Die Frau als Giftmörderin: Stereotyp oder Tatsache?

Statistiken zeigen es deutlich: Männer töten öfter als Frauen. Doch den Frauen wird nachgesagt, hauptsächlich perfide und heimlich, meist mit Gift zu töten. Doch stimmt das? Eine Antwort fällt schwer, denn die Dunkelziffer ist hoch.

Sabrina Bächi
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Der Krimiklassiker schlechthin: Das Theaterstück Arsen und Spitzenhäubchen von Joseph Kesselring. (Bild: Imago Images)

Der Krimiklassiker schlechthin: Das Theaterstück Arsen und Spitzenhäubchen von Joseph Kesselring. (Bild: Imago Images)

Im Schnitt gibt es in der Schweiz heutzutage rund 50 Mordopfer im Jahr. Wie aus Untersuchungen des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahr 2018 hervorgeht, stehen bei rund einem Drittel der Tötungsdelikte die Opfer in einer häuslichen Beziehung zur tatverdächtigen Person. Davon sind wiederum drei Viertel der Fälle aktuelle oder ehemalige Partnerschaften.

Margaretha Rümmel wäre also auch heute nicht alleine als Mörderin eines Ehemanns. Doch das Bundesamt hält auch fest: In der Mehrheit sind die Täter von Tötungsdelikten männlich. Tatverdächtige Personen bei Tötungsdelikten, die in einem häuslichen Umfeld geschehen, sind zu 75 Prozent Männer. Opfer dieser Tötungsdelikte sind zu 70 Prozent Frauen. Als Tatmittel für einen Mord steht Gift jedoch ganz unten auf der Liste. Am häufigsten verzeichnet die Polizei Schneid- und Stichwaffen als Mordinstrumente.

Historische Gründe für den Giftmord

Die deutsche Fachapothekerin Erika Eikermann untersuchte in ihrer Dissertation historische Giftanschläge ausgeübt von Frauen. Sie wollte dem Stereotyp der Frau als Giftmörderin auf den Grund gehen und untersuchte verschiedene bekannte Geschichten weiblicher Giftmischerinnen. Für Eikermann ist klar:

«Wenn Frauen morden, dann fast immer mit Gift.»

Sie führt dazu traditionelle Gründe an. Frauen hätten sich von alters her mit der Zubereitung von Speisen und der Krankenpflege innerhalb der Familie beschäftigt. Dadurch sammelten sie Erfahrungen im Umgang mit Kräutern und Substanzen, die als Nahrungs-, Heil- und eben auch als Giftmittel eingesetzt werden konnten. Waren es früher Kräuter, so würden gemäss Eikermann heutzutage hauptsächlich Arzneimittel als Gifte missbraucht.

Frauen töten meist aus Not

Ob Frauen im Ganzen häufiger mit Gift morden als die in der Mordstatistik insgesamt führenden Männer, ist allerdings nicht belegt – allein schon aufgrund der kaum abzuschätzenden Dunkelziffer. In einer Studie der Universität Neuenburg kommen zwei Kriminologinnen zum Schluss, dass Frauen meist aus Not töten.

Véronique Jaquier und Joëlle Vuille haben Fälle untersucht, in denen Frauen töteten. Sie untersuchten auch das stereotype Bild der Frau als Giftmörderin. Sie halten fest: Frauen töten in fast der Hälfte aller Mordfälle ihre Partner oder Ex-Partner. Und dies fast immer, wenn der Mann vorgängig Gewalt gegen die Frau angewandt hat. Im Gegensatz zu Männern, so die Forscherinnen, töten Frauen selten im Affekt, sondern erst nach langem Erdulden von Leid. Frauen wenden auch ganz generell weniger Gewalt an als Männer, doch Giftmörderinnen und auch Serienmörderinnen sind extrem selten. Dennoch:

«Es gibt kaum ein Verbrechen, das Frauen nicht begehen.»

In der Hauptsache übertreten Frauen – genau so wie die Männer – das Gesetz am häufigsten mit Vergehen, die das Strassenverkehrsgesetz betreffen. Lediglich ein Fünftel der Verbrechen sind solche gegen Leib und Leben. Nur 15 bis 25 Prozent aller Straftaten werden in der Schweiz von Frauen begangen.

Die Kantonspolizei Thurgau teilt auf Anfrage mit, dass es seit 2005 im Thurgau «keinen Mord, keine vorsätzliche Tötung, keine Gefährdung des Lebens und keine Körperverletzung gab, bei denen Gift eingesetzt worden ist.»