Thurgau will Deutschförderung für Kleine noch vor Schulbeginn

Für ein selektives Obligatorium der vorschulischen Sprachförderung sollen Gesetzesgrundlagen geschaffen werden.

Sebastian Keller
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Kindern sollen schon im Kindergarten ausreichend Deutsch beherrschen.

Kindern sollen schon im Kindergarten ausreichend Deutsch beherrschen.

(Bild: Christian Beutler / KEYSTONE)

Darüber spricht der Thurgau schon lange: Wie erreicht man, dass jedes Kind beim Schuleintritt den Thek mit genügend Deutschkenntnissen gefüllt hat? Nun will das Departement für Erziehung und Kultur die gesetzlichen Grundlagen für ein «selektives Obligatorium für die vorschulische Sprachförderung» schaffen.

Das berichtet das «Regionaljournal Ostschweiz» von SRF mit Bezug auf das kantonale Konzept «Frühe Förderung». In diesem aktualisierten Papier, das öffentlich einsehbar ist, wird das Problem skizziert und mit Zahlen untermauert. In Frauenfeld sind die Deutschkenntnisse von gut einem Drittel der Kinder nicht ausreichend, um dem Unterricht problemlos zu folgen. Auffällig ist laut Konzept, «dass davon viele Kinder betroffen sind, die einen Schweizer Pass haben und deren Eltern die Lokalsprache einwandfrei beherrschen».

Selektives Obligatorium findet Unterstützer

Die Forderung nach genügend Deutschkenntnissen bei Schulbeginn findet sich auch im bildungspolitischen Positionspapier der SVP. An diesem wirkte Urs Schrepfer, Schulleiter, Schulpräsident und Kantonsrat, mit. Er sagt:

«Wir stellen immer wieder fest, dass Kinder im Kindergarten die Sprache nicht beherrschen.»
Urs Schrepfer, SVP-Kantonsrat, Schulleiter, Schulpräsident.

Urs Schrepfer, SVP-Kantonsrat, Schulleiter, Schulpräsident.

(Bild. PD)

Damit seien sie von Beginn an benachteiligt; den Rückstand aufzuholen, sei sehr schwierig, manchmal gänzlich unmöglich. Deshalb sagt er: «Ich würde ein selektives Obligatorium begrüssen.» Inspiration ist in den Kantonen Luzern oder Basel-Stadt zu finden. Oder in Chur. Die Stadt verschickt an alle Eltern mit dreijährigen Kindern Fragebögen zur Abklärung der Sprachkompetenz. Zeigt sich ein Manko, setzt die Förderung in Spielgruppen oder Tagesstätte ein. Eltern droht laut Medien gar eine Busse, wenn sie die Programme ignorieren.

Zumindest eine Sprachstandserfassung kann sich Schrepfer für den Thurgau vorstellen. Es brauche eine Lösung für die heterogenen Verhältnisse. «Arbon hat andere Herausforderungen als Braunau», betont der Bildungspolitiker. Dabei müssten nicht alle Angebote neu geschaffen werden. «Sprachspielgruppen gibt es auch bei uns», sagt Schrepfer. So etwa in Sirnach, wo er als Schulpräsident amtet. Deren Besuch ist freiwillig. Bezüglich Finanzierung will er sich nicht festlegen, äussert aber den Gedanken:

«Der Besuch einer Spielgruppe ist heute auch nicht kostenlos.»

Knill: Politisch schon mehrfach gefordert

SVP-Regierungsrätin Monika Knill, Vorsteherin des Departementes für Erziehung und Kultur.

SVP-Regierungsrätin Monika Knill, Vorsteherin des Departementes für Erziehung und Kultur.

(Bild: Andrea Stalder)

Auf Anfrage sagt Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Monika Knill: Aktuell werden mit dem Rechtsdienst mögliche Formulierungen entworfen und besprochen. «Einen konkreten Zeitplan, bis wann ein Entwurf einer gesetzlichen Grundlage vorliegt, haben wir nicht.» Es sei aber ein Jahresziel im Amt für Volksschule und in Zusammenarbeit mit der Fachstelle für Kinder-, Jugend- und Familienfragen. Die Notwendigkeit sei mehrfach politisch gefordert worden.

Diese Zeitung erinnert sich: Knill selber machte in einer Grossratsdebatte im Oktober 2018 den Vorschlag, das Modell von Basel-Stadt prüfen zu wollen. Damit versuchte die Regierungsrätin, eine Standesinitiative abzuwenden - erfolglos (siehe Infobox).

Bundesgericht und ein neuer Anlauf

(seb.) Das Thurgauer Gesetz sah bereits einmal vor, dass Schulen Eltern zur Kasse bitten konnten, wenn Kinder in der obligatorischen Schulzeit zusätzliche Deutschkurse benötigten. Wegen einer Klage von Privatpersonen pfiff das Bundesgericht den Thurgau zurück: Die Regelung widerspreche dem verfassungsmässigen Anspruch auf unentgeltliche Volksschule. Die Mehrheit des Grossen Rates wollte das nicht hinnehmen. Sie schickte eine Standesinitiative nach Bern zwecks Relativierung des «unentgeltlichen Volksschulanspruchs» in der Bundesverfassung. Doch das Parlament wollte davon nichts wissen.

INTEGRATION: Richter pfeifen Kanton zurück

Thurgauer Schulen dürfen Eltern nicht zur Kasse bitten, wenn ihre Kinder zusätzliche Deutschkurse benötigen. Das hat das Bundesgericht entschieden. Damit obsiegen vier Thurgauer Privatpersonen.
Silvan Meile, Sebastian Keller