Der steinige Weg des Geothermie-Projekts in Schlattingen.

Austretendes Öl in den Rhein stoppte das Geothermie-Vorhaben von Gemüseproduzent Grob im Winter 2016 jäh. Seit zwei Monaten sprudelt das Wasser nun wieder. Ein Zwischenfazit eines Thurgauer Pionierprojekts.

David Grob
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Eine erste Probebohrung 2011 war erfolgreich. (Bild: Donato Caspari, 9. März 2011)

Eine erste Probebohrung 2011 war erfolgreich. (Bild: Donato Caspari, 9. März 2011)

Es war ein Sonntagmorgen im Winter vor zweieinhalb Jahren, an dem das Projekt jäh gestoppt wurde. Ein Ölfilm trieb auf dem Rhein, Schwäne mit verschmutzter Brust glitten durch den schillernde Teppich. Von Diessenhofen bis Schaffhausen wurde Öl den Rhein hinuntergetrieben und ein Naturparadies verschmutzt.

Die Ursache war schnell gefunden. Das Geothermie-Projekt vom Gemüseproduzenten Hansjörg Grob in Schlattingen löste die Havarie auf dem Rhein aus. Aus einer Leitung, mit welcher der Gemüsebauer Grob das genutzte Thermalwasser in der Testphase in den Rhein abfliessen liess, trat Öl aus. Damit erreichte sein Geothermie-Projekt einen Tiefpunkt.

Der schillernde Erdölteppich breitete sich am Sonntag, 21. Februar 2016, flussabwärts bis Schaffhausen aus. (Bild: Reto Martin, 22. Februar 2016)

Der schillernde Erdölteppich breitete sich am Sonntag, 21. Februar 2016, flussabwärts bis Schaffhausen aus. (Bild: Reto Martin, 22. Februar 2016)

Erfolg reiht sich an Erfolg

Dabei badete Grob einige Jahre zuvor noch im Erfolg – sein Geothermie-Projekt schien auf gutem Weg. Bereits 2006 pflanzte sich eine Idee ein: Heisses Thermalwasser aus dem Erdinnern sollen seine Gewächshäuser beheizen. Damit könnte er auf fossile Brennstoffe weitgehend verzichten und sein Gemüse hätte als CO2-neutrales Produkt einen Marktvorteil. Grob gab eine Studie in Auftrag, die das Potenzial für tiefe Geothermie in Schlattingen abklären sollte. Die beauftragten Geologen zogen ein positives Fazit: heisses Wasser in tieferen Gesteinsverwerfungen sei wahrscheinlich.

Die Idee reifte und nahm ab 2008 konkretere Züge an. Eine zweite Studie, unterstützt durch die Abteilung Energie des Kanton Thurgau, kam zum Schluss, dass Stromproduktion mit dem Thermalwasser wohl nicht möglich sei, für die Beheizung aber voraussichtlich genutzt werden kann. Eine erste Bohrung sollte Klarheit verschaffen Anfangs Oktober 2010 setzte Grob den Bohrkopf für die Probebohrung an. 3,5 Millionen Franken betrugen die Gesamtkosten. Die Firma Grob Gemüsebau konnte nur 600'000 Franken beisteuern. Den Löwenanteil übernahm der Kanton Thurgau mit einer Defizitgarantie von zwei Millionen Franken. Mit weiteren 900'000 Franken beteiligte sich die Nagra, die Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle.

Die Pumpanlage fördert Wasser. (Bild: Donato Caspari, 9. März 2011)

Die Pumpanlage fördert Wasser. (Bild: Donato Caspari, 9. März 2011)

Erste Früchte trug das Projekt im November 2011, als erstmals das heisse Wasser sprudelte. Das Thermalwasser erwies sich mit seinen 63 Grad als heisser als erwartet. Die Fördermenge von 7,9 Litern pro Sekunde war hingegen deutlich unter den erhofften 12,9 Litern pro Sekunde. Ein Langzeitpumpversuch über mehrere Monate brachte Gewissheit, dass der Untergrund langfristig genügend heisses Wasser liefert. Grund genug für Grob und sein Team, im Erfolg zu baden: Er liess einen Container mit dem heissem Thermalwasser füllen.

Schwierigkeiten treten auf

Doch das Bad im Erfolg entpuppte sich als Wechselbad der Gefühle, als verschiedene Schwierigkeiten in kurzer Zeit auftraten:

  • Im Frühjahr 2013 führte ein Gestängebruch bei der zweiten Bohrung zu Verzögerungen und Mehrkosten.
  • Ende Mai 2013 kündigte die Regionalkonferenz Zürich Nordost an, das benachbarte Rudolfingen als Standort für ein mögliches Endlager für Atommüll zu prüfen. Grob zeigte sich in den «Schaffhauser Nachrichten» entsetzt: «Mein ganzes Lebenswerk wäre kaputt.» Denn er sah durch ein nahes Endlager seine Gemüseproduktion bedroht.
  • Im August 2013 schliesslich entstieg dem Bohrloch ein Schwefelgestank, worauf die Bohrungen vorübergehend gestoppt wurden. Der Geruch konnte schliesslich chemisch entfernt werden.
Gemüseproduzent und Thurgauer Geothermie-Pionier Hansjörg Grob. (Bild: Reto Martin)

Gemüseproduzent und Thurgauer Geothermie-Pionier Hansjörg Grob. (Bild: Reto Martin)

Die zweite und schliesslich die dritte Bohrung ab dem November 2014 indes waren erfolgreich. Weitere Stimulationen und eine Querbohrung in der wasserführenden Schicht konnte die Wasserförderung erhöhen. 13 Liter 63 Grad warmes Wasser kann Grob pro Sekunde dem Untergrund entnehmen. Inzwischen beteiligte sich auch das Bundesamt für Energie am Projekt. «Für die ist das ein Leuchtturmprojekt», sagte Grob am 5. November 2014 zu dieser Zeitung. In einer zwei Jahre lang dauernden Probephase sollen die Gewächshäuser geothermisch beheizt werden und dem Betrieb eine Konzession bescheren.

«Für das Bundesamt für Energie ist das ein Leuchtturmprojekt.»

Hansjörg Grob, Geothermie-Initiant.

Ein öliger Tiefpunkt

Erdöl läuft am 21. Februar 2016 über die Abflussleitung für das Thermalwasser in den Rhein. (Bild: Reto Martin, 22. Februar 2016)

Erdöl läuft am 21. Februar 2016 über die Abflussleitung für das Thermalwasser in den Rhein. (Bild: Reto Martin, 22. Februar 2016)

Und dann kam am Sonntagmorgen, 21. Februar 2016, die kalte Dusche für Grob und sein Team. Öl strömte durch die Abflussleitung in den Rhein und löste eine Naturkatastrophe aus. Der Diessenhofer Stadtpräsident Walter Sommer sprach von einer Gewässerverschmutzung von nie gekanntem Ausmass. Knapp einen Monat später forderte Sommer den Kanton auf, die Einspeisung des Thermalwassers in den Rhein zu untersagen. Das Wasser enthalte immer Schwefel und gesundheitsschädigende Stoffe. Auch sei das Bewilligungsverfahren unsauber abgelaufen. «Die Bewilligung für Bau und Betrieb der Leitung wurde in einem Hauruckverfahren durchgedrückt», sagte Sommer am 11. März 2016 zu dieser Zeitung.

«Die Bewilligung für Bau und Betrieb der Leitung wurde in einem Hauruckverfahren durchgedrückt.»

Walter Sommer, Stadtpräsident Diessenhofen.

Der Thurgauer Regierungsrat räumte am 22. April Mängel im Bewilligungsverfahren ein. Zwar sei der Betrieb befristet bewilligt worden. «Allerdings wurde eine baurechtliche Beurteilung der Leitung unterlassen», schrieb der Regierungsrat in einer Mitteilung. Infolgedessen ergänzte Grob die Abflussleitung mit Absperrhähnen. Die Anlage schaltet sich automatisch ab, wenn Messfehler registriert werden. Trotz dieser Massnahmen wurden weitere Pumpversuche gestoppt.

Diesel wird zu Erdöl

Grob seinerseits vermutete Sabotageakte hinter dem austretenden Öl. Um Ostern 2015 sei das Bohrloch in Schlattingen drei Tage lang offen gestanden. «In diesen drei Tagen muss jemand mutwillig Diesel ins Bohrloch geschüttet haben», meint Grob am 8. März 2016 vor den Medien. Er äusserte diesen Verdacht nicht zum ersten Mal. Nachdem bereits im Mai 2015 Öl in den Geisslibach gelangte, erstattete er wegen seiner Vermutung Anzeige gegen unbekannt.

Doch der Verdacht erwies sich als falsch. Ein ägyptisches Speziallabor verglich Diesel von einer Tankstelle mit einer Probe der öligen Substanz aus dem Bohrloch. Das Ergebnis: Die Probe wies ein deutlich anderes Muster an Kohlenwasserstoff-Verbindungen auf als der raffinierte Diesel. So ist klar, dass die Bohrung natürliches Erdöl an die Erdoberfläche und in den Rhein geführt hatte. Die Ironie der Geschichte: Grob will mit der Geothermie weg vom Heizöl – und stösst auf Erdöl.

Knapp zwei Jahre später sprudelt das Wasser aus der Tiefe wieder. Nach 28 Monaten Stillstand kann Grob die Probephase weiterführen. «Es ist ein Freudentag, die Pumpen laufen wieder erfolgreich», sagt Hansjörg Grob am 13. Juni erleichtert. Das Wechselbad der Gefühle hat sich wieder etwas erhitzt.

Der Kanton steht hinter Grobs Geothermie-Projekt

Am 8. Dezember 2006 bebte die Erde im Raum Basel; am 20. Juli 2013 in St. Gallen – beide Male waren Geothermie-Projekte die Auslöser der Erdbeben. Beide Projekte wurde zwischenzeitlich beerdigt. Umso relevanter erscheint deshalb Grobs Festhalten an seinem Projekt trotz der vielen Rückschläge der letzten Jahre.
Andrea Paoli, Abteilungsleiter des Kompetenzzentrums für Energie des Kanton Thurgau, bewundert deshalb Grobs Energie. «Sein Durchhaltewillen, das Projekt trotz verschiedener Rückschläge weiter zu verfolgen, ist beeindruckend», sagt er. So steht das Kompetenzzentrum für Energie weiter hinter dem Projekt. Paoli hofft nun, dass die Langzeitpumpversuche gut ablaufen und ein positives Ergebnis liefern. Der Kanton habe Grob viele Absicherungen abverlangt, damit ein Zwischenfall wie die Havarie auf dem Rhein möglichst verhindert werden kann.
Paoli ist deshalb sehr zuversichtlich, dass Grob die als Risikogarantie geleisteten zwei Millionen Franken zurückzahlen kann. «Heisses Wasser wurde gefunden. Insofern sind wir sehr positiv gestimmt», meint er. Der Vertrag zwischen dem Kanton und dem Geothermie-Pionier sieht vor, dass Grob den Risikobetrag während den nächsten 15 Jahren über eine Abgabe von einem Rappen pro Kilowatt an den Kanton zurückbezahlt.
Gemäss Paoli ist Grobs Geothermie-Projekt momentan das einzige im Kanton. Ein Projekt in Etzwilen wurde 2015 verworfen. Bohrungen hätten die gleiche geologische Störungszone tangiert, die im Sommer 2013 bereits das Erdbeben im St. Galler Sittertobel ausgelöst hatte. Grundsätzlich seien die geologische Bedingungen unter dem Thurgau für Tiefen-Geothermie aber ideal, sagt Paoli. «Je weiter östlich im Thurgau, desto höher sind die Temperaturen im Erdreich», sagt Paoli. Ein Geothermie-Projekt in Arbon wäre wohl ideal, meint der Energieförderer. (dar)