Serie
Die Adventskalender-Geschichte (23/24): Koch trifft Koch, oder: Das Gespräch mit dem berühmten «Wetten, dass...»-Namensvetter

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um zwei Männer namens Samuel Koch. Einer arbeitet als Redaktor bei diesem Medienhaus. Der andere steht im Rampenlicht, seit er vor neun Jahren in der Sendung «Wetten, dass ... » fürchterlich stürzte.

Samuel Koch
Drucken
Teilen
Schauspieler und Tetraplegiker Samuel Koch sitzt in seinem Elektrorollstuhl im Nationaltheater Mannheim.

Schauspieler und Tetraplegiker Samuel Koch sitzt in seinem Elektrorollstuhl im Nationaltheater Mannheim.

(Bild: Donato Caspari)

Immer kurz vor Weihnachten wird einem Redaktor vor Augen geführt, was er im vergangenen Jahr für den Arbeitgeber alles produziert hat. Denn für den obligaten Jahresrückblick blättert er Dutzende Seiten Zeitungspapier durch und klickt sich durch ungezählte Online-Artikel.

Samuel Koch, Leiter Ressort Frauenfeld.

Samuel Koch, Leiter Ressort Frauenfeld.

(Bild: Reto Martin)

Ohne Zeitungen und Mausklicks als Hilfsmittel bleibt mir ein Treffen in besonderer Erinnerung: jenes mit meinem berühmten Namensvetter. Für das Gespräch im Werkhaus des Nationaltheaters in Mannheim habe ich mit unserem Fotografen Donato Caspari an einem Tag weit über 600 Kilometer zurückgelegt. Gelohnt haben sich die langen Autofahrten garantiert, denn dadurch konnte ich mir einen langersehnten Wunsch in meinem interessanten und abwechslungsreichen Beruf als Redaktor erfüllen.

Den Wunsch fürs Gespräch mit meinem berühmten Namensvetter hat mir übrigens der Amriswiler Regisseur Florian Rexer überhaupt erst in meinen Kopf gesetzt. Während eines Treffens in St.Gallen kurz vor Weihnachten 2015 mit ihm und einem jungen Musiker namens Charles Troxler, dem er im Rahmen des Hilfsprojekts «Ostschweizer helfen Ostschweizern» (OhO) zur Seite stand, sagte Rexer: «Samuel Koch trifft Samuel Koch, das wäre doch der Hammer!»

Obwohl mein berühmter Namensvetter seit seinem folgenschweren Sturz und dem vierfachen Genickbruch vor laufenden Kameras in der Sendung «Wetten, dass ... » am 4. Dezember 2010 Tetraplegiker ist, hat er seine Passion zum Beruf gemacht und agiert heute als professioneller Schauspieler auf der Theaterbühne von nationalem Format. Dabei hegte er vor seinem Schicksalsschlag gar nie den Wunsch, in der Schauspielerei Karriere zu machen. Der 32-Jährige - notabene gleichen Alters wie der Autor dieser Zeilen - lässt beim Gespräch in seine Gefühlswelt blicken:

«Vor vielen Leuten aufzutreten, fand ich wegen der Nervosität immer grauenvoll.»

Vielmehr setzte er sich als kleiner Junge zum Ziel, Stuntman zu werden, weshalb er als Kind und Jugendlicher als Kunstturner durch halb Europa reiste. Der tragische Unfall veränderte dann sein Leben jäh, was ihm auf den ersten Blick kaum anzumerken ist. Eitelkeit ist meinem Gesprächspartner wichtig, Mütze und Schal sollen weg, jede Strähne soll sitzen.

Posieren fürs gemeinsame Erinnerungsfoto: Redaktor Samuel Koch (links) trifft den Schauspieler Samuel Koch.

Posieren fürs gemeinsame Erinnerungsfoto: Redaktor Samuel Koch (links) trifft den Schauspieler Samuel Koch.

(Bild: Donato Caspari)

Zunächst zurückhaltend, aber stets zuvorkommend und respektvoll, danach zunehmend offen und ehrlich spricht Samuel Koch in Mannheim über schöne Augenblicke in seinem Leben wie die Hochzeit und den Tanz mit der Frischangetrauten dank einer Trapezkonstruktion. «Ich bin eben kitschig konservativ», sagt Koch, von Emotionen berührt. Aber auch schwierige Momente sind Teil seiner Vergangenheit, Trauer, psychische und physische Qualen, Selbstmordgedanken.

«Es gab Phasen, in denen wollte ich einfach nur, dass es aufhört. Wenn ein Tier Schmerzen hat, ruft man auch den Tierarzt und lässt es einschläfern. Es gab Momente, da sagte ich zu meiner Mutter, sie solle jetzt den Tierarzt für mich rufen.»

Wegen seiner Tetraplegie, die ihn monatelange in ein Bett im Schweizerischen Paraplegikerzentrum in Nottwil LU zwang, spielt sich sein Leben seither stark in seinem Kopf ab. Umso reflektierter sind seine Aussagen, ja Samuel Koch legt seine Worte beinahe auf die Goldwaage. Gleichzeitig wirkt er müde und ausgelaugt, gibt sich aber auch kämpferisch und humorvoll.

Das Gespräch mit meinem berühmten Namensvetter wühlt auf, seine starke Persönlichkeit trotz seiner Gefangenschaft in einem zum Teil zerstörten Körper imponiert mir. Trotzdem geht es nicht ohne Hilfe. In Mannheim kümmert sich sein Freund Simon um alles rundherum. Er stellt den Heizstrahler auf, den er gegen meinen Gesprächspartner richtet. Ihm sei ständig kalt, weil er sich zu wenig bewege und seine Körpertemperatur wegen des zerstörten Nervensystems immer zu tief liege. Hat Samuel Koch Durst, hält ihm Simon eine Wasserflasche mit Röhrli hin.

Während des Gesprächs im Werkhaus des Nationaltheaters Mannheim sorgt ein Heizstrahler zwischen uns dafür, dass meinem Gegenüber nicht kalt wird. Grund dafür ist die fehlende Bewegung für seinen querschnittsgelähmten Körper.

Während des Gesprächs im Werkhaus des Nationaltheaters Mannheim sorgt ein Heizstrahler zwischen uns dafür, dass meinem Gegenüber nicht kalt wird. Grund dafür ist die fehlende Bewegung für seinen querschnittsgelähmten Körper.

(Bild: Donato Caspari)

Das Treffen überhaupt erst ermöglicht hat Samuel Kochs Vater Christoph, der seit dem tragischen und folgenschweren Unfall vor neun Jahren quasi zum Manager seines Sohnes avancieren musste. «Mal sehen, ob er etwas Vernünftiges antworten kann», schrieb mir Christoph Koch einmal per Email, nachdem ich den Vorschlag «Samuel Koch trifft Samuel Koch» gemacht hatte. Die Anfrage beantwortete Christoph Koch kurz und knapp mit: «Ja. Können Sie sich vorstellen, nach Mannheim zu kommen?» - Auf jeden Fall!

Bedauert habe ich den Aufwand keineswegs. Einzig ein Fauxpas ist mir unterlaufen: jener, dass ich während des anderthalb Stunden dauernden Gesprächs nie die Frage aller Fragen stellte, was er zur zufälligen Gegebenheit unserer identischen Namen meint. Vielleicht lässt sich diese offene Frage aber ja dereinst noch klären. Wie heisst es doch so schön: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben...

Das Interview mit Samuel Koch zum Nachlesen:
Alle bisherigen Beiträge aus der Adventsserie:

Aktuelle Nachrichten