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Der Thurgau hat einen Zersiedelungs-Stop bis 2040

Mit dem Ja an der Urne zum Kulturlandschutz ist der Kanton der Forderung der Zersiedelungsinitiative entgegengekommen. Die Jungen Grünen sehen aber auch im Thurgau noch viel Potenzial.
Larissa Flammer
Nicht im Sinne der Initianten: Flache Einfamilienhäuser am Ortsrand. (Bild: Benjamin Manser; Sonnental, 19. Februar 2017)

Nicht im Sinne der Initianten: Flache Einfamilienhäuser am Ortsrand. (Bild: Benjamin Manser; Sonnental, 19. Februar 2017)

Im Thurgau wurde in den vergangenen zehn Jahren pro Woche durchschnittlich eine Fläche von zwei Fussballfeldern verbaut. Dem wollen die Jungen Grünen entgegenwirken. Ihre nationale Zersiedelungsinitiative umfasst vier Ziele. Um diese soll die Bundesverfassung ergänzt werden, falls die Bevölkerung am 10. Februar der Vorlage zustimmt.

Der Jungpartei geht es darum, die Zersiedelung zu stoppen und damit die Landschaft und das Kulturland der Bauern zu erhalten.

Schonung des Kulturlandes ist Verfassungsauftrag

Die Thurgauer haben der Zersiedelung bereits vor zwei Jahren Einhalt geboten. Im Februar 2017 sagten über 80 Prozent der Bevölkerung Ja zum Gegenvorschlag zur kantonalen Kulturlandinitiative. Die Schonung des Kulturlandes ist seither im Thurgau ein Verfassungsauftrag. Dort heisst es unter anderem: «Kanton und Gemeinden sorgen für die Erhaltung des Nichtsiedlungsgebietes.»

Baudirektorin Carmen Haag. (Bild: Donato Caspari)

Baudirektorin Carmen Haag. (Bild: Donato Caspari)

Baudirektorin Carmen Haag bestätigt auf Anfrage, dass im Kanton eine Siedlungsentwicklung nach Innen angestrebt wird:

«Aus diesem Grund wurden hierzu vom Amt für Raumentwicklung in den vergangenen Jahren mehrere Broschüren, Leitfäden und Arbeitshilfen für die Gemeinden erstellt.»

Denn bei ihnen liegt die Planungshoheit. 2017 hat das Thurgauer Amt für Raumentwicklung zudem einen Erfahrungsaustausch zur Innenentwicklung ins Leben gerufen.

Thurgauer Siedlungsgebiet ist eingefroren

Das umstrittenste Ziel der Zersiedelungsinitiative betrifft die Grösse der Bauzonen. Neues Bauland soll nur noch eingezont werden dürfen, wenn andernorts eine gleich grosse Fläche ausgezont wird.

Auch in diese Richtung hat der Thurgau bereits vorgespurt: Die im neuen kantonalen Richtplan festgesetzte Gesamtfläche des Siedlungsgebietes darf bis Ende 2040 nicht mehr vergrössert werden. Das Siedlungsgebiet umfasst die überbauten und die unüberbauten Bauzonen sowie Reserveflächen.

Bestehende Bauzonen reichen für Bevölkerungswachstum

«Der Thurgau macht vieles gut», sagt auch Simon Vogel, Präsident der Jungen Grünen Thurgau. Es werde zumindest nicht mehr wild in die Landschaft hinein gebaut. Dass das Moratorium zur Grösse des Siedlungsgebiets aber nur bis 2040 gilt, ist für Vogel zu wenig.

Simon Vogel, Präsident Junge Grüne Thurgau. (Bild: Reto Martin)

Simon Vogel, Präsident Junge Grüne Thurgau. (Bild: Reto Martin)

Auch brauche es die Reserveflächen nicht. Nur schon auf den bestehenden Thurgauer Bauzonen könnten – wenn dicht gebaut wird – 75'000 zusätzliche Menschen leben. Das reiche für das prognostizierte Bevölkerungswachstum.

Zu diesem Schluss kommt auch ein Bericht der ETH Zürich aus dem Jahr 2015, den der Kanton in Auftrag gegeben hatte.

Wachsen und ländlich bleiben geht nicht

Vogel kritisiert zudem, dass ein Grossteil der Thurgauer Bevölkerung in Gebäuden mit nur zwei Stockwerken wohnt. Die Anzahl Personen, die auf einem Hektar leben könnte, würde sich fast verdoppeln, wenn drei- anstatt zweistöckig gebaut würde. Der Parteipräsident sagt:

«Wenn der Thurgau weiter wachsen will, muss er auch ein bisschen urbaner werden.»

Weiter ländlich bleiben, die Landschaft nicht zersiedeln und trotzdem weiter wachsen; das könne nicht funktionieren.

Nachhaltige Quartiere mit Fokus auf Langsamverkehr

Ein drittes Ziel der Zersiedelungsinitiative sind günstige Rahmenbedingungen für nachhaltige Quartiere. Im Abstimmungstext wird das erklärt mit: «Wohnen und Arbeiten in kleinräumigen Strukturen mit hoher Lebensqualität und kurzen Verkehrswegen.»

Zum Stand der Dinge im Thurgau verweist Carmen Haag auf das Bundesamt für Raumentwicklung. Dieses hat für die nachhaltige Quartierentwicklung acht Themen definiert: Bebaute und offene Räume, Mobilität, sozialer Zusammenhalt, Lebensraum, wirtschaftliche Effizienz, Energie und Materialien, Biodiversität und Grünflächen sowie Wasser und Abfälle.

Die Thurgauer Regierungsrätin sagt: «Unser Amt für Raumentwicklung ist bestrebt, bei der Beurteilung von Ortsplanungsrevisionen oder Sondernutzungsplanungen den genannten Themen Rechnung zu tragen.» Der Fokus liegt dabei auch auf der Freiraumgestaltung, der Grünflächenplanung und dem Langsamverkehr.

Kläranlagen und Schiessstände

Das letzte Ziel der Jungen Grünen betrifft das Bauen ausserhalb der Bauzone. Bewilligt werden sollen dort ausschliesslich noch standortgebundene Bauten und Anlagen für die bodenabhängige Landwirtschaft oder standortgebundene Bauten von öffentlichem Interesse.

Carmen Haag weist darauf hin, dass es immer wieder Bauvorhaben gibt, die nicht in der Bauzone erstellt werden können – sei es, weil sie zum Beispiel auf einen bestimmten Ort angewiesen sind oder aus Immissionsgründen. Im Kanton waren das in der Vergangenheit unter anderem Trinkwasserreservoire, Kläranlagen oder Schiessstände.

Kurt Egger, Präsident der Grünen Thurgau, sagte an der Medienkonferenz des kantonalen Ja-Komitees, dass der Thurgau ein überdurchschnittliches Wachstum bei den Gebäudeflächen ausserhalb der Bauzonen aufweist.

Bei einer Annahme der Zersiedelungsinitiative wird es die Aufgabe des eidgenössischen Parlaments sein, die neuen Bestimmungen im Gesetz zu konkretisieren.

Siedlungsfläche im Thurgau ist weniger stark gewachsen

(red) In den vergangenen knapp zehn Jahren hat die Siedlungsfläche im Kanton Thurgau erneut zugenommen, aber deutlich langsamer als zuvor. Dies geht aus dem kürzlich erschienenen Newsletter der Dienststelle für Statistik hervor. Sie hat die Daten der Arealstatistik 2016/17 des Bundesamts für Statistik, die auf Luftaufnahmen beruhen, für den Kanton Thurgau aufbereitet. Gemäss der aktuellsten Arealstatistik 2016/17 war die Siedlungsfläche im Kanton Thurgau um 7 Prozent grösser als in der vorherigen Erhebung aus dem Zeitraum 2007/08. Damit hat sich das Siedlungsflächenwachstum weiter abgeschwächt. Im Zeitraum der Jahre 1996 bis 2007/08 hatte die Siedlungsfläche noch um 12 Prozent, zwischen 1984 und 1996 gar um 14 Prozent zugelegt. Die Siedlungsfläche gemäss Arealstatistik umfasst nebst Gebäudearealen auch weitere Flächen wie Verkehrsflächen oder Erholungs- und Grünanlagen. Ihre Definition unterscheidet sich von jener des Siedlungsgebiets gemäss kantonalem Richtplan.

Trotz dieser Abflachung wurden zwischen 2007/08 und 2016/17 fast 900 Hektaren Land verbaut. Dies entspricht einer Fläche von über zwei Fussballfeldern pro Woche. Am meisten Boden wurde für den Bau von Ein- und Mehrfamilienhäusern verbraucht. Die Fläche der Ein- und Zweifamilienhausareale nahm um fast 330 Hektaren zu, jene der Mehrfamilienhausareale um rund 240 Hektaren. Prozentual war das Wachstum bei den Mehrfamilienhausarealen jedoch deutlich höher als bei den Ein- und Zweifamilienhäusern. Die Siedlungsfläche nahm seit der Erhebung 2007/08 weniger stark zu als die Wohnbevölkerung. Pro Einwohner hat die Siedlungsfläche deshalb abgenommen.

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