Der Kanton Thurgau sorgt für Demokratie in der Kirche seit 1869

Der Kanton anerkennt die evangelische und die katholische Landeskirche seit 1869. Bei einer Podiumsdiskussion in Frauenfeld wollte niemand etwas grundsätzlich daran ändern. Umstritten ist nur die Kirchensteuer für juristische Personen.

Thomas Wunderlin
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Die Kirchen leisten Sozialarbeit, beispielsweise am Suppentag im evangelischen Kirchgemeindehaus Bürglen. (Bild: Andrea Stalder)

Die Kirchen leisten Sozialarbeit, beispielsweise am Suppentag im evangelischen Kirchgemeindehaus Bürglen. (Bild: Andrea Stalder)

Weshalb soll ein säkularer Staat religiöse Institutionen unterstützen? Die Frage stellt sich, seit der Thurgau 1869 den beiden grossen Kirchen im Kanton den öffentlich-rechtlichen Status zugesprochen hat. Die Antwort ist nicht leicht, wie an einer Podiumsveranstaltung im evangelischen Kirchgemeindehaus in Frauenfeld am Montag deutlich wurde.

Carmen Haag, CVP-Regierungsrätin, Katholikin. (Bild: Donato Caspari)

Carmen Haag, CVP-Regierungsrätin, Katholikin. (Bild: Donato Caspari)

Sie habe in der Kirche Sachen gelernt, die sie sonst nirgends hätte lernen können, sagte CVP-Regierungsrätin Carmen Haag. Details liess sie offen, verwies aber darauf, dass die Kirche viel Seelsorge im Verborgenen leiste. Den seelsorgerischen Einsatz würdigte auch Vico Zahnd. Der SVP-Kantonsrat aus Weingarten relativierte jedoch die Bedeutung der kirchlichen Jugendarbeit: «Das bieten auch andere an.» Einer der 40 Zuhörer strich heraus, dass die katholische Kirche den eingewanderten Italienern Heimat gegeben habe. Zahnd relativierte auch hier die Bedeutung der Landeskirchen; bezüglich Integration würden sie Leistungsaufträge des Kantons erfüllen.

Ein Fragesteller verwies auf die Freiwilligenarbeit, die im Rahmen der Kirchen geleistet werde. Als Beleg nannte er das neue evangelische Zentrum Viva in Frauenfeld, das aus allen Nähten platze. Moderator Alex Hess entgegnete, in Frauenfeld gebe es 120 Vereine: «Betreffend Freiwilligenarbeit ist die Kirche super, andere aber auch.»

Der Staat kontrolliert die Kirchen

Laut Hans Peter Niederhäuser, Religionswissenschafter und Mitglied der evangelischen Synode Thurgau, verlangt der Staat mit der Anerkennung, dass sich die Kirche demokratisch organisiert. Die katholische Kirche habe sich darum ein duales System geben müssen: einerseits die kirchliche Hierarchie, anderseits die demokratische Gemeindeorganisation. Der Bischof von Chur wolle den öffentlich-rechtlichen Status gar nicht. Damit fand Niederhäuser eine unerwartete Antwort auf die Leitfrage des Abends: Der Staat unterstützt die Kirchen, um sie zu kontrollieren. Dafür betreiben die Universitätskantone auch theologische Fakultäten. Für Niederhäuser ist klar, dass von islamischen Gemeinschaften ebenfalls innere Demokratie verlangt wird, sollten sie staatliche Anerkennung erhalten.

Zahnd hält die Kirchensteuer für juristische Personen für systemwidrig

Die erste Hälfte der Diskussion war der Kirchensteuer für juristische Personen gewidmet. Zahnd hatte sich im Kantonsparlament 2010 und 2018 für ihre Abschaffung eingesetzt. Die Arbeitsgruppe Brennpunkt Alltag der evangelischen Kirchgemeinde Frauenfeld hatte ihn deswegen eingeladen.

Vico Zahnd, SVP-Kantonsrat. (Bild: Reto Martin)

Vico Zahnd, SVP-Kantonsrat. (Bild: Reto Martin)

Zahnd betonte, dass er persönlich Mitglied der evangelischen Kirche sei und seinen sieben Monate alten Sohn demnächst taufen lasse. Die Kirchensteuer für juristische Personen ist seiner Meinung nach systemwidrig. Im Gegensatz zu Privatpersonen habe eine Firma keine Wahl; sie sei verpflichtet Kirchensteuer zu zahlen, auch wenn der Inhaber keiner Kirche angehöre. Für Regierungsrätin Haag handelt es sich um eine Tradition. Der Zeitpunkt für ihre Abschaffung sei noch nicht gekommen. Hess wunderte sich, dass Zahnds Anliegen offenbar auf Sympathie stosse, aber doch nicht unterstützt werde. Manche hätten ihm gesagt, erwiderte Zahnd, sie würden die Kirchensteuer für juristische Personen in etwa zwanzig Jahren abschaffen wollen. Dann sei der Islam so stark, dass er eine Beteiligung am Ertrag fordern könnte.