«Der Wolf nimmt, was er kriegt» – ist das Hinterthurgauer Raubtier ein Problemwolf?

Sieben Tiere hat ein Wolf seit Dezember im Hinterthurgau gerissen - ein normales Verhalten, wenn Schafe nicht zureichend geschützt sind. Doch wann wird ein Wolf zum Problemwolf?

David Grob
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Sieben Tiere hat mutmasslich ein Wolf seit Dezember gerissen.

Sieben Tiere hat mutmasslich ein Wolf seit Dezember gerissen.

Symbolbild: Getty

Sechs Schafe, ein Rehbock – so viele Tiere sind seit Mitte Dezember im Thurgau und in der Region Wil durch einen Wolf gerissen worden. Seit Mitte des vergangenen Monats schlägt der Wolf häufiger zu. Am 14. Januar tötete er in einem Stall in Thundorf zwei Lämmer, in der letzten Januarwoche erwischte er in Tägerschen ein Schaf und am vergangenen Wochenende tappte er in eine Fotofalle in Rossrüti bei Wil – mit einem Rehbock in der Schnauze.

Der Wolf in der Fotofalle bei Rossrüti.

Der Wolf in der Fotofalle bei Rossrüti.

Bild: PD

Ist dieses Verhalten normal für einen Wolf? «Ja», sagt Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau. Es sei nicht aussergewöhnlich, dass das Raubtier Schafe reisst – wenn es einfachen Zugang zu Nutztieren hat. «Ein Wolf unterscheidet nicht zwischen Schafen oder Hirschen», sagt Kistler.

«Der Wolf nimmt, was er kriegt»

Anruf bei Ralph Manz. Der Wolfsexperte arbeitet bei der Stiftung Kora für das Wolfsmonitoring. Die Stiftung setzt sich mit der Ökologie von Raubtieren in der heutigen Kulturlandschaft auseinander. Manz stimmt Kistlers Aussage zu. «Der Wolf nimmt, was er kriegt.» Er verweist aber auch auf die jährliche Herdenschutzstatistik.

«90 bis 95 Prozent der Nutztiere, die durch einen Wolf gerissen wurden, hielten sich in ungeschützten Gehegen auf.»

Die Jagd- und Fischereiverwaltung empfiehlt deshalb Elektrozäune zur Sicherung von Herden. «Wenn diese unter Strom stehen, dann verhindern sie in aller Regel ein Eindringen durch einen Wolf», sagt Kistler. Der Zaun müsse fachgerecht aufgestellt sein, fügt Manz hinzu. Fliessen zu wenig Volt durch den Draht, ist der Zaun falsch geerdet oder gibt es Lücken – dann könne ein Wolf einen Elektrozaun schon mal überwinden oder unter dem Zaun hindurchschlüpfen. «Gibt man einem Wolf die Möglichkeit, Schafe zu reissen, so nutzt er sie», sagt Manz.

Auch Studien und Experimente stützen diese Aussagen. «Es deutet alles darauf hin, dass die allermeisten Wölfe generell keine Elektrozäune überspringen», heisst es in einem kürzlich veröffentlichten Forschungsbericht.

Ein Problemwolf?

Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung Thurgau.

Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung Thurgau.

Bild: Reto Martin

Doch ist der Wolf bereits ein Problemwolf? «Nein», sagt Kistler. Er würde erst dann zum einem Problemwolf werden, wenn Situationen entstehen, die für einen Menschen bedrohlich sind. Er spezifiziert:

«Problematisch wird es dann, wenn er aktiv auf Menschen zugeht.»

Dies ist nicht geschehen. Der Wolf sei von Natur aus scheu. Auch Nutztiere müsste der Wolf in den kommenden Monaten noch einige reissen, damit er geschossen werden dürfte.

Wann darf ein Wolf geschossen werden?

Die eidgenössische Jagdverordnung legt vor, wann ein Wolf geschossen werden dürfte. Die Hauptkriterien sind:
- Derselbe Wolf reisst innert 4 Monaten 35 Nutztiere.
- Derselbe Wolf tötet innert einem Monat 25 Nutztiere.
Sind diese Kriterien erfüllt, besprechen die Behörden kantonsübergreifend das weitere Vorgehen. (dar)

Die Bevölkerung der betroffenen Gemeinden nimmt die Situation gelassen. Man habe keine Anfragen besorgter Bürger erhalten, heisst es bei den Gemeindepräsidenten von Thundorf und Tobel-Tägerschen.

Wölfe haben mit Schafen ein leichtes Spiel

Warum meist Schafe Opfer von Wolfrissen werden, liegt an deren Verhalten. Schafe fliehen als Herdentiere alle in eine Richtung. So könne der Wolf schon mal mehrere Tiere erwischen. «Solange sich etwas bewegt, wird zugebissen.» Wildtiere wie Hirsche hingegen, so Manz, würden vor einem Raubtier in alle Richtungen fliehen. «Ein Wolf erwischt mehrheitlich junge oder ganz alte Hirsche», sagt Manz.

Dass Wölfe die Ostschweiz besuchen, ist nicht aussergewöhnlich. Manz nennt das Beispiel des Wolfes mit der Bezeichnung M109, der im Sommer 2019 in Andermatt nachgewiesen wurde und Ende November in Appenzell zwei Schafe gerissen hat. Ob es sich um den gleichen Wolf handelt, kann Manz nicht bestätigen.

«Wölfe können in kurzer Zeit eine grosse Distanz zurücklegen.»

Er nennt das Beispiel des Wolfes M93, der Mitte November im Engadin nachgewiesen wurde, Ende November in Berg gesichtet wurde. «Die Achse Rheintal-Calanda-Ostschweiz scheint eine oft genutzt Route zu sein. Derzeit klärt eine DNA-Analyse ab, ob die Tiere vom selben Wolf gerissen worden sind.

Klar ist: Der Wolf ist ein Einzelgänger, der sein Rudel verlassen hat. Ein bis zwei Jahre nach der Geburt wandert ein Wolf ab. Findet er einen Geschlechtspartner, so gründet er in einem neuen Territorium ein Rudel.