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Der sensationelle Sieger der Thurgauer Ständeratswahl, der kurze Zeit später in der Psychiatrie landete

Als der Ulrich Baumann 1889 zum Ständerat gewählt wird, ist es eine Sensation – und das Zeichen einer Zeitenwende. Doch dann gerät der Thurgauer ausser Rand und Band. Jetzt hat sein Urenkel dieses exemplarische Leben nachgezeichnet.
Rolf App
Ein Mann sucht die Karriere: Selbstbewusst inszeniert Ulrich Baumann sich im Jahr 1874 als junger Anwalt mit Uhrenkette und Künstlermähne. (Bild aus: Werner Baumann, Ein Mann des Volkes, Chronos-Verlag)

Ein Mann sucht die Karriere: Selbstbewusst inszeniert Ulrich Baumann sich im Jahr 1874 als junger Anwalt mit Uhrenkette und Künstlermähne. (Bild aus: Werner Baumann, Ein Mann des Volkes, Chronos-Verlag)

Am Tag vor dem dritten, alles entscheidenden Wahlgang im Februar 1889 greifen Ulrich Baumanns Gegner zum Zweihänder. Auf der Frontseite der «Thurgauer Zeitung» veröffentlichen sie ein «Offenes Wort zur Ständerathswahl» und richten einen dramatischen Appell an die freisinnigen Wähler, den Thurgau in Bern nicht durch einen Repräsentanten der roten und schwarzen Internationale vertreten zu lassen. «Er wird euch angepriesen als Thurgauer Volksmann, und ist der Mann derjenigen, welche den aus dem Ausland stammenden Umsturzbewegungen auch bei uns Eingang zu verschaffen versuchen.»

Baumanns Parteigänger greifen zu ähnlich dramatischen Formulierungen. «Wir wollen freie Thurgauer sein und dulden keine Gewaltherrschaft», schreibt die Romanshorner «Bodensee-Zeitung», und gibt die Devise aus: «Vorwärts! Es lebe die Demokratie!»

Ein Wendepunkt in der Thurgauer Geschichte

Es ist dies der Höhepunkt eines exemplarischen Lebens und zeigt einen Wendepunkt in der Thurgauer Geschichte. Deshalb hat der in Basel lebende Historiker Werner Baumann auch eine Biografie von Ulrich Baumann geschrieben, der sein Urgrossvater war – und der sehr rasch nach seinem triumphalen Erfolg in der Psychiatrie verschwindet (siehe unten).

Ein Wendepunkt aber ist Baumanns Sieg – er gewinnt die Ständeratswahl mit 11'300 gegen 10'200 Stimmen bei sensationell hoher Stimmbeteiligung –, weil sich in ihm das Aufmucken einer doppelten Opposition gegen die freisinnige Vorherrschaft manifestiert: der linken Grütlianer, aus denen dann die Sozialdemokratie hervorgeht, und der Katholisch-Konservativen, die 1891 ihren ersten Sitz im Bundesrat erringen.

Sohn eines Bauern, der studiert und eine Gastwirtschaft eröffnet

Als Ulrich Baumann 1851 im Weiler Olmishausen in der Gemeinde Egnach geboren wird, steckt der Thurgau mitten in tiefgreifenden Veränderungen. Die Stickerei-Heimarbeit breitet sich aus, da und dort werden erste Fabriken gebaut, befördert durch die 1855 in Betrieb genommene Eisenbahnlinie Romanshorn-Winterthur. Arbon wächst zum Industriezentrum heran, die Landwirtschaft verlagert sich vom Getreidebau zur Viehzucht und im Osten zum Obstbau.

Politisch steht der Thurgau – 1803 erst vom Untertanengebiet der Eidgenossen zum selbstständigen Kanton geworden – im progressiven Lager. 1830 gibt er sich eine liberale Verfassung, sie bringt eine neue, mächtige Elite hervor, die aber schon bald als freisinniges «System» bekämpft wird.

Zu einem Wortführer dieser Opposition wird Ulrich Baumann, ein Mann mit ungewöhnlichem Lebenslauf: Sohn eines Bauern, der die Kantonsschule besucht und studiert, und danach nach Egnach zurückkehrt, woher er stammt. Der heiratet und eine Gastwirtschaft eröffnet, die auch zum politischen Schmelztiegel wird.

Gemeinderat, Bezirksrichter, Kantonsrat

Wohin es ihn zieht, das hat sich schon während des Studiums abgezeichnet. «Mit Vorliebe lag er sozialistischen & religiösen Problemen ob», heisst es in der Krankenakte. Konkret heisst das: Das Schicksal der Landbevölkerung und der Arbeiter liegt ihm am Herzen. Weshalb der Grütliverein Arbon ihn mit den Worten empfiehlt, Baumann sei «nicht als Aristokrat, sondern als strebsamer Mann des Volkes bekannt».

Strebsam ist er in der Tat: Bald zieht er in den Gemeinderat ein, wird Bezirksrichter und Kantonsrat. Trotzdem scheinen die Chancen gering, als er sich 1889 in den Ständeratswahlkampf wirft. Zwei Jahre zuvor hat er sich mit der «Thurgauer Zeitung» einen Schlagabtausch geliefert – und ist bei den Nationalratswahlen unterlegen. Jetzt fehlen seinem wichtigsten Gegner Johann Georg Leumann im zweiten Wahlgang nur gerade vier Stimmen zum Sieg.

In seiner dritten Session kann er nicht aufhören zu reden

Doch Baumann schafft das Unwahrscheinliche. Er ist ein fulminanter Redner. Ein rhetorisches Feuerwerk markiert denn auch seinen Absturz. Am 10. Dezember 1889, in seiner dritten Session, ergreift Ulrich Baumann zur Errichtung eines Landesmuseums das Wort – und kann buchstäblich nicht mehr aufhören zu reden, bis der Stände- ratspräsident die Sitzung schliesst. Tags darauf «sprach er wieder über die verschiedensten höchsten und tiefsten Fragen, oft hochbegeistert», beschreibt ein Chronist die Szene. Ein paar Tage später wird er in die Heil- und Pflegeanstalt St. Pirminsberg eingeliefert.

Quelle: Werner Baumann: Ein Mann des Volkes. Aufstieg und Fall des Thurgauer Politikers Ulrich Baumann, Chronos, 2018, 132 S., Fr. 32.90

Der Patient: Ulrich Baumann um 1900. (Bild aus: Werner Baumann, Ein Mann des Volkes, Chronos-Verlag)

Der Patient: Ulrich Baumann um 1900. (Bild aus: Werner Baumann, Ein Mann des Volkes, Chronos-Verlag)

In der Psychiatrie

Vieles deutet darauf hin, dass jene Endlos-Rede im Ständerat, die 1889 Ulrich Baumanns bundespolitische Karriere an ein abruptes Ende bringt (siehe oben), schon im Zeichen seiner Krankheit steht. Er habe in letzter Zeit kaum geschlafen, beschreibt der Hausarzt Johannes Fritschi im Fragebogen der St. Galler Klinik St. Pirminsberg den Zustand des von ihm eingelieferten Patienten. Statt sich zu entspannen, «hielt er in Vereinen Reden auf Reden über religiöse, politische, volkswirtschaftliche, militärische & soziale Fragen, endlich hatte er es gefunden, er werde die Menschheit erlösen & dann wie Christus am Kreuze sterben.»

Auch die Diagnose liefert Fritschi mit: Für ihn handelt es sich um progressive Paralyse, eine Spätfolge jener heute mit Penicillin heilbaren Syphilis, die er sich vermutlich 15 Jahre zuvor nach der Offiziersschule zugezogen hat. Sein Biograf Werner Baumann hält dies für schlüssig. Die progressive Paralyse, die sich in Hirnschwund und dem dadurch ausgelösten intellektuellen Abbau, Veränderung der Persönlichkeit und zunehmender Demenz zeigt, «wurde zur ‹Krankheit des Jahrhunderts›, an der ein Fünftel der Anstaltspatienten litten und starben». Im Jahr vor Baumann ist Friedrich Nietzsche eingeliefert worden, nachdem er in Turin einem Pferd um den Hals gefallen ist. Auch bei ihm zeigt sich die typische Kombination von Grössen- und Verfolgungswahn.

Von den letzten 15 Jahren seines Lebens verbringt Baumann gut die Hälfte in Irrenhäusern. Starke Schwankungen kennzeichnen seinen Zustand. «Beschäftigt sich in ideenflüchtiger Weise mit socialpolit. Dingen», vermerkt ein Krankenprotokoll aus St. Pirminsberg. Im März 1891 wird er «geheilt entlassen» – und stürzt sich sogleich wieder in die Politik. Allerdings beschränkt er sich auf seine Gemeinde Egnach, wo er sich vor allem für eine moderne Wasserversorgung einsetzt. Als Baumann 1898 deren Abrechnung nicht vorweisen kann, rastet er aus. Es wird klar: Seine Krankheit ist keineswegs geheilt, sie hat nur pausiert.

Diesmal kommt er nach Münsterlingen und bleibt hier bis zum Tod, der ihn 1904 mit 53 Jahren ereilt. Besuche holen ihn höchstens für kurze Zeit in die Realität zurück. Die Frau und fünf Kinder müssen auf eigenen Beinen stehen, das Restaurant und ein kleiner Bauernbetrieb sichern ihr Überleben. Der ältere Sohn wird Fabrikarbeiter bei Saurer in Arbon und glühender Sozialdemokrat. «Noch im Alter war er stolz auf seine Teilnahme am Generalstreik von 1918», erzählt Werner Baumann. Was dem Vater zweifellos gefallen hätte. (R.A.)

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