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Grosis heimtückische Pillen: Medikamentensucht gibt es auch im Thurgau

Viele ältere Menschen leiden unter Schlafproblemen. Medikamente verschaffen Linderung, bringen aber auch Risiken: Schwere Nebenwirkungen und hohes Abhängigkeitspotenzial. Dennoch werden sie häufig verschrieben.
Samantha Zaugg
Die 78-jährige Thurgauerin nimmt seit mehr als 40 Jahren Schlaftabletten. (Bild: Samantha Zaugg)

Die 78-jährige Thurgauerin nimmt seit mehr als 40 Jahren Schlaftabletten. (Bild: Samantha Zaugg)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Maria Müller* kann auf den Tag genau sagen, seit wann sie Schlaftabletten nimmt. Es war der Tag, an dem ihr Vater starb. «Seit Vaters Tod kann ich nicht mehr schlafen. Das ist jetzt mehr als vierzig Jahre her.»

Heute ist Maria Müller 78 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann in einer kleinen Wohnung in Frauenfeld. Gesundheitlich geht es ihr gut, wenn nur das mit dem Schlaf nicht wäre.

«Ich bin müde und gehe ins Bett, aber sobald ich das Licht ausmache, bin ich wieder hellwach. Stundenlang.»

Damit ist die Thurgauerin nicht allein. Es wird angenommen, dass in der Schweiz rund 200'000 Personen ab 15 Jahren einen problematischen Umgang mit Schlaf- oder Beruhigungsmitteln haben. Das zeigen Zahlen von Suchtmonitoring Schweiz. Maria Müller gehört zur Risikogruppe: Am stärksten verbreitet ist das Phänomen bei Frauen über 70 Jahren.

Infografik: «Sucht Schweiz»

Infografik: «Sucht Schweiz»

Die Wirkstoffe sind für eine kurzzeitige Behandlung gedacht

Wie die Situation im Thurgau ist, lässt sich schwer einschätzen. Vom Amt für Gesundheit ist auf Anfrage zu erfahren, dass im Kanton keine spezifischen Zahlen zu Medikamentensucht im Alter erhoben wurden. Es sei anzunehmen, dass die Situation etwa gleich sei wie im Rest der Schweiz.

Im kantonalen Suchtkonzept ist aber das Problem festgehalten, dass sich «bei älteren Menschen ein relativ hoher Gebrauch von Schlaf- und Beruhigungsmitteln feststellen» lässt.

Diese Entwicklung ist aus verschiedenen Gründen problematisch. Einerseits können die darin enthaltenen Wirkstoffe Benzodiazepine schwere Nebenwirkungen mit sich bringen, anderseits haben die Medikamente ein hohes Abhängigkeitspotenzial. Benzodiazepine sind für die kurzzeitige Behandlung gedacht, nicht für den monate- oder gar jahrelangen Einsatz.

Gefahren und Nebenwirkungen nie mit Arzt besprochen

Doch die Praxis sieht anders aus, das zeigt auch das Beispiel von Maria Müller. Seit mehr als zwanzig Jahren nimmt sie das gleiche Medikament. Der enthaltene Wirkstoff Zolpidem gehört zwar zu einer anderen chemischen Familie als die Benzodiazepine, wirkt aber auf die gleiche Art und bringt auch die gleichen Risiken mit. Allen voran das hohe Abhängigkeitspotenzial.

Laut Packungsbeilage soll die Behandlung vier Wochen nicht überschreiten. Eine länger dauernde Therapie dürfe nur unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle erfolgen.

So eine Kontrolle gibt es bei Müller nicht. Seit Jahren holt sie immer wieder das Rezept, Gefahren und Nebenwirkungen hat sie mit ihrem Arzt nie besprochen.

Das Medikament kann sich im Körper anhäufen

Genau das kritisiert Martin Peterson, leitender Arzt bei der Alterspsychiatrie und -psychotherapie der Psychiatrischen Dienste Thurgau: «Zum Teil verschreiben die Hausärzte das Medikament noch leichtfertig.» Gerade bei älteren Menschen könne das gefährlich werden, so Peterson weiter:

«Das Hirn reagiert sensibler, der Stoffwechsel ist langsamer, das Medikament kann sich im Körper anhäufen. Als Nebenwirkung wird die Kognition eingeschränkt, die Sturzgefahr wird erhöht.»

Hausärzte wehren sich gegen diese Kritik. Philippe Luchsinger, Präsident der Haus- und Kinderärzte Schweiz, sagt: «Die Vorwürfe der leichtfertigen Verschreibung stehen schon jahrelang im Raum. Doch sie nehmen keine Rücksicht auf das Vertrauensverhältnis, das ein Hausarzt zu seinem Patienten hat.» Luchsinger bestätigt, dass Benzodiazepine zu einer Medikamentengruppe gehören, die gefährlich werden können, deshalb seien die Medikamente ja verschreibungspflichtig.

Wie kommt es also zu Fällen wie demjenigen von Maria Müller, einer Frau, die jahrzehntelang ein Medikament unkontrolliert einnimmt, das eigentlich für die Einnahme von wenigen Wochen vorgesehen ist? Philippe Luchsinger sagt, man dürfe eine bestimmte Klasse von Medikamenten nicht kategorisch ausschliessen:

«Wenn sie das Wohlergehen des Patienten fördern, dann gibt es keinen Grund, etwas nicht zu verschreiben. Wenn ein Medikament funktioniert und es dem Patienten damit gut geht, dann lässt man das.»

Psychische Erkrankungen sind stigmatisiert

Tatsächlich sind die Benzodiazepine bei vielen Patienten beliebt. Der Grund ist einfach: Sie sind sehr wirksam, Schlafprobleme lassen sich damit leicht in den Griff kriegen. Es ist einfacher, die Symptome medikamentös zu behandeln als sich zu fragen, weshalb man nicht schlafen kann. Oft wäre eine psychotherapeutische Behandlung der einzige Weg, Schlafprobleme ganzheitlich zu heilen.

Das bestätigt auch Philippe Luchsinger. Doch wie so oft ist es in der Realität nicht so einfach: «Nicht jeder Patient kann und will psychotherapiert werden. Ausserdem ist das Angebot für Psychotherapie gerade in ländlichen Gebieten nicht ausreichend vorhanden.»

Dazu kommt, dass psychische Erkrankungen nach wie vor ein Tabuthema sind, sagt Martin Peterson von den Psychiatrischen Diensten Thurgau: «Psychiatrische Erkrankungen sind für ältere Menschen nach wie vor stigmatisiert. Im Thurgau ist ‹Münsterlingen Seeseite› bei der älteren Generation noch fest in den Köpfen verankert. Psychiatrische Behandlung ist negativ besetzt und macht vielen Menschen Angst.»

«Ich will einfach nicht süchtig werden»

Maria Müller fühlt sich wohl mit ihrem Medikament. Und trotzdem ist sie vorsichtig. Obwohl sie nie mit ihrem Arzt darüber gesprochen hat, weiss sie um die Risiken, sind sie in der Packungsbeilage doch ausführlich beschrieben. Eigentlich dürfte sie jeden Abend eine halbe Tablette nehmen, aber wenn es geht, versucht sie ohne auszukommen.

Mit einem kleinen Rüstmesser halbiert die Thurgauerin die Tablette und legt sie bereit. Wenn sie nicht schlafen kann, beisst sie von der Hälfte erst mal ein bisschen ab, nimmt nur einen Viertel. Manchmal reiche das schon. «Das mache ich aus Selbstdisziplin, ich will einfach nicht süchtig werden.»

* Name geändert

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