Thurgauer Stiftung engagiert sich weltweit fürs Stillen

Die Familie-Larsson-Rosenquist-Stiftung in Frauenfeld hat sich der Muttermilch verschrieben.

Stefan Hilzinger
Merken
Drucken
Teilen
Eine Mutter stillt ihr Baby. (Symbolbild: Fotolia)

Eine Mutter stillt ihr Baby. (Symbolbild: Fotolia)

Die spontane Umfrage unter den Nachbarinnen ist zwar nicht repräsentativ, aber eindeutig: «Ja, wir haben alle unsere Kinder gestillt», sagen die fünf Mütter. Und damit gehören sie weltweit gesehen zu einer Minderheit. «Die meisten Mütter fangen zwar an, zu stillen, doch lediglich 30 Prozent stillen länger als über die ersten Wochen hinaus», sagt Katharina Lichtner. Sie ist Geschäftsführerin der Familie-Larsson-Rosenquist-Stiftung in Frauenfeld.

«Dedicated to human milk» steht auf einem unscheinbaren Schild beim Eingang zur renovierten Hauptpost. «Der Muttermilch gewidmet» liesse sich der Slogan der Stiftung übersetzen, die Mitte dieses Jahres aus dem Kanton Zug in den Thurgau gezogen ist. Acht Personen arbeiten in den grosszügigen Räumen über der Pizzeria.

Geschäftsführerin Katharina Lichtner im Treppenhaus des Postgebäudes. (Bilder. Reto Martin)

Geschäftsführerin Katharina Lichtner im Treppenhaus des Postgebäudes. (Bilder. Reto Martin)

Weltweit Forschung und Wissen verfügbar machen

Doch was tut die Stiftung unter der Leitung von Geschäftsführerin Lichtner? Wer googelt, wird rasch fündig. «New breastfeeding research center opens in Shanghai», schrieb «China Daily» Anfang Juni. Das Institut in der chinesischen Metropole ist nur eines von mehr als einem halben Dutzend Professuren und Instituten zum Thema Muttermilch und Stillen, welche die Stiftung ins Leben gerufen hat und die sich aus dem gestifteten Geld langfristig finanzieren können. Die Stiftung ist etwa an der Uni Zürich, in Oxford in England oder an der University of California San Diego tätig.

«Unser Grundanliegen ist es, die Wertschätzung von Muttermilch wieder zu erhöhen und somit dazu beizutragen, dass sich die globale Stillrate von derzeit 30 Prozent wieder erhöht», sagt Lichtner. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sollen möglichst 50 Prozent aller Kinder weltweit für die ersten sechs Monate ausschliesslich gestillt werden. Um das Ziel zu erreichen, will die Stiftung Vorurteile abbauen sowie neues Wissen schaffen und weltweit verfügbar machen.

«Dedicated to human milk»: Das steht auf einem unscheinbaren Schild beim Eingang zur renovierten Frauenfelder Hauptpost.

«Dedicated to human milk»: Das steht auf einem unscheinbaren Schild beim Eingang zur renovierten Frauenfelder Hauptpost.

Mit dem Aufkommen von Milchpulver sei Stillen im Westen ausser Mode gekommen. «Es galt als altmodisch. Und es ging viel Erfahrungswissen verloren», sagt Lichtner. Heute seien es im Westen gut gebildete Mütter der Mittel- und Oberschicht, die wieder vermehrt und länger stillten. In Afrika dagegen sei es ein Statussymbol, wenn eine Mutter ihr Kind mit Milchpulver und Schoppen füttert, statt an der Brust.

Forschung soll den Nutzen des Stillens kausal belegen

Ein besseres Verständnis, warum Frauen stillen und was der ökonomische Nutzen ist, verspricht sich Lichtner aus wirtschaftswissenschaftlicher Forschung. Dazu hat die Stiftung an der Uni Zürich eine spezielle Professur für Verhaltensökonomie gestiftet. «Forschungsergebnisse zeigen eine positive Korrelation zwischen Stillen und Gesundheit für Kind und Mutter sowie den daraus resultierenden volkswirtschaftlichen Nutzen. Aber oft fehlen noch wissenschaftlich belegte Kausalzusammenhänge», sagt die zweifache Mutter und promovierte Biochemikerin und Molekularbiologin.

Schwedischer Unternehmer im Kanton Zug

Die Stiftung ist nach ihren Gründern benannt: Olle und Doris Larsson-Rosenquist. Der 2018 im Alter von 89 Jahren verstorbenen Olle Larsson kam mit seiner Frau als junger Ingenieur 1955 aus Südschweden nach Zug. Zuerst war er als Angestellter tätig und gründete dann Anfang der 1960er-Jahre seine Firma: das Medizinaltechnikunternehmen Medela in Baar. Die Firma stellt unter anderem Muttermilchpumpen her und ist laut Wikipedia «spezialisiert auf die Entwicklung und Herstellung von medizinischen Vakuum-Technologielösungen». (hil)

Weitere Forschung könne hoffentlich ein besseres Verständnis liefern, warum es sich etwa für Unternehmen lohnt, ihren Mitarbeiterinnen einen Stillraum zur Verfügung zu stellen. Sie sagt:

«Wir wissen zwar, dass stillende Mütter tendenziell am Arbeitsplatz weniger fehlen, weil ihre Kinder und auch sie selbst weniger krank sind. Doch das reicht so noch nicht.»

Kritiker werfen der Stiftung Eigennützigkeit im Dienst des Medizinalunternehmens Medela vor. Diesen Vorwurf weist Lichtner vehement von sich: «Die Stiftung ist eine völlig eigenständige Organisation und die Arbeit der Stiftung geschieht vollkommen unabhängig von Medela.» Die Stiftung hat die Institute und Professuren à-fonds-perdu gestiftet. «Rechte an Entwicklungen bleiben bei den Forschenden oder den Universitäten.» Alle Forschungsergebnisse gehörten der Allgemeinheit.

Der Umzug aus dem Kanton Zug nach Frauenfeld sei nun aber erfolgt, um nebst der rechtlichen auch eine klare räumliche Trennung vorzunehmen. Die Stiftung möchte nicht in die Ecke fundamentaler Still-Lobbyistinnen gestellt werden. Geschäftsführerin Lichtner sagt: «Es gibt gute Gründe, warum eine Frau nicht oder nur kurz stillt. Keine Mutter ist besser oder schlechter, allein weil sie stillt oder nicht.

Stillberaterin sagt: «Mutter und Kind müssen das Stillen erst lernen.»

Die Frauenfelderin Sabine Ausderau arbeitet als Still- und Laktationsberaterin bei der Väter- und Mütterberatung bei Perspektive Thurgau.

Sabine Ausderau, Stillberaterin, Perspektive Thurgau (Bild:PD)

Sabine Ausderau, Stillberaterin, Perspektive Thurgau (Bild:PD)

Warum hören Frauen vorzeitig auf mit Stillen?

Sabine Ausderau: Es gibt vielfältige Gründe. In der Beratung werden meistens Schmerzen beim Stillen oder fehlende Milch genannt. Schmerzen sind vor allem in der Startphase ein häufiges Problem. Die liessen sich oft vermeiden, wenn Mütter gut angeleitet würden und sie wissen, worauf sie achten müssen.

Und das wäre?

Ganz wichtig sind eine korrekte und bequeme Stillposition für Mutter und Kind. Das Kind muss lernen, die Brust richtig zu erfassen. Es ist ein Irrglaube, Babys kämen zur Welt und das Stillen funktioniere einfach so. Für viele Frauen ist das nach der Geburt überraschend, weil zunächst die Vorbereitung auf die Geburt im Vordergrund steht. Stillen ist ein Lernprozess für Mutter und Kind. Das benötigt ganz viel Zeit und Ruhe ohne Störungen.

Stimmt es Ihrer Erfahrung nach tatsächlich, dass nur jede dritte Frau stillt?

Die Frage ist hier, wie das definiert ist. Meiner Erfahrung nach beginnen viele mit Stillen, hören aber früh wieder auf. Was wiederum viele Ursachen haben kann, wie die erwähnten Schmerzen oder zu wenig Milch. Und dann kommt in der Schweiz dazu, dass bei vielen Frauen nach 14 Wochen der Mutterschaftsurlaub endet, was das Stillen nochmals erschwert.

Weil sie die Arbeitgeber zu wenig unterstützen?

Es gibt durchaus Arbeitgeber, die stillende Mütter unterstützen. Schliesslich hätten Mütter im ersten Jahr bis zu anderthalb Stunden bezahlte Arbeitszeit zugute, um zu stillen oder Milch abzupumpen. Doch die Realität am Arbeitsplatz sieht halt häufig anders aus. Stillende Mütter benötigten nicht nur Zeit, sondern auch eine ruhige Umgebung. Weil in der Arbeitswelt allgemein viel erwartet wird, entscheiden sich arbeitstätige Mütter dann oft dazu, abzustillen – verständlicherweise auch um sich zu entlasten.

Wie gut ist Stillen in der Gesellschaft akzeptiert?

Da begehen die Mütter einen schmalen Grat zwischen «Was, du stillst nicht?!» und «Was, du stillst immer noch?!» (hil)