Der Thurgau forscht an der Spitze

Da der Kanton Thurgau selber keine Universität finanzieren kann, hat er 1999 die Stiftung Wissenschaft und Forschung gegründet. Mit Hilfe der Konstanzer Hochschulen unterstützt diese den Forschungsplatz Schweiz.

Thomas Wunderlin
Drucken
Teilen
Biotechnologie-Institut Thurgau in Kreuzlingen: Der deutsche Botschafter Norbert Riedel ist zu Besuch. (Bild: Andrea Stalder)

Biotechnologie-Institut Thurgau in Kreuzlingen: Der deutsche Botschafter Norbert Riedel ist zu Besuch. (Bild: Andrea Stalder)

Auf Thurgauer Boden stehen drei Institute von Konstanzer Hochschulen. Alle drei werden zugleich von der Thurgauischen Stiftung Wissenschaft und Forschung getragen. Die Thurgauer SVP-Regierungsrätin Monika Knill , Vorsteherin des Departements für Erziehung und Kultur, ist Präsidentin der Stiftung.

Stiftungsratspräsidentin Monika Knill. (Bild: Reto Martin)

Stiftungsratspräsidentin Monika Knill. (Bild: Reto Martin)

Weshalb gibt der Kanton Thurgau jährlich 1,65 Millionen Franken für drei Institute aus, die mit den Konstanzer Hochschulen verbundenen sind? Nur wenige Thurgauer studieren in Konstanz.

Monika Knill: Die Stiftung für Wissenschaft und Forschung dient nicht dazu, möglichst viele Studierende aus dem Thurgau an die Uni Konstanz zu bringen. Dass wir vor der Haustür eine exzellente Uni haben, die für Thurgauer Studierende gut erreichbar ist, das ist eine andere Ebene.

Über diese Stiftung unterstützt der Kanton diese
Institute.

Knill: Es war klar, dass der Thurgau selber keine Universität gründen kann. Man wollte, dass im Thurgau auch im Bereich der Forschung konkrete Aktivitäten aufgebaut werden. Dafür brauchen wir Partner wie die Uni Konstanz oder die HTWG Konstanz.

Also die Fachhochschule für Technik, Wissenschaft und Gestaltung. Ist es wichtig, wo geforscht wird?

Knill: Es wäre fatal, wenn der Thurgau nicht auch als Teil des Forschungsstandorts Schweiz angesehen würde – bei allen Vorteilen unserer ländlichen Region und der Liebe zu ihr. Bildung ist einer der wenigen Rohstoffe der Schweiz. Sie muss ein Interesse daran haben, weltweit bei den Spitzenplayern zu bleiben. Das geht nur, wenn alle in ihren Verantwortlichkeiten dazu beitragen. Jeder Kanton ist herausgefordert, dabei auch in die Forschung und Innovations-
förderung zu investieren oder zumindest für entsprechende Rahmenbedingungen zu sorgen.

Lohnt sich der Aufwand?

Knill: Unsere Institute beweisen immer wieder, dass man auch in kleineren Einheiten Spitzenforschung betreiben kann. Das Biotechnologie-Institut Thurgau ist eines der wenigen schweizerischen Institute von nationaler Bedeutung ausserhalb der schweizerischen Universitäten. Es gehört in dieselbe Kategorie wie das Institut für Schnee und Lawinenforschung und das Paul-Scherrer-Institut. Wir wollen und können nicht Zürich, Basel oder Genf sein, aber wir haben auch als Kanton ein Interesse, dass Grundlagenforschung beziehungsweise angewandte Forschung einen Stellenwert bei uns einnimmt. Das wollen wir mit dem 20-Jahre-Jubiläum bekannter machen.

Fühlen Sie sich als Forschungsministerin?

Knill: Diesen Begriff gibt es gar nicht. Theoretisch könnte man mich so nennen. In meiner Funktion ist mir Forschung wichtig, wie alle andern Bereiche auch. Es muss um das bestmögliche Zusammenspiel von Forschung und Wirtschaft gehen. Man muss sich vergegenwärtigen, was zum Beispiel die Grundlagenforschung leistet. Sie ist nicht nur eine nette Beschäftigung wissbegieriger Forscherinnen und Forscher. Wir sind in Gegenwart und Zukunft massgeblich davon abhängig, so wie wir es in der Vergangenheit gewesen waren.

Das Wirtschaftsinstitut in Kreuzlingen hat sich auf experimentelle Wirtschaftsforschung spezialisiert. (Bild: Nana do Carmo)

Das Wirtschaftsinstitut in Kreuzlingen hat sich auf experimentelle Wirtschaftsforschung spezialisiert. (Bild: Nana do Carmo)

Abgesehen vom Beitrag an die Schweizer Innovationskraft – profitiert der Thurgau von der Forschung in Kreuzlingen und Tägerwilen?

Knill: Mit unsern Instituten betreiben wir auch Ausbildung und bieten attraktive Forschungsarbeitsplätze an, die den Mix unserer Arbeitsplätze abrunden. Bei aller Sympathie und allem Stolz auf unsere KMU – jedes Unternehmen ist angewiesen auf jemanden, der Forschung betreibt, beispielsweise mit rostfreien Stählen, die am Werkstoffinstitut getestet, oder mit Medikamenten, deren Entwicklung sich auch auf eine Forschungsgrundlage am Biotechnologischen Institut abstützt. Jedes Unternehmen in Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft weiss, dass die meisten Innovationen und Weiterentwicklungen ihren Ursprung auch in der Forschung haben.

Torsten Bogatzky ist operativer Leiter des Instituts für Werkstofftechnik Thurgau in Tägerwilen. (Bild: Reto Martin)

Torsten Bogatzky ist operativer Leiter des Instituts für Werkstofftechnik Thurgau in Tägerwilen. (Bild: Reto Martin)

Das Tägerwiler Institut prüft Schweissnähte und Kabel

Ein Weltkonzern mit Niederlassung in der Region Kreuzlingen will wissen, wie gut ein Zulieferer schweissen kann. Das Institut für Werkstoffsystemtechnik Thurgau (WITg) findet die Antwort. Ein Experte des Instituts schneidet die Schweissnaht eines Muster-Werkstücks auf und untersucht den Querschnitt am Mikroskop.

An ihrer unveränderten Struktur sind die beiden zusammengefügten Stahlteile zu erkennen. Um die Berührungslinie herum befindet sich die erstarrte Schmelzmasse, erkennbar an der aufgelösten inneren Struktur. Sie umgibt von beiden Seiten die Berührungslinie. In der Mitte muss sie zusammenkommen, damit die Naht hält. Ein erfahrener Schweisser schafft das. In diesem Fall war es offenbar ein weniger geschickter Berufskollege.

Am WITg arbeiten 12 Personen, verteilt auf 8 Vollzeitstellen. Die Doktorarbeiten, die hier entstehen, haben engen Bezug zur Praxis. Beispielsweise geht es darum, weshalb gewisse Stähle durch Härtung magnetisch werden. Die Aufträge kommen etwa zur Hälfte aus Deutschland und der Schweiz. Zu den einträglichsten Aufträgen gehört die Partikelanalyse, sagt der operative Leiter des WITg, Torsten Bogatzky, bei einem Rundgang. So untersucht das WITg zurzeit Kabel auf ihre Sauberkeit an der Oberfläche, ob Quarzsandkörnchen und andere Rückstände zu finden sind. Diese erhöhen die Reibung und den Verschleiss. Das WITg verfügt über ein Analysegerät, das am Bildschirm die gefundenen Partikelsorten anzeigt.

Untersucht werden allerlei Bauteile der Medizinaltechnik und der Automobilindustrie auf ihre Sauberkeit. Die Kunden können mit Hilfe des WITg die hohen Ansprüche erfüllen, die an deutsche und schweizerische Produkte gestellt werden. Bogatzky beziffert den jährlichen Umsatz des WITg auf eine Million Franken: «Davon müssen wir 80 Prozent selber stemmen.» Den Rest erhält das WITg via Stiftung Wissenschaft und Forschung vom Kanton Thurgau.

Das WITg ist zugleich der Hochschule für Technik, Wissenschaft und Forschung in Konstanz (HTWG) zugeordnet. Das 2002 gegründete WITg betreibt angewandte Forschung, nicht Grundlagenforschung wie die beiden Thurgauer Institute, die der Universität Konstanz zugeordnet sind.
Mit dem Institut jenseits der Landesgrenze kann die HTWG eine Beschränkung umgehen. «Nach deutschem Recht ist es nicht zulässig, Mitarbeiter unbefristet anzustellen», sagt Bogatzky. In Konstanz müssten die Mitarbeiter spätestens nach fünf Jahren weiterziehen. In Tägerwilen können sie unbefristet bleiben und ihr Wissen zum Nutzen der Kundschaft anwenden.

Offene Türen am Samstag, 22. Juni

Die Stiftung Wissenschaft und Forschung feiert am Samstag, 22. Juni von 10 bis 16 Uhr ihr 20-Jahr-Jubiläum mit einem Tag der offenen Tür in den drei Instituten.

Am Biotechnologie-Institut an der Unterseestrasse 47 in Kreuzlingen arbeiten drei Forschungsgruppen in den Gebieten Tumorbiologie, Immunologie und Zellbiologie. Führungen zu jeder vollen Stunde bis 15 Uhr. Stiftungsratspräsidentin Monika Knill gibt um 14 Uhr eine Einführung.

Das Wirtschaftsinstitut an der Hauptstrasse 90 in Kreuzlingen hat sich auf experimentelle Wirtschaftsforschung konzentriert. Ausstellung, Vorträge zu jeder vollen Stunde, Einführung durch die Stiftungspräsidentin um 12 Uhr.

Am Institut für Werkstoffsystemtechnik an der Konstanzerstrasse 19 in Tägerwilen  gibt es Führungen zu jeder vollen Stunde. Einführung durch die Stiftungspräsidentin um 10 Uhr.