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Marshall Mathers alias Eminem kehrt nach 2010 auf die Frauenfelder Bühne zurück. (Bild: Andrea Stalder)

Marshall Mathers alias Eminem kehrt nach 2010 auf die Frauenfelder Bühne zurück. (Bild: Andrea Stalder)

Mit dem Mittelfinger: Eminem ist zurück in Frauenfeld

Mit einer spektakulären Show begeisterte der US-Superstar Eminem am Freitagabend 50'000 Besucherinnen und Besucher am Open Air Frauenfeld. Zuletzt gastierte der 43-Jährige aus Detroit 2010 auf der Grossen Allmend. Dem bis auf die Sekunde getakteten Konzert fehlte es jedoch an Spontanität.
Philipp Bürkler

«I freu mi gstört krass uf s Konzert, Alte», ruft ein junger Besucher in sein Smartphone. Der junge Fan ist nicht der einzige. Bereits über zwei Stunden vor Eminems Konzertbeginn warten zehntausende Menschen vor der Bühne. Alle wollen möglichst nahe bei ihrem Idol sein. Der US-Rap-Superstar, der bereits 2010 in Frauenfeld war, ist der Grund, weshalb das Open Air Frauenfeld dieses Jahr erstmals vor der Türöffnung überhaupt ausverkauft war. Um 23.10 Uhr ist es endlich soweit. Auf den Grossbildschirmen startet ein Video: Es zeigt Eminem als Riesen in den Strassen Detroits. Wie King Kong kickt er mit den Füssen Autos und mit seinen Händen Hochhäuser und Helikopter wie Spielzeug weg. Die Haltung klar: Er ist Slim Shady. Er ist der Chef, alle anderen können ihn mal.

Eminem fordert das Publikum auf mitzusingen. (Bild: Jeremy Deputat)

Eminem fordert das Publikum auf mitzusingen. (Bild: Jeremy Deputat)

Das Publikum johlt, grölt und applaudiert. Zu Beginn singt Eminem einige Stücke aus seinem aktuellen Album «Revival», erst gegen Ende der Show rückt er mit seinen grossen Knallern wie «My Name Is», «Real Slim Shady», «Without Me» oder «Not Afraid» heraus. Mit dabei hat er einige Rapkollegen sowie zwei Sängerinnen, die ihn regelmässig unterstützen. Es scheint, dass sich Eminem neben seinen schnellen Texten - er ist einer der schnellsten Rapper - vor allem durch seine Mittelfingergeste definiert. «Zeigt euren Mittelfinger», fordert er die Menge auf. Zehntausende halten darauf ihren gestreckten Mittelfinger in die Luft. Es ist Eminems physische Geste, dem Establishment, allen voran den von ihm gehassten Präsidenten Donald Trump, seinen Respekt zu entziehen. Eminem zieht über alles und jeden her.

Marken, Konsum und die vermeintliche Subkultur

In seinen Texten geht es teilweise um die Verharmlosung oder Legitimierung von Vergewaltigung, Mord und um den Kampf auf den Strassen Detroits, wo er vaterlos, dafür aber mit einer drogenabhängigen Mutter aufgewachsen ist. Obwohl Eminem eine schwere Kindheit hatte und in einem Armenviertel aufwuchs, konnte er sich als erster weisser Rapper in einer von Schwarzen dominierten Subkultur behaupten. Hip Hop und Rap sind heute aber längstens keine Subkultur mehr, als die sie der Jugend noch immer verkauft wird. Die Szene, in den Siebzigerjahren im schwarzen New Yorker Untergrund entstand, ist eine globale Massenkultur, die sich vor allem über Konsum und Statussymbole definiert.

50'000 Besucherinnen und Besucher horchen Eminems Rapzeilen. (Bild: Jeremy Deputat)

50'000 Besucherinnen und Besucher horchen Eminems Rapzeilen. (Bild: Jeremy Deputat)

Das Open Air Frauenfeld, das grösste Hip Hop-Festival in Europa, gleicht denn auch eher einem riesigen Shoppingcenter oder einem amerikanischen Vergnügungspark als einer offenen Party, in der Liebe, Toleranz und die Musik im Zentrum stehen. Einerseits hat es zu viele Menschen auf dem Platz, weshalb es teilweise zu riesigen Schlangen oder sogar zu dichtem und unangenehmem Gedränge kommt. Andererseits ist das ganze Gelände mit Marken und Brands vollgepflastert. Die Kleidermarke Snipes betreibt denn auch gleich ein eigenes Shoppingcenter und der Bierproduzent Feldschlösschen hat seine Backsteinfabrik aus dem aargauischen Rheinfelden in einer etwas kleineren Version nachgebaut.

Die Show, das permanente Feuerwerk, sowie die kleinen Rap-Battles, die sich Eminem auf der Bühne liefert, wirken zwar professionell, aber gleichzeitig auch nicht authentisch. Der erfolgreichste weisse Rapper aller Zeiten mit über 120 Millionen verkauften Tonträgern lässt mit seinen expliziten Texten keinen Raum für Interpretationen und Spontanität. Alles ist durchgetaktet bis auf die letzte Sekunde. Die Angespanntheit und latente Aggressivität ist auch im Publikum spürbar. Während an anderen Festivals, beispielsweise am Open Air St. Gallen, eher ein Mit- und Füreinander gelebt wird, scheint am Open Air Frauenfeld der Individualismus und die offensive Anmache im Zentrum zu stehen. Der Umgang mit Frauen wirkt für Aussenstehende eher befremdlich. «Labere nicht so viel Scheisse und bestell mir ein Bier», sagt ein junger Typ mit Berliner Dialekt beim Anstehen an der Bar zu einer jungen Frau, die er offensichtlich keine zwei Minuten kennt. Kein Wunder, wenn eine solche Haltung von den Idolen auf der Bühne vorgelebt wird. Auch der deutsche Rapper Rin, der seinen Auftritt vor Eminem hatte, ruft unverblümt in die Menge, «der nächste Song ist für alle Schlampen.»

Mit Hoody und Trainerhose rappt Eminem auf der Bühne. (Bild: Jeremy Deputat)

Mit Hoody und Trainerhose rappt Eminem auf der Bühne. (Bild: Jeremy Deputat)

Während rund 90 Minuten konsumiert praktisch jeder dritte im Publikum das Eminem-Konzert durch den eigenen Smartphone-Bildschirm. Die leuchtenden Bildschirme strahlen teilweise helleres Licht ab, als die Lichtshow auf der Bühne. Dem grössten Teil des Publikums scheint die Show gefallen zu haben. Ob gekünstelt oder frauenverachtend, Eminem ist für Millionen Menschen auf der Welt ein Idol. Ihr Idol haben sie am Open Air Frauenfeld gefeiert.

15 Bilder

Eminem versetzt in Frauenfeld 50'000 in Ekstase

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