Der oberste Schulleiter der Deutschschweiz ist ein Thurgauer

Thomas Minder tritt im Sommer das Amt als oberster Schulleiter der Deutschschweiz an. Der Hinterthurgauer steht für eine Schule, welche die Kinder im Miteinander stärkt. Sorge bereiten teilweise die Eltern.

Ursula Ammann
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Thomas Minder - hier im Kindergarten - ist Schulleiter in Eschlikon. (Bild: Reto Martin)

Thomas Minder - hier im Kindergarten - ist Schulleiter in Eschlikon. (Bild: Reto Martin)

Wie eine Mischung aus Küche und Stube: So stellt sich Thomas Minder das ideale Schulzimmer vor. Wie eine Stube, weil diese ein Ort ist, der anheimelt und zum Verweilen einlädt. Wie eine Küche, weil dort alle um einen grossen Tisch sitzen – miteinander.

Die Sozialkompetenz der Kinder zu fördern, erachtet der Schulleiter denn auch als eine der wichtigsten Aufgaben, welche die Schule und das Elternhaus gemeinsam zu meistern haben. «Soziales Verhalten ist im Leben ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger als Mathe und Deutsch», sagt der 43-Jährige.

Die Kinder darin zu stärken, selbstbewusst durchs Leben zu schreiten, ohne die Bedürfnisse der anderen aus den Augen zu verlieren, ihnen nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern sie auch zum Handeln befähigen – das ist seine Vision von Schule.

Interessen auf nationaler Ebene vertreten

Mit der Schule beschäftigt sich der Wallenwiler schon sein ganzes Berufsleben lang. Ursprünglich hat er eine Ausbildung zum Sekundarlehrer gemacht. Seit elf Jahren leitet er die Volksschulgemeinde Eschlikon auf Stufe Kindergarten und Primarschule. Künftig muss er dort aber etwas kürzertreten, sein Pensum von 90 auf 50 Prozent reduzieren. Denn Anfang dieses Jahres wurde Thomas Minder zum obersten Schulleiter der Deutschschweiz gewählt.

Ab August präsidiert er den Verband Schweizer Schulleiterinnen und Schulleiter, der 2200 Mitglieder zählt. Sie auf nationaler Ebene zu repräsentieren, in verschiedenen Gremien ihre Interessen zu vertreten, das ist seine Aufgabe im neuen Amt. Aber auch innerhalb des Verbands steht Arbeit an.

Minder hat sich bereits Ziele gesteckt. Er möchte Dienstleistungen forcieren, die insbesondere den Schulen jener Kantone zugutekommen, die dafür wenig Ressourcen aufbringen können. Etwa für die Website-Gestaltung. Auch ist es ihm ein Anliegen, den Austausch zwischen den Mitgliedern zu fördern. Nicht zuletzt möchte er den Verband neu stärker positionieren. «Er soll als wichtiger Gesprächspartner in Sachen Bildung wahrgenommen werden», sagt Minder.

Wenn der Pausenstreit die Gerichte beschäftigt

An der Volksschulgemeinde Eschlikon hat sich Thomas Minder in den vergangenen Jahren unter anderem für das altersdurchmischte Lernen eingesetzt. Aber auch die Kompetenzorientierung war ihm immer wichtig – noch bevor der Lehrplan 21 aktuell wurde. Für dessen Umsetzung im Thurgau hat sich Minder an vorderster Front stark gemacht. «Der Lehrplan 21 ist nach vorne gerichtet», sagt er. In seinen Augen entwickelt sich die Schule damit in die richtige Richtung.

Es gibt aber auch Dinge im schulischen Umfeld, die der 43-Jährige mit Sorge beobachtet. «Eltern, die ihre Kinder auf einen Sockel stellen, alles nur noch an deren Wünschen ausrichten, sie aber damit überfordern», nennt er als Beispiel dafür. Nicht selten hat er erlebt, dass ein alltäglicher Pausenplatzstreit unter Kindern sogar ein juristisches Nachspiel hatte, weil die Eltern ihrem eigenen Kind bedingungslos glauben und für dieses den Konflikt austragen.

«Meist wäre der Streit für die Kinder selbst schon längst begraben», sagt der Schulleiter. Ein Kind loszulassen, sei manchmal schwierig, aber notwendig, sagt Minder, der selbst zwei Söhne und eine Tochter hat. Bei diesen sind ihm Eigenschaften wie Anstand, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft wichtig. «Sie sollen lernen, dass sich nicht alles nur um sie dreht und dass sie ihre Bedürfnisse auch mal hinten anstellen müssen.»

Früher galt ein preussischer Unterrichtsstil

Seine eigene Schulzeit hat Minder, der in Münchwilen aufgewachsen ist, positiv erlebt. Nicht wegen des preussischen Unterrichtsstils, der geprägt war von «still sitzen» und «nach vorne schauen», sondern wegen der Freundschaften, die ihm bis heute geblieben sind. Der Austausch mit Weggefährten ist dem Mitglied des FC Dussnang wichtig.

Auch zu ehemaligen Arbeitskollegen pflegt er noch regelmässigen Kontakt. Einst als Flugbegleiter tätig, war Thomas Minder nahe dran, «in der Airline-Branche zu landen», wie er selbst sagt. Der Thurgauer hat dann aber doch eine andere Richtung angesteuert – und begibt sich nun in seinem Amt als oberster Schulleiter der Deutschschweiz auf eine ganz neue Flughöhe.