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Die Grippe war der grösster Feind eines Müllheimers Soldaten während des Landesstreiks 1918

Am Ende des Ersten Weltkrieges fürchtet die Obrigkeit einen Umsturz. Die Lebensverhältnisse hatten sich verschlechtert und die Arbeiterschaft kämpft für ihre Sache. Thurgauer Soldaten rücken zum Ordnungsdienst nach Zürich ein. Unter ihnen Lehrer Emil Schär aus Müllheim.
Markus Schär*
Füsiliere defilieren am 16. November 1918 in Zürich vor General Wille und Oberstdivisionär Sonderegger (zu Pferd). (Bild: Keystone)

Füsiliere defilieren am 16. November 1918 in Zürich vor General Wille und Oberstdivisionär Sonderegger (zu Pferd). (Bild: Keystone)

Im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges verschärfen sich in der Schweiz die wirtschaftlichen und politischen Spannungen. Für grosse Teile der Bevölkerung verschlechtern sich die Lebensverhältnisse dramatisch. Mit der Mobilisation von Truppen der Armee zum Ordnungsdienst und der Ausrufung zum Landesstreik durch das Oltener Aktionskomitee von Sozialdemokraten und Gewerkschaften steht das Land Anfang November 1918 in der Krise. Über die Deutungshoheit dieses Kapitels der jüngeren Schweizer Geschichte streiten sich bis heute verschiedenste Interpreten und Akteure.

Die Zürcher Regierung befürchtet die Auflösung der gesetzlichen Ordnung und ersucht am Dienstagabend, 5. November 1918, vom Bundesrat einen verstärkten militärischen Schutz. Dieser alarmiert in derselben Nacht ein Truppenaufgebot und mobilisiert auf den 6. November 1918 nachmittags 3 Uhr nebst anderen Truppenteilen die zwei Infanterieregimenter 19 (in Luzern) und 31 (in Frauenfeld) und die zwei Kavalleriebrigaden 3 und 4, darunter das Kavallerieregiment 7.

In Frauenfeld herrscht grosse Aufregung

Emil Schär (1892-1978), Zeitzeuge. (Bild: PD)

Emil Schär (1892-1978), Zeitzeuge. (Bild: PD)

Am späten Vormittag des 6. November 1918 läuten im Thurgau die Sturmglocken zur beschleunigten Mobilisation nach Frauenfeld, wo grosse Aufregung herrscht. Im Laufe des Nachmittags rücken in sechs Extrazügen die Soldaten ein. Sie werden während der Nacht marschbereit gemacht, fassen Kriegsmunition und fahren am 7. November früh in die Nähe von Zürich. Das Thurgauer Regiment 31 kommt in den Raum Kloten-Bassersdorf und leistet bis zum 19. November Ordnungsdienst. Kommandant der Ordnungstruppen ist Divisionär Emil Sonderegger (1868–1934). Die Arbeiterbewegung sieht die militärische Intervention als Provokation, sodass das Oltener Aktionskomitee vom 12. bis 14. November mit einem landesweiten Streik reagiert.

Zeitzeuge Emil Schär: «Zürich aber sah ich nie damals»

Unter den Thurgauer Soldaten im Grenz-und Ordnungsdienst befindet sich der 26-jährige Emil Schär, Lehrer in Müllheim, der Vater des Autors dieses Beitrags. Emil Schär hat seine «Erinnerungen an den Grenzdienst 1914–1918» festgehalten:

«Der Erste Weltkrieg ging dem Ende entgegen. Deutschland unterlag, denn die USA hatte Soldaten und Material und Nahrung gebracht. In unserm Land gärte es. Unzufriedene Gruppen in den Städten hofften, durch einen Umsturz zu bessern Arbeitsbedingungen zu gelangen. Mit einem Generalstreik, durch das sog. Oltener Aktionskomitee geleitet, sollten die Anhänger der«Tauben» – würde man heute sagen – zu Boden gerungen werden. Der Bundesrat griff zur Mobilisation. Die Thurgauer Truppen unter Oberstdivisionär Sonderegger wurden gegen die Stadt Zürich eingesetzt.

Meine Kompanie nächtigte im Schulhaus Bassersdorf. Wie wir von Frauenfeld dorthin gekommen sind, ist mir längst entfallen. Die Züge verkehrten ganz unregelmässig, auch ich war erst im Laufe des Nachmittages nach Frauenfeld gekommen. Mancher rückte mit einer im Werden begriffenen Grippe ein. Weil wir eng zusammen schlafen mussten, fand die Grippe leicht ihre Opfer. Doch wir waren ahnungslos, bat ich doch meine Frau, mir das Turnerliederbuch zu schicken. Leider habe ich dabei das Datum nicht notiert, ich schätze so um den 5. Nov. 18 herum. Bald sollte es zum Marsch nach Zürich kommen.

Eben in jener Nacht wurde ich auf 2 Uhr nachts zur Wache beordert. Schlafen wollte ich noch nicht, und so spielte ich mit einigen Kameraden – der Lei war sicher auch dabei – von 12 – 2 Uhr Karten; dann stand ich Wache und wurde um 2 Uhr abgelöst. Um 3 Uhr war Abmarsch. Und wie wir marschierten, war wie angeworfen die Grippe da, ohne jegliche Vorzeichen. Noch wankte ich einige hundert Meter mit, und dann ging es einfach nicht mehr. Noch meldete ich mich ab, gab meinen Tornister dem Fourgonfahrer, frug wo das Krankenzimmer sei und schleppte mich dorthin. Dieses war leer, und einzig in der Mitte lag ein grosser Haufen Stroh, von einem oder zwei – ich kann es nicht genau sagen – bereits besetzt. Ich liess mich auch hinein sinken mit einem fiebrigen Körper. Es wurden bald Betten gebracht, ich konnte mich ausziehen, dann schlafen und am andern Tag, dem 10. Nov., schrieb ich nach Hause, ich hätte die Grippe schon überstanden, und ausser starkem Kopfweh und grosser Müdigkeit sei nichts übrig geblieben. Am 13. Nov. klagte ich immer noch über starkes Kopfweh.

Am 15. Nov. stand ich zum ersten Mal auf. «Ich bin noch nichts wert, und der Rücken schmerzt mich bedenklich», berichtete ich nach Hause. In Rümlang war eine Rekonvaleszentenkompanie vorgesehen, in die ich bald eingeliefert wurde. Unterdessen war unser Bataillon in Zürich auf Kompaniestärke zusammengeschmolzen. Zürich aber sah ich nie damals.»

Sonderegger besammelt alle aufgebotenen Truppen auf dem Zürcher «Milchbuck» und lässt sie auf der Universitätsstrasse stadteinwärts marschieren. Der Truppenarzt beim Kavallerieregiment 7 und Klinikmediziner aus Rheinau Doktor Karl Gehry erinnert sich laut der 2013 im Chronos Verlag erschienenen Biografie in seinen Tagebüchern:

«Viel Volk säumte die Strassen und schien froh, dass sie unter militärischen Schutz kamen.»

Die Thurgauer Miliz marschiert im Morgengrauen des 9. November in den Kasernenhof zu Befehlsausgaben für Bewachungs- und Schutzaufgaben in der bestreikten, aufgewühlten, aber auch verängstigten und von der Truppe wieder Ruhe und Ordnung erwartenden Stadt. Ein Bürgerkrieg liegt im Bereich der Möglichkeit.

Nötigenfalls Handgranaten: Mahnung von Oberstdivisionär Sonderegger. (Bild: PD)

Nötigenfalls Handgranaten: Mahnung von Oberstdivisionär Sonderegger. (Bild: PD)

Der Kommandant verbietet alle Versammlungen und befiehlt der Truppe in besonderen Situationen von der Waffe Gebrauch zu machen. Zum Jahrestag der Russischen Revolution (7. November)versammeln sich unerlaubterweise gegen 7000 Demonstranten auf dem Münsterplatz. Bei deren Vertreibung fallen Schüsse. Das einzige Opfer des Zürcher Generalstreiks wird ein getöteter Soldat. Der Todesschütze kann nicht eruiert werden. Rückblickend halten viele der damals aufgebotenen Wehrmänner den Ordnungsdienst für das psychisch am stärksten belastende Ereignis während des langen Aktivdienstes im Ersten Weltkrieg.

Die Aufgebotenen waren vielfach in eine Generation hineingeboren, die während ihres Lebens zur Zeit des Ersten und des Zweiten Weltkrieges zweimal Aktivdienst zu leisten hatten. Die Erinnerung vor allem an den harten, abstumpfenden und teilweise schikanösen Grenzdienst im Ersten Weltkrieg lässt die noch Jugendlichen und Ahnungslosen, im Zweiten die schon Erfahreneren nie mehr los.

Es ist schwer verdauliche Kost, die man den jungen, folgsamen, genügsamen und autoritätsgläubigen Wehrmännern in ihre Gamellen giesst.

Gleichsam zum Dessert erwartet die jungen Thurgauer in heilloser Zeit auch noch das militärische Aufgebot zum Zürcher Ordnungsdienst, wo sie nicht nur die eigenen Landsleute erwarten, sondern zudem die lautlos niederringende Grippe. Unter den Thurgauer Soldaten im Grenz- und Ordnungsdienst befindet sich auch Emil Schär (1892 bis 1978), Lehrer in Müllheim, der Vater des Autors dieses Beitrags. Lehrer Schär hat seine Erlebnisse an den Ordnungsdienst für seine Truppenkameraden festgehalten. Zürich hat er damals nicht erblickt, dagegen erkrankte er wie so viel damals an der Spanischen Grippe (siehe unten).

Zwei Stunden in der Kälte auf den General warten

Mit dem Abbruch des Generalstreiks normalisiert sich das Leben in der Stadt Zürich. Am 16. November defiliert zum Abschluss des Ordnungsdienstes das Thurgauer Regiment an General Wille, Oberstdivisionär Sonderegger und dem Zürcher Regierungsrat vorbei. Truppenarzt Gehry hält das Defilee für geradezu fahrlässig. Die in der Stadt und der nähern Umgebung stationierten Truppen hatten sich beim Alpenquai zu sammeln. Bis der General aber erscheint, muss diese während zweier Stunden in der Kälte ausharren. Gehry, der sich bei der Krankenvisite im Oerliker Schulhaus befindet, beobachtet, wie das Thurgauer Infanterie-Regiment auf dem Rückweg nach Winterthur durch Oerlikon marschiert:

«Nach einem Halt von einer Viertelstunde liess das Regiment mehr als 70 Mann an der Strasse liegen, weil die Leute wegen Fieber, Schwindel und Schwäche durch die Grippe die Säcke nicht mehr aufzunehmen vermochten.»

Als einziger Militärarzt am Platz wird Gehry mit der Versorgung der Kranken beauftragt. Er lässt im «Sternen» den Tanzsaal als Massenquartier requirieren, mit genügend Stroh, um die Kranken zu betten. Der Wirt sorgt für Heizung und heissen Tee. Daneben genügen Militärmäntel als Decken. Die Sanitäter messen das Fieber, Gehry selbst untersucht eine Anzahl Soldaten, die besonders schlecht aussehen. Aspirin ist Trumpf und einige bekommen Coramin. Zum Nachtessen gibt es Suppe und Tee nach Wunsch.

Am 19. November kommen zwei Lazarettwagen, um mit dem Abtransport zu beginnen, angeblich in ein Notspital in den Räumen der Tonhalle. Da jedoch die Tonhalle besetzt ist, fahren die Wagen – durch die der Biswind bläst – in ein Schulhaus in der Enge, zuletzt in eines in Wollishofen. Viele schlottern vor Kälte. Viele Freiwillige helfen bei der Bekämpfung der Epidemie in den Lazaretten in den Quartierschulhäusern. Die Bevölkerung wird gebeten, Material zur Verfügung zu stellen: Arzneien, Decken, Bettwäsche, Geschirr, Briefpapier und so weiter.

1200 Thurgauer Wehrmänner holen sich beim Einsatz die Grippe

Die marschfähigen Wehrmänner aus dem Thurgau kehren einige Tage später nach Frauenfeld zurück. Die Entlassung stimmt nicht fröhlich. Denn sie kommen in gelichteten Reihen und melden einen Krankenbestand von gegen 1200 Mann. Im Regiment weisen einzelne Kompanien kaum mehr als die Hälfte ihrer Bestände auf. Im Stab werden von 24 Offizieren nur sechs verschont. Ausserdem beklagen die Thurgauer Wehrmänner den Tod von 46 grippekranken Kameraden während des Ordnungsdienstes.

Das Denkmal beim Staatsarchiv in Frauenfeld ehrt die insgesamt 121 Thurgauer Wehrmänner, die während des Ersten Weltkriegs ums Leben kamen. Im ganzen Kanton Thurgau werden 20837 Krankheitsfälle gemeldet, von denen 234 tödlich verlaufen.

* Der Autor ist ehemaliger Pfarrer in Elgg. Quelle: «Interesse an seelischer Brüchigkeit. Karl Gehry (1881 bis 1962) Psychiater in der Klinik Rheinau», Susanne Peter-Kubli, Chronos Verlag.

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