Kappeler während einer Grossratssitzung in Weinfelden. 

(Bild. Donato Caspari)

Die Deregulierung für eine bessere Erdwärmenutzung hat die nächste Hürde genommen. Die vorberatende Kommission stimmt Gesetzesänderungen mit 11 zu 0 Stimmen zu. Das schreibt Kommissionspräsident Toni Kappeler (GP, Münchwilen) in einem Bericht. Doch worum geht es? Im Boden schlummert Energie. Diese kann mittels Geothermie nutzbar gemacht werden – zum Wärmen oder Kühlen von Häusern. Dazu wird etwa eine Erdwärmesonde eingesetzt, die dem Erdreich Wärme entzieht oder zuführt.

Ab einer Bohrtiefe von 500 Metern oder einer maximalen Leistung von mehr als 100 Kilowatt besteht aktuell eine Bewilligungspflicht nach dem Gesetz über die Nutzung des Untergrunds (UNG). Dafür muss der Bauherr auch einen Versicherungsnachweis für die voraussichtliche Betriebsdauer von bis zu 50 Jahren erbringen.

Für Anlagen unter der Leistungsgrenze wird lediglich eine Bohrbewilligung gemäss Wasserschutzgesetz sowie eine Baubewilligung benötigt. Mittels einer parlamentarischen Initiative forderten vier Kantonsräte, dass auch Anlagen mit höheren Leistungen vom vereinfachten Verfahren profitieren.

Sie begründen: Bauherren entscheiden sich wegen der Auflagen gegen eine «sinnvolle Erdwärmenutzung». Die Forderung nach Deregulierung ist parteipolitisch breit abgestützt. Zu den Initianten zählen neben Kappeler Stefan Leuthold (GLP, Frauenfeld), Daniel Eugster (FDP, Freidorf) und Josef Gemperle (CVP, Fischingen).

Ein Beitrag zur Erreichung der Klimaziele

Die Initianten begründen, dass bei der erprobten untiefen Geothermie das Verfahren ein «unnötiges Erschwernis» darstelle. Mit der geringfügigen Gesetzesänderung werde ein Beitrag geleistet zur Erreichung der Klimaziele und zur Minimierung des Geldmittelabflusses in die «Erdölstaaten und nach Russland».

Noch immer würden heute 70 Prozent der Wohngebäude mit fossiler Energie beheizt. Toni Kappeler sagt im Gespräch: «Energiefachleute und Bauherren haben anlässlich einer Veranstaltung reklamiert, das Verfahren sei unnötig kompliziert.» Das war die Initialzündung für den Vorstoss.

Die Kommission setzt die maximale Leistung, ab wann eine UNG-Bewilligung erforderlich ist, auf 500 Kilowatt an. Auch die Regierung konnte sich dafür erwärmen. In den vergangenen drei Jahren lagen nur zwei Bauprojekte mit Erdwärmenutzung über der 500 Kilowatt-Grenze – so etwa der Spital-Neubau in Frauenfeld mit 790 Kilowatt. Eine Minderheit der Kommission strebte eine weitere Lockerung an. Doch der Antrag scheiterte knapp.

Die Bohrtiefe auf 600 Meter zu verschieben, erachtet die Regierung hingegen als nicht sinnvoll. Die Kommission hält laut Bericht aber daran fest. Kappeler begründet: «Je tiefer, desto mehr Wärme kann man herausholen.» In Mitteleuropa rund drei Grad pro 100 Meter. Die einschlägige Norm in der Schweiz (SIA) unterscheidet bei 400 Metern zwischen untiefer und tiefer Geothermie.

Kappeler sagt, die untiefe Geothermie berge ein «gigantisches Potenzial». Es handele sich um «eine effiziente und nachhaltige Methode». Zudem spreche man von Bandenergie – die Wärme steht ganzjährig zur Verfügung. Anders sieht es bei der Sonne für Fotovoltaik aus. Kappeler räumt dem Anliegen im Grossen Rat beste Chancen ein. Mit grosser Mehrheit überwies das Parlament im Herbst den Vorstoss. Der Münchwiler Kantonsrat fügt mit einem Lachen hinzu:

«Wenn ein Grüner kommt und deregulieren will, sind sowieso alle begeistert.»