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Der Schrott, die Eindringlichkeit und das Zauberhafte

Zweites Frauenfelder Bücherfest: drei Tage Literatur in der Thurgauer Kantonshauptstadt.
Mathias Frei
Martin Walker im Rathaus. (Bild: Mathias Frei)

Martin Walker im Rathaus. (Bild: Mathias Frei)

Das sind sie gewesen, die Tage der offenen Leben. Das zweite Frauenfelder Bücherfest. Drei Tage, 15 Veranstaltungen, Schriftsteller, Musiker, Moderatoren und Verleger. Die Autoren haben Geschichten erfunden, geschrieben, in Frauenfeld vorgelesen, erzählt oder performt. Ihre Geschichten – und was dahinter steckt. Ihre Geschichten, ihre Leben. So wird Literatur komplett. Und wenn es auch nur der zaghafte Hinweis von Melinda Nadja Abonji zum Schluss ihres poetischen Stimmungsbilds ist, dass ihr neuer Roman «Schildkrötensoldat» ein Requiem sei auf alle jungen Männer, die ihr Leben im Militär verloren hätten. Die zwei Namen, die sie erwähnt, gehen halbwegs unter. Einer trägt den Vornamen Zoltán – wie ihr Protagonist in «Schildkrötensoldat».

Melinda Nadj Abonji in der Theaterwerkstatt Gleis 5. (Bild: Mathias Frei)

Melinda Nadj Abonji in der Theaterwerkstatt Gleis 5. (Bild: Mathias Frei)

Jurczok 1001 in der Theaterwerkstatt Gleis 5. (Bild: Mathias Frei)

Jurczok 1001 in der Theaterwerkstatt Gleis 5. (Bild: Mathias Frei)

Die Zürcher Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji und Beatboxer respektive Sänger Jurczok 1001 beschliessen den zweiten Festivaltag. Es ist wohl der eindringlichste Teil des Bücherfests. Zoltán «Zolti» Kertész in der Mitte und um ihn herum die Zwetschgenknödel, meist am Freitag, der Unfall, als Zolti seinem Vater vom Töff gefallen war, und später die die Zwangsrekrutierung in die Armee. Dort die von der Mutter erhoffte Mannwerdung, die Rosenkartoffeln mit Salz und Schweineschmalz, der unmögliche Auftrag der 756 Pfannkuchen innert einer Nacht. Wenn Melinda Nadj Abonji während des Lesens aufsieht, zieht sie ihre Augenbrauen hoch, und ihren Augen wirken traurig. Jurczoks live erzeugte Geräuschkulissen werden in der Fantasie zu Atemzügen und pochenden Herzen. Sie befehlen: Hört uns zu!

Michael Stauffer im "Kaff". (Bild: Mathias Frei)

Michael Stauffer im "Kaff". (Bild: Mathias Frei)

Lies’ mich! Diesem Befehl muss Stadtpräsident Anders Stokholm folgen. «Wenn ich Buchstaben sehe, muss ich sie lesen. Sie springen mich an», erzählt er an der Bücherfest-Eröffnung am Freitag. Es sind noch mehr Besucher ins Rathaus gekommen als bei der Auftaktveranstaltung des ersten Bücherfests vor zwei Jahren. Ausverkaufter Bürgersaal. Auf die Bühne spricht erst die Kulturwissenschafterin Christine Lötscher über das Genre der Regionalkrimis. Die Verortung macht es aus. Je lebendiger die Welt sei, die gebaut worden sei, desto verstörender der Bruch. Auf sie folgt der bekannte schottische Krimiautor, Journalist und Historiker Martin Walker. Ein charmanter Herr, der Rotwein trinkt und zum Schluss sogar noch ein Chanson von Jacques Brel zum Besten gibt. Aus seinem zehnten Roman über Bruno, «chef de police» aus St. Denis im Périgord, liest er am Schluss einen Abschnitt auf Englisch. Für die Lesung auf Deutsch aus «Revanche» ist der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart da. Walker erzählt vom Anruf seiner Frau, kurz bevor er im Oval Office den damals amtierenden US-Präsidenten Clinton interviewen konnte, von seinem Tennispartner in seiner zweiten Heimat Périgord, der als Vorbild für die Figur Bruno diente. «Er ist aber älter und dicker als Bruno.» Und dann ist da noch Walkers Hühnerstall. Sein Hahn heisst Sarkozy. «Zwischen Sarko und Henne Angela Merkel gibt es etwas Spezielles.» Seine weiteren Hühner heissen Hillary Clinton, Carla Bruni und Margret Thatcher. Auf das Geflügel folgt Michael Stauffer im «Kaff» als Abschluss des ersten Festivaltags. Er ist im Vergleich zu Walker der literarische Anarchist. Faule Leute müssen bei seinem aktuellen Buch «Jeden Tag das Universum begrüssen» nur die Kapitelzusammenfassungen lesen. Notfalls liest er ab und zu etwas Lustiges auf Mundart. Und ab und zu schlägt er seine Seiten beim Umblättern, als ob er verärgert wäre. Auf jeden Fall kommt er relativ schnell von seinem Plan ab, sagt er. Es ist auch recht heiss. Wer wundervolle phonetische Texte über Grün und Braun hören will oder eine Familie braucht mitsamt entsprechender Whatsapp-Gruppe, obwohl man keine Familie hat, für den ist Stauffer – Frauenfelder, der in Biel lebt – der richtige Mann.

Mariana Leky in der Theaterwerkstatt Gleis 5. (Bild: Mathias Frei)

Mariana Leky in der Theaterwerkstatt Gleis 5. (Bild: Mathias Frei)

Samstagnachmittag, kein freier Platz mehr bei Mariana Leky in der Theaterwerkstatt Gleis 5. Frauenfeld hat in den vergangenen drei Monaten ihren Roman «Was man von hier aus sehen kann» gelesen und diskutiert. Im Gespräch mit Tilman Strasser vom Literaturhaus Köln kommt heraus, dass Zusammenstoppeln Lekys Poetik ist, also das Zusammenführen von Dingen, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Bei einer anderen Lesung hat Strasser Lekys Roman gefühlt 97-mal als zauberhaft bezeichnet, dieses Wort hat er sich nun verboten. Lekys Eltern – ein Analyst und eine Gesprächstherapeutin – hatten ein Ferienhaus im Westerwald, wo Lekys Geschichte über ein Dorf und seine eigenwilligen Bewohner spielt. Bei Familie Leky sprach man nie über die Ferien oder den Teich im Garten, sondern nur über Menschen und ihre Probleme, auch im Zoo. Deshalb seien ihre Figuren «etwas schief ins Leben gebaut». Sie sagt: «Was andere für skurril halten, finde ich normal.»

Raoul Schrott im Rathaus. (Bild: Mathias Frei)

Raoul Schrott im Rathaus. (Bild: Mathias Frei)

Und dann ist da noch Raoul Schrott. Unglaublich und unterhaltend. Am frühen Samstagabend klappt er nur kurz sein knapp 850-seitiges «Erste Erde. Epos» auf, eine poetische Geschichte der Welt vom Urknall bis zum Menschen. Denn er ist ein wundervoller Erzähler, man hängt ihm an den Lippen, wie er Wissen und Wissenschaftsgeschichte erlebbar macht. Er erzählt von seiner Reise nach Nordwest-Kanada, um den Acasta-Gneis zu finden, das älteste Stück Land auf der Welt. 4,2 Milliarden Jahre altes Gestein in den Händen zu halten, «das war ein religiöses Gefühl». Der Schwarzbär kam am nächsten Tag, passiert ist nichts, «aber wir waren danach streichfähig». Zum Glück war da noch die Freundin des deutschen Terroristen/Pensionsbetreibers, sonst wäre Schrott dem Bücherfest verwehrt geblieben.

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