«Der Einsatz dieser Farben ist leichtfertig»: Thurgauer Kantonschemiker äussert sich zu den potentiell gefährlichen Tattoofarben

Drei Viertel der in Studios eingesetzten Tattoofarben sind in der Schweiz nicht zulässig. Das zeigen Untersuchungen des kantonalen Laboratoriums Thurgau. Die Kontrollen seien übertrieben, sagt ein Tätowierer. Statt Farbkontrollen brauche es für diese Branche Berufsstandards.

Silvan Meile
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Tätowierer Raphael Schulz bei der Arbeit mit Hygiene-Maske.

Tätowierer Raphael Schulz bei der Arbeit mit Hygiene-Maske.

Bild: Donato Caspari

Die Resultate seien erschreckend, sagt Christoph Spinner, Thurgauer Kantonschemiker. Das kantonale Laboratorium hat in den vergangenen Monaten 14 Tattoostudios kontrolliert. Im Fokus stand die Qualität der eingesetzten Farben.

Das kantonale Labor nahm unter die Lupe, was den Tätowierten unter die Haut gestochen wird. Erschrocken sind die Prüfer, als sie die Ergebnisse mit den rechtlichen Anforderungen verglichen.

Christoph Spinner, Kantonschemiker Thurgau

Christoph Spinner, Kantonschemiker Thurgau

Bild: PD
«Drei Viertel der untersuchten Tattoofarben sind nicht zulässig oder erhielten nicht deklarierte Konservierungsstoffe.»

Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass damit die Gesundheit der Tätowierten beeinträchtigt werde. Explizit krebserregende Stoffe seien zwar keine festgestellt worden. Gewisse Zusatzstoffe hätten aber das Potenzial, zumindest allergische Reaktionen hervorzurufen. In 40 Prozent der Fälle sei die Farbe vom Importeur – möglicherweise als Selbstschutz – sogar als «nicht zum Tätowieren geeignet» deklariert worden. Kantonschemiker Spinner sagt:

«Der Einsatz dieser Farben ist leichtfertig und entspricht weder einer verantwortungsvollen Berufsethik noch den Erwartungen der Kunden.»

Raphael Schulz hält die Berufsethik der Tätowierer hoch. Der gebürtige Berliner hat sich einen Namen gemacht. Er stach die Nadel schon in die Haut von Eishockey-Nationalcoach Patrick Fischer. Auch im Tattoostudio von Schulz in Müllheim seien schon Kontrolleure vorbeigekommen, hätten dabei zwei Farbdöschen beanstandet. Schulz meint:

«Ich muss schon sagen, die Kontrollen in der Schweiz sind sehr übertrieben.»
Tätowierer Raphael Schulz in seinem Studio Big Mountain Tattoo in Müllheim.

Tätowierer Raphael Schulz in seinem Studio Big Mountain Tattoo in Müllheim.

Bild: Donato Caspari

Was etwa in Deutschland erlaubt sei, könne in der Schweiz verboten sein. Das mache es schwierig. Denn wie ein malender Künstler müsse auch ein Tätowierer für sich selber herausfinden, welche Farben für ihn funktionieren.

Für Tätowierer ist die Farbwahl schwierig

In den vergangenen zehn Jahren sei bei ihm kein Fall mit Gesundheitsproblemen aufgetreten. «Ich kaufe meine Farben über Schweizer Lieferanten», sagt Schulz. Auch sie müssten die Standards im Auge behalten, ihren Kunden das verkaufen, was erlaubt ist.

Das sieht Kantonschemiker Christoph Spinner ähnlich. Die ganze Branche vom Hersteller über den Handel bis zum Tätowierer sei in der Pflicht. Letztlich seien aber die Studios dafür verantwortlich, Qualitätssicherung und Selbstkontrolle besser wahrzunehmen. Sie müssten ihre Lieferanten tatsächlich kennen und damit sicherstellen, dass deren Farben, die möglicherweise im Ausland legal sind, auch den gesetzlichen Anforderungen der Schweiz genügen.

Das ist aber nicht einfach. Immer wieder kommen neue Produkte auf diesen sich laufend verändernden Markt. Eine Liste mit Farbempfehlungen des Bundes aus dem Jahr 2014 sei bereits heute wieder überholt, gibt Spinner zu. So zeigen seine aktuellen Untersuchungen, dass vermeintlich legale Farben eben auch nicht deklarierte Stoffe enthielten. Das macht es für ein Tattoostudio schwierig. Für Spinner steht deshalb fest, dass sich die Branche zusammentun muss, um dieses Problem zu lösen.

«Das Nonplusultra wäre eine Berufslehre»

Auch Schulz verortet ein Problem in der Branche. Heute könne jedermann ein Tätowier-Set übers Internet bestellen und ein Studioschild an die Wand nageln. Schulz findet:

«Statt Farbtöpfchen zu kontrollieren, sollte der Staat besser Tätowieren zum anerkannten Beruf machen.»

Jede Kosmetikerin brauche ein Diplom, um ihre Kunden zu behandeln und zu beraten. Als Tätowierer könne hingegen jeder noch so untalentierte und unerfahrene Zeichner seinen Kunden Farbe unter die Haut stechen, auch ohne vertieftes Wissen über die Haut, dem grösste Organ des menschlichen Körpers. «Es gibt genügend Schmierfinken in diesem Metier, die weder Leidenschaft noch Ahnung haben», ärgert sich Schulz. Darauf gründe der schlechte Ruf der Tätowierer. Hier solle der Staat den Hebel ansetzen, wenn ihm etwas an der Sache liege, er den zahlreichen schwarzen Schafen das Handwerk legen will:

«Erstrangig wäre ein Diplom, das Nonplusultra eine Berufslehre.».

Das wäre im Sinne jener, die diesen Beruf seriös und gut ausüben würden.
In den Thurgauer Tattoo-Studios sind nun die unerlaubten Farben aus dem Verkehr gezogen worden. Damit das so bleibt, kündigt Kantonschemiker Spinner Nachkontrollen an. Übrigens: In 4 der 14 kontrollierten Studios war bei den Überprüfungen des Kantonslabors alles in Ordnung.

Inspektionen im Kanton St. Gallen

Erst 40 Studios sind beim Amt für Verbraucherschutz gemeldet

Bei der letztmaligen systematischen Untersuchung von Tattoofarben auf ihre Inhaltsstoffe (Farbstoffe und Konservierungsmittel) 2014 wurden im Kanton St. Gallen drei von 16 Farben wegen Deklarationsmängel beanstandet - nicht wegen verbotener Inhaltsstoffe, wie Kantonschemiker Pius Kölbener betont. Die Farbkontrolle hat sich im Kanton St. Gallen seinen Angaben zufolge auf die Inspektion vor Ort verlagert, bei Verdachtsfällen erfolgt eine Laboranalyse der Proben. 2019 wurden in 14 von 25 inspizierten Studios Farben beanstandet. Trotz Meldepflicht haben sich erst 40 Tattoo- und Piercing-Studios beim kantonalen Amt für Verbraucherschutz gemeldet. (dit)