«Die Aufarbeitung der Geschichte hat mir geholfen, meine Trauer zu verarbeiten»: Eine Thurgauerin veröffentlicht ein Buch über ihren verstorbenen drogensüchtigen Partner

Die Thurgauer Journalistin Fridy Schürch war die Partnerin eines Drogensüchtigen. Knapp sechs Jahre nach seinem Tod veröffentlicht sie nun seine Autobiografie.

Evi Biedermann
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Fridy Schürch veröffentlicht Ende April die Autobiografie ihres verstorbenen Partners.

Fridy Schürch veröffentlicht Ende April die Autobiografie ihres verstorbenen Partners.

Bild: Evi Biedermann

Sieben Jahre dauerte die Beziehung von Fridy Schürch und Claude-Alain Humbert. Kennen gelernt haben sich die beiden 2007 in Berlingen, wo die Journalistin während zehn Jahren das «Schatzchischtli» führte. Die Boutique für Kunst und Geschenke war dem Gast aus Zürich immer ein Besuch wert, wenn er zur Kur im «Seeblick» weilte.

Eines Tages meldete er sich jedoch telefonisch. «Kann ich Ihnen im Geschäft helfen?», fragte er Fridy Schürch. Er sei in einer Krise. Schonungslos erzählte ihr der 51-Jährige noch gleichentags von seiner Drogenabhängigkeit, und was diese seit Jahrzehnten mit ihm anstellte.

Der feine, attraktive und charismatische Mann ein Drogensüchtiger?

«Nichts wies darauf hin, weder seine Erscheinung noch sein Verhalten»

erinnert sich Fridy Schürch. Voller Empathie habe sie sich geschworen: Dieser Mann darf nicht verloren gehen. «Ich wollte ihm helfen und war überzeugt, dass das möglich ist.»

Ein Leben mit krassen Schwankungen

Ein paar Monate später waren sie ein Paar. Zwei Verliebte, die einander gefunden hatten und hoffnungsvoll in die Zukunft blickten. Die Realität sah anders aus. Ein Leben mit krassen Schwankungen zwischen Himmel und Hölle. Ihr Alltag war geprägt von symbiotischem Glücksgefühl und zerstörerischer Entfremdung.

Zum Himmel gehörten anregende Gespräche, befruchtende Begegnungen im Freundeskreis sowie Reisen an reizvolle Orte. Die Hölle waren seine immer wiederkehrenden Abstürze mit all ihren Nachwehen und Grenzerfahrungen. Unantastbar indes blieb der Glaube, gemeinsam die Sucht zu besiegen. Wie sehr Claude-Alain Humbert das wollte, betonte er in seiner 2008 angefangenen Autobiografie. Er schrieb Sätze wie:

«Mein Ziel ist es, Altes auszuräumen und ein perfekter Mensch zu werden.»

Es sollte ein gnadenlos ehrliches Buch über seine Drogensucht werden. Sein Lebenswerk. Mit dem ambitiösen Ziel, am Ende den angestrebten Ausstieg zu verkünden. Dazu kam es nicht mehr: Nach dreieinhalb Jahren völliger Abstinenz stürzte er 2013 wieder ab. 2014 starb Claude-Alain Humbert, 58-jährig, an Leberzirrhose.

Das Buch hingegen wird im April erscheinen. Fridy Schürch hat das umfangreiche Textmaterial redigiert und ergänzt.

«Ich wusste, wie viel Claude-Alain dieses Buch bedeutet hat.»

Nach seinem Tod einfach alles versanden zu lassen, wäre für sie unmöglich gewesen. Das Ausmass der Arbeit habe sie jedoch unterschätzt. Es ging nicht nur darum, rund 600 Seiten auf eine übersichtliche Länge zu kürzen, sondern auch darum, einen Verlag zu finden, der das Manuskript ohne finanzielle Forderungen akzeptierte. «Dann ging die Kürzerei von neuem los.»

Ein intensives Kapitel geht zu Ende

Rund vier Jahre hat es gedauert, bis das 260 Seiten umfassende Buch druckreif war. Es dokumentiert mit erschreckender Klarsicht das Scheitern des Suchtkranken wie auch seines Umfelds, das dessen Suchtverhalten in Co-Abhängigkeit gefördert hat. Mit dem Abschluss der Arbeit geht für Fridy Schürch ein langes, intensives und teils schmerzhaftes Kapitel zu Ende. Eine Zeit, die sie nicht missen möchte.

«Die Aufarbeitung der Geschichte hat mir geholfen, meine Trauer zu verarbeiten.»

«Verpasste Chancen», ISBN: 978-3-7296-5039-8, erscheint am 24. April im Zytglogge-Verlag

«Verpasste Chancen»

Claude-Alain Humbert, Jahrgang 1955, Sohn aus besten Zürcher Verhältnissen, machte als Jugendlicher erste Rauscherfahrungen und rutschte später in die Zürcher Drogenszene. Seine Eltern waren zu jeder Unterstützung bereit. Über die Jahre wanderten so Hunderttausende Franken in die Hände von Scientologen und anderen vermeintlichen Helfern.

2004 schrieb er den «Religionsführer Zürich». Seine Kenntnisse über Religionen und Spiritualität machten ihn zum begehrten Referenten. Zudem engagierte er sich als Freiwilliger im Sozialwerk Pfarrer Sieber.

Fridy Schürch unterstützte ihn bis zu seinem Tod darin, von den Drogen wegzukommen. Die Journalistin lebte lange in Uesslingen und schrieb auch für die «Thurgauer Zeitung». Heute wohnt sie in Schaffhausen. (bie)