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Der Thurgauer Jobmotor sprüht Funken

Die Thurgauer Wirtschaftsstruktur ist im Wandel. Den Währungsschock hat die Industrie gut überwunden. Der Dienstleistungssektor gewinnt weiter an Bedeutung. Ein vertiefter Blick lohnt sich auf Tägerwilen.
Sebastian Keller
Die Thurgauer Industrie ging gestärkt aus dem Währungsschock hervor. (Bild: Benjamin Manser.

Die Thurgauer Industrie ging gestärkt aus dem Währungsschock hervor. (Bild: Benjamin Manser.

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Tägerwilen ist das Thurgauer Jobwunder. Das zeigen Zahlen aus Neuenburg, wo das Bundesamt für Statistik seinen Hauptsitz hat. So hat die Anzahl Beschäftigter in der Gemeinde am Seerhein innerhalb von fünf Jahren um 65 Prozent zugenommen. Im Jahr 2011 arbeiteten 2465 Personen in Tägerwilen, fünf Jahre später waren es 3798. Da sind 1333 Beschäftigte mehr. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum nahm die Anzahl Beschäftigter im ganzen Kanton um 6000 Personen zu.

Markus Tahlmann, Gemeindepräsident von Tägerwilen. (Bild: Andrea Stalder)

Markus Tahlmann, Gemeindepräsident von Tägerwilen. (Bild: Andrea Stalder)

Markus Thalmann präsidiert die Gemeinde, die an die Städte Kreuzlingen und Konstanz grenzt. Auf die Zuwachsrate angesprochen, sagt er: «Ich nehme das freudig zur Kenntnis.» Dass die Zahl der Arbeitsplätze in Tägerwilen steige, habe er gewusst – vom Ausmass ist er aber überrascht. «Ich hätte gesagt, es sind 100 Arbeitsplätze mehr pro Jahr.» Die Statistik weist nun mehr als doppelt so viele nach. Verantwortlich für die neuen Arbeitsstellen seien wohl die Capita Customer Services AG, ein Outsourcing-Unternehme mit Callcenter, sowie Biotta, die Gemüse- und Fruchtsäfte sowie Smoothies herstellt. Auch im neuen Ärztezentrum seien Stellen geschaffen worden. «Es sind zudem viele kleinere Firmen dazugekommen oder bestehende haben aufgestockt», sagt Markus Thalmann.

Rund 900 Grenzgänger

Tägerwilen sei schon seit längerem eine Gemeinde mit positiver Pendlerbilanz. Das heisst: Am Morgen kommen mehr Personen in die Gemeinde zum Arbeiten, als solche, die ihren Wohnort zum Broterwerb verlassen. Ein Grossteil kommt aus dem grenznahen Ausland aus. «Wir zählen rund 900 Grenzgänger», sagt Thalmann.

Tägerwilen ist aber nicht nur für Arbeitnehmer attraktiv, sondern auch für Wohnungssuchende. Zählte die Gemeinde im Jahr 2011 noch 3900 Einwohner; waren es Ende August 2018 über 4600. Ein nennenswerter Leerwohnungsbestand habe die Gemeinde nicht zu beklagen. Am Stichtag 1. Juni waren es laut Bundesamt für Statistik 1,3 Prozent, was deutlich unter dem Thurgauer Schnitt ist. Weitere Wohnungen seien geplant oder im Bau. «Derzeit sind 150 Wohneinheiten im Bau oder bewilligt», weiss Thalmann. Er sei gespannt, ob diese alle vermietet werden können.

Zahlen belegen: Die Wirtschaft hat die Krise gut gemeistert
Im Thurgau arbeiteten Ende 2016 136000 Menschen Voll- oder Teilzeit. Das sind rund 6000 Personen mehr als fünf Jahre zuvor. «Die Beschäftigung nimmt weiter zu, das ist volkswirtschaftlich erfreulich», sagt Daniel Wessner, Chef des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit (AWA). Die deutliche Zunahme habe ihn einigermassen überrascht. Vor allem wegen eines einschneidenden Ereignisses Anfang 2015: Die Nationalbank hob den Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken auf. Per sofort. Die Folge: Eine schockartige Aufwertung des Frankens. Für die Exportindustrie eine harte Prüfung. Arbeitsplätze verschwanden.

Mehr Beschäftigte im Dienstleistungssektor

in Tausend
2011
2016
Land- und Forstwirtschaft Industrie und Bau Dienstleistungen020406080

Doch die Krise wurde offenbar gut gemeistert, wie Zahlen aus Neuenburg belegen. Bereits 2016 nahm die Beschäftigung im gewerblich-industriellen Sektor wieder um 0,4 Prozent zu. Neue Arbeitsplätze entstanden. Vor allem in der Herstellung von medizinischen und zahnmedizinischen Apparaten und Materialien sowie in der Chemiebranche und der Nahrungsmittelindustrie. «Die gute Bewältigung des Schocks zeugt von der Krisenfestigkeit der Thurgauer Wirtschaft», sagt Wessner. Der Währungsknall habe Prozesse beschleunigt, die sowieso angestanden wären. Er nennt etwa Digitalisierung oder Automatisation. «Der Schock hat die Wirtschaft robuster gemacht.»

Noch immer industriell-landwirtschaftlich geprägt

Daniel Wessner, Chef des Thurgauer Amtes für Wirtschaft und Arbeit. (Bild: PD)

Daniel Wessner, Chef des Thurgauer Amtes für Wirtschaft und Arbeit. (Bild: PD)

Die Thurgauer Wirtschaft ist im Vergleich mit anderen Kantonen überdurchschnittlich industriell und landwirtschaftlich geprägt. So finden sich 35 Prozent aller Vollzeitäquivalente in Industrie, Gewerbe und Bau; in der Schweiz sind es 25 Prozent. Eine Verlagerung in den dritten Sektor ist aber dennoch zu beobachten. Waren Ende 2011 knapp 78000 Personen im Dienstleistungssektor tätig, wuchs die Zahl per Ende 2016 auf 84600 an.

Vor allem das Gesundheitswesen legte zu. So gab es innert fünf Jahren 1300 Vollzeitstellen mehr in Spitälern und Heimen. Auch wenn diese Arbeit zentral für die Versorgung ist: «Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es nicht so, dass wir uns Wachstum in diesem staatlichen Bereich wünschen», sagt Wessner. Die Wirtschaftsförderung fokussiere sich auf wertschöpfungsintensiven Branchen.

Der Thurgau ist in guter Verfassung: gesunde Staatsfinanzen, tiefe Arbeitslosigkeit. Letztere lag Ende August bei 1,9 Prozent, im Schweizer Schnitt waren es 2,4 Prozent. Um die Beschäftigung der Inländer weiter zu steigern, kam am 1. Juli ein – von der Politik verordnetes – Instrument dazu: die Stellenmeldepflicht. «Diese ist gut angelaufen», sagt Wessner. Die Unternehmen würden gut mitmachen. «Unsere aktive Kommunikation mit den Arbeitgebern zeigt offensichtlich Wirkung. Es werden sogar viele Stellen aus Branchen gemeldet, die nicht der Meldepflicht unterliegen.» Diese gilt derzeit für 19 Berufsgruppen. Ob die Beschäftigungsquote inländischer Arbeitskräfte weiter gesteigert werden könne, werde erst die Zukunft zeigen.

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