Die Hüter der Leere: Hinter den Kulissen der geschlossenen Schulen und Restaurants in der Region Amriswil

Veranstaltungen abgesagt, Schulen und Restaurants geschlossen: Fotograf Helio Hickl hat in der Region Amriswil Menschen, die sonst alle Hände voll zu tun haben, an ihrem plötzlich so stillen Arbeitsplatz fotografiert. 

Ida Sandl
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Hochzeiten blockiert, Erstkommunion und Firmung verschoben. So leer hat Mesner Giuseppe Palmisano die katholische Kirche St.Stefan noch nie erlebt.
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Jetzt ist alles schön aufgeräumt, aber die Kinder fehlen ihr: Angela Krähenmann ist Hauswartin im Kindergarten Park.
Trotz leerer Tische und Stühle voll gefordert: Patrick Donatsch ist Bereichsleiter an der Polizeischule Ostschweiz. Der Unterricht läuft bis 1.Juli online.
Normalerweise ist es hier sehr lebendig: Jetzt steht Hauswart Rolf Marty allein im Kindergarten des Schulhauses Oberaach.
Der Koch und der Pizzaiolo aus Italien konnten nicht kommen. Wie und wann Maria Blasi ihr Ristorante wieder öffnet, ist noch unklar.
Die Büros im Stadthaus Amriswil sind offen, meist aber nur mit einer Person besetzt. Stadtschreiber Roland Huser allein am Sitzungstisch.
Das schöne Aprilwetter konnte Hanni Felder-Häcki, die Wirtin vom Restaurant zum Weinberg nicht nutzen: Aufgeräumte Stühle statt volles Haus.
Lokal zu, Take away läuft schlecht: Inhaber Totzman Musa im Saal seiner Pizzeria Eufrat.
Hansjakob Laib auf seiner Putzmaschine in der neuen Dreifachturnhalle. Er ist Haus- und Platzwart im Tellenfeld.
Führungen, Workshops, alles abgesagt: Frauke Dammert, designierte Leiterin des Schulmuseums Mühlebach, ganz allein inmitten von Holzbänken.
Ein Hochzeitsmonat ohne Hochzeiten. Der Trost für Andi Angehrn, Gastgeber im Wasserschloss Hagenwil: Zumindest die Umbauarbeiten kommen voran.
Selbst Hund Kio wartet auf die Gäste. Priska Schlosser führt die Viva Bar & Lounge. Ab 11. Mai werden hier sehr viel weniger Sessel stehen.

Hochzeiten blockiert, Erstkommunion und Firmung verschoben. So leer hat Mesner Giuseppe Palmisano die katholische Kirche St.Stefan noch nie erlebt. 

Bild: Helio Hickl

Desinfektionsmittel hat er sonst das ganze Jahr nicht gebraucht. Jetzt gehört desinfizieren zu den Hauptaufgaben von Ralf Oettli. Er ist Hauswart im Amriswiler Kulturzentrum Pentorama. Wo sonst Stars auftreten, tagt nun vor allem der Stadtrat. Für Oettli heisst das, Tische und Stühle so aufbauen, dass der vorgeschriebene Abstand eingehalten wird. Kein Problem bei acht, 14 oder 44 Leuten, in einem Saal, der für über tausend Menschen ausgerichtet ist.

Im Pentorama tagt jetzt der Stadtrat, weil hier der Abstand eingehalten werden kann. Nach jeder Sitzungen muss Hauswart Ralf Oettli alles desinfizieren.

Im Pentorama tagt jetzt der Stadtrat, weil hier der Abstand eingehalten werden kann. Nach jeder Sitzungen muss Hauswart Ralf Oettli alles desinfizieren.

Bild: Helio Hickl

Doch seit Mitte März ist alles anders, seitdem dürfen sich die Besucher nicht zu nahe kommen. Oettli hat ausgerechnet, dass er 180 Personen im Pentorama unterbringen könnte und der Mindestabstand bliebe gewahrt. Viel zuwenig für ein Konzert. «Es rentiert nicht», sagt Oettli. Also baut er Sitzreihen auf und ab und reinigt und desinfiziert.

Schneemann-Bilder hängen noch im Treppenhaus

Der Corona-bedingte Lockdown hat Säle, Restaurants und Schulen geleert. Fotograf Helio Hickl hat in der Region Amriswil Menschen abgelichtet, zu deren Arbeitsalltag volle Häuser und pulsierendes Leben gehören und die sich nun an die Leere ihrer Umgebung gewöhnen mussten. So wie Andreas Roth, gemeinsam mit seiner Frau Iris ist er als Hauswart für das Schulhaus Kirchstrasse zuständig, 160 Schüler werden hier in neun Klassen unterrichtet. Seit Mitte März ist die Schule geschlossen. Im Treppenhaus hängen noch immer die Zeichnungen von den Schneemännern. Normalerweise wären sie längst Frühlingsbildern gewichen.

Im Treppenhaus hängen noch die Zeichnungen von den Schneemännern. Hauswart Andreas Roth im Schulhaus Kirchstrasse.

Im Treppenhaus hängen noch die Zeichnungen von den Schneemännern. Hauswart Andreas Roth im Schulhaus Kirchstrasse.

Bild: Helio Hickl

«Das Leben fehlt», sagt Roth. Es sei ein bisschen wie in den Ferien, ausser dass zwischendurch immer wieder Lehrer auftauchen und auch einzelne Schüler, die betreut werden müssen. Manchmal hat Roth fast den Eindruck, die Kinder seien froh, dass sie in die Schule kommen können. Er vermutet: «Denen fehlen ihre Gspänli.»

Ihm selber wird es nicht langweilig, die Fenster müssen geputzt und neu gestrichen werden, der Rasen gemäht und die Rabatten gejätet. Roth fühlt sich privilegiert, dass er trotz Lockdowns arbeiten kann: «Jammern wäre fehl am Platz». Am Montag öffnet die Schule wieder, dann wird es laut und lebendig, die Kinder kommen zurück. Andreas Roth freut sich auf sie.

Ob sich der Aufwand lohnt? Vielleicht nicht

Samuel Wenger, Geschäftsführer und Mitinhaber des Freizeitparks 1001 wäre froh, er könnte schon ein Datum für die Wiedereröffnung nennen. Die Ungewissheit sei auch während des Lockdowns das grösste Hindernis gewesen. Man habe nicht einmal einen aufwendigen Umbau planen können.

Eigentlich sollte es hier laut und lustig zu und her gehen: Hauswart Ismael Özdemir hat im Spielparadies der 1001 Freizeit AG alle Fahrzeuge ganz allein für sich. Er hofft, dass bald wieder Leben in den Freizeitpark einkehrt.

Eigentlich sollte es hier laut und lustig zu und her gehen: Hauswart Ismael Özdemir hat im Spielparadies der 1001 Freizeit AG alle Fahrzeuge ganz allein für sich. Er hofft, dass bald wieder Leben in den Freizeitpark einkehrt.

Bild: Helio Hickl

Ab 11. Mai dürfen Restaurants und Sportanlagen unter Auflagen wieder Gäste empfangen. Wenger denkt darüber nach, ein paar Teilbereiche zu öffnen. Vielleicht Tennis, Badminton und den Barbereich, das Nightlife. Doch das Schutzkonzept sei sehr aufwendig und die Infrastruktur teuer. «Verdient ist damit nichts.» Im Vollbetrieb in der Wintersaison vergnügen sich im «1001» an einem guten Tag um die 800 Menschen. Wie viele jetzt kommen, sei schwer abzuschätzen. Wenger sagt: «Ich frage mich, ob sich der Aufwand wirklich lohnt.»

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