«Die Hauptsorge war das Auftreiben der Köder»: 1937 berichtete die «Schweizer Illustrierte» über die Äschenfischer in Diessenhofen

Der Diessenhofer Albin Brüllhardt hat eine «Schweizer Illustrierte» aus dem Jahr 1937 gekauft – wegen eines Artikels über die Äschenfischerei.

Thomas Brack
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Albin Brüllhardt zeigt den Bericht aus der «Schweizer Illustrierten» von 1937 mit dem Titel «Die Äschenfischer von Diessenhofen».

Albin Brüllhardt zeigt den Bericht aus der «Schweizer Illustrierten» von 1937 mit dem Titel «Die Äschenfischer von Diessenhofen».

(Bild: Thomas Brack)

Der Wirt Albin Brüllhardt sitzt am verwaisten Stammtisch seines Restaurants Fortuna in Diessenhofen. Wie alle seine Gastro-Kollegen musste er wegen Corona den Betrieb schliessen und für seine beiden Mitarbeiterinnen Kurzarbeit anmelden. Doch Gattin Ardeli und er sind nicht untätig: Sie bringen ihr Restaurant auf Vordermann: Böden und Fenster werden gereinigt, die Vorhänge heruntergenommen und gewaschen.

Vor kurzem ist Brüllhardt im Internet auf ein Angebot gestossen, dem er nicht widerstehen konnte: Es wurde die «Schweizer Illustrierte» Nr. 46 aus dem Jahr 1937 zum Kauf angeboten. Darin war ein längerer Bericht über das Äschenfischen in Diessenhofen veröffentlicht worden. Brüllhardt sagt:

«Natürlich habe ich zugegriffen.»
Die Ausgabe der «Schweizer Illustrierten» Nr. 46 aus dem Jahr 1937.

Die Ausgabe der «Schweizer Illustrierten» Nr. 46 aus dem Jahr 1937.

(Bild: Thomas Brack)

Im Artikel schreibt ein gewisser M.S. Folgendes: « Seit dem Jahre 1725 gehört das Fischrecht im Rhein von Rheinklingen bis zum Laaggut der Stadt Diessenhofen. Es wurde damals von der Stadt Diessenhofen käuflich erworben.» Äsche, Forellen, Hechte, Barben und Alet seien die Fische, welche hauptsächlich gefangen würden. Und weiter:

«Mit besonderer Leidenschaft betreiben die Diessenhofer Fischer die Äschenfischerei.»

Fischer durchsuchten jedes Güllenloch nach Maden

Weiter heisst es im Text: «Vom Oktober bis Anfang März kann dreimal wöchentlich mit der Gondel gefischt werden.» Schon im September beginne für die Fischer die Hauptsorge, das Auftreiben der Köder.

«Güllenmaden stehen dann hoch im Kurs, und 30 Kilometer im Umkreis von Diessenhofen bleibt kein Güllenloch und Misthaufen undurchsucht.»

Zirka 30 Kilogramm dieses raren Gutes brauche jeder Fischer für die ganze Saison zum Fischfang. «In Kisten, die mit Sägespänen gefüllt sind, werden die Maden bis zum Gebrauch aufbewahrt.»

Unter den Fischern seien alle Berufe vertreten, soziale Unterschiede kenne man da nicht, schreibt M.S im Artikel. «Wenn es nun so recht kalt ist und womöglich noch trübes, nebliges Wetter, dann kann selbst eine zünftige Ischias eine alten Diessenhofer Fischer nicht vom Fischen zurückhalten.»

Ein Bild aus dem Artikel «Die Äschenfischer von Diessenhofen».

Ein Bild aus dem Artikel «Die Äschenfischer von Diessenhofen».

(Bild: Thomas Brack)

Schon das blosse Zuschauen bei der ruhigsten aller Sportarten erwecke beim Laien ein sehnliches Verlangen nach einer geheizten Stube. «Kopfschüttelnd wird er vom Sportfischer hören, dass von Frieren keine Rede ist, und es nichts Aufregenderes gibt als den Äschenfang.»

Im Krieg sorgte der Fisch für das notwendige Protein

Im Artikel zeigt sich, dass Rückblicke oft dazu neigen, die Vergangenheit zu vergolden. Mag das Fischen damals im Rhein auch kaum vergleichbar mit dem heutigen sein, so muss doch darauf hingewiesen werden, dass zwei Jahre nach dem Erscheinen dieses Berichts der zweite Weltkrieg ausbrach.

Auch wenn die Schweiz von Kriegsgräueln direkt verschont blieb, kam doch eine lange und harte Zeit der Isolation und Rationierung auf die Bevölkerung zu. Da sorgte ein gelegentlicher Fisch auf dem Teller – und das muss nicht einmal eine delikate Äsche gewesen sein – für das dringend notwendige Protein.

Albin Brüllhardt bleibt derweil nur, seine Quartierbeiz für den Tag X zu rüsten, an dem die Wirtsleute ihre Stammgäste wieder willkommenheissen können. Wenn morgens endlich der Duft von frisch gemahlenem Kaffee den Raum füllt, die Arbeiter sich mit «Eingeklemmten» zum Znüni stärken können und abends das frisch gezapfte, kellerkühle Feierabendbier oder der Römer Rotwein die Kehlen der Gäste netzen. Das Leben macht durstig – auch in Zeiten von Corona.

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