Eine Weinfelderin bringt Fantasie in die richtige Form

Lara Zahnd hat sich für die deutsche Meisterschaft für Maskenbildner in Ausbildung qualifiziert. Im März will die 18-Jährige aus Weinfelden mit ihrer Version eines Weissen Wanderers in Düsseldorf punkten.

Hana Mauder
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Lara Zahnd arbeitet gern in einer Atmosphäre des kreativen Chaos. (Bild: Reto Martin)

Lara Zahnd arbeitet gern in einer Atmosphäre des kreativen Chaos. (Bild: Reto Martin)

Auf den Tischen stapeln sich Hautkleber, Latexteile, Cutter, Spachtel und Modellierwerkzeuge. Gesichtsteile aus Gelatine liegen neben Gipsköpfen, Holzwerkzeug, Gummipinsel und Masken aus Kaltschaum und Silikon. Auf Holzköpfen hängen handgeknüpfte Perücken in unzähligen Formen und Farben. In einer stillen Ecke sitzt Lara Zahnd vor einem Garderoben-Spiegel und ritzt mit ruhiger Hand Details in ein Kopfmodell aus Gips und Ton.

Als Vorlage dient ihr die Zeichnung eines Weissen Wanderers. Die Figur aus der Filmserie Game of Thrones hat die 18-Jährige aus Weinfelden inspiriert. Im März will sie mit dieser Maske an der deutschen Meisterschaft in Düsseldorf punkten. «Eiszeit» lautet das Thema. Sechs angehende Berufsleute haben es in die Endauswahl geschafft.

Mut zum eigenen Lebensentwurf

Lara Zahnd streicht sich ihre leuchtend blauen Haare aus dem Gesicht. Wenn sie arbeitet, ­versinkt die Welt um sie herum in Stille. «In der Regel ist Mas­kenbildner ein Zweitberuf», sagt sie und rückt den Modellkopf ins rechte Licht. Für sie stand der Karrierewunsch allerdings bereits in der Schule fest. Mut zum individuellen Lebensentwurf liegt in der Familie: Der jüngere Bruder studiert Tanz in Wien. Der Ältere will Philosoph werden.

Da es in der Schweiz nur eine Handvoll Ausbildungsbetriebe gibt, betrachtet es Zahnd als Glücksfall, dass sie ihre Lehrstelle in der «MaskenWerkstatt Schweiz» in Arbon fand. Die Inhaberin Sandra Wartenberg lässt den jungen Berufsleuten viel Raum für ihre Entwicklung.

Bereits in der Bewerbungsphase

«Den Zeitaufwand für die fertige Maske kann ich noch nicht einschätzen», meint Lara Zahnd. Die Arbeit gestaltet sich als eine Reise in mehreren Etappen und einem klaren Ziel: An der deutschen Meisterschaft eine gute Figur zu machen. Schliesslich ist diese ein ­Meilenstein für den weiteren ­Berufsweg. «Meine Abschlussprüfungen sind im Juni. Ich bin jetzt schon in der Bewerbungsphase», sagt das junge Talent.

Ihr Zertifikat wird ihr von der Internationalen Handelskammer in Deutschland ausgestellt werden. Dann gilt es, den Fuss in die Tür zu bekommen. Eine gute Bewertung bei der Meister- schaft wäre da sicher ein Pluspunkt. «Viel Geld verdient man in meiner Branche nicht», meint sie mit einem Achselzucken. «Aber die ganze Welt steht einem offen.»

Für ihren Wunschberuf nimmt die junge Frau im dritten Lehrjahr einen weiten Schulweg in Kauf. Die Berufsanwärter aus der Schweiz und aus Deutschland besuchen Blockunterricht in der Louis-Lepoix-Schule in Baden-Baden. 12 Wochen im Jahr verbringen die Studenten vor Ort. Sie büffeln Kunstgeschichte und -stile von Rokoko bis Moderne, Themen wie Hygiene, Haut und Haar. Maskenbildner verändern das Aussehen von Schauspielern so, dass sie zu Drehbuch, Charakter und Zeitepoche passen. Vom Schminken über das Frisieren bis zur Maske muss das Handwerk sitzen.

Bis zu 60 Arbeitsstunden für eine Maske

Ein langer Geduldsfaden ist Pflicht. Lara Zahnd nimmt eine der massgefertigten Individualperücken von einem Holzkopf und betrachtet das Unikat mit ­kritischem Blick. Dann zupft sie mit zwei Fingern einzelne Haare aus einem vor ihr liegenden Büschel, knüpft es auf und sticht es sorgfältig in hautfeinen Tüll ein. Die Haarpracht ihres Weissen Wanderers soll so authentisch wie nur möglich aussehen. In einer handgeknüpften Perücke aus Echthaar stecken bis zu 60 Arbeitsstunden. Die haarigen Kunstwerke sind ein Aushängeschild ihres Lehrbetriebes.

Lara Zahnds Ausbildung spielt sich nicht nur in der Werkstatt ab. Regelmässig arbeitet sie direkt am Ort des Geschehens: Ihr Lehrbetrieb ist hinter den Kulissen von Theatern, Musicals und von Filmproduktionen tätig. Hier ist Empathie gefragt: «Der Umgang mit den Schauspielern verlangt viel Fingerspitzengefühl», verrät die junge Fachfrau.

«Vor einer Aufführung liegen die Nerven blank. Da heisst es Ruhe bewahren und sich durchsetzen.»

Im März wird Lara Zahnd selber mit Lampenfieber kämpfen müssen. Dann wird die internationale Jury in Düsseldorf ihren Weissen Wanderer 90 Minuten lang auf Herz und Nieren prüfen. «Es gibt noch so viel zu tun», meint sie und nimmt den Spachtel zur Hand. «Ich will zeigen, was ich kann.»

Frostiges Thema

Lara Zahnd gehört zu den Auszubildenden aus Opernhäusern, Theatern und Maskenbildnerschulen, die sich für die Deutsche Meisterschaft für Maskenbildner in Ausbildung am 31. März in Düsseldorf qualifiziert haben. In diesem Jahr werden die sechs Teilnehmer zum Thema «Frost» urzeitliche Tiere, Schneeköniginnen und Eiskreaturen zum Leben erwecken. Die «MaskenWerkstatt» aus Arbon ist ein unabhängiger Betrieb, der Theaterproduktionen ausstattet und Film- und Medienfirmen übernimmt.

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