Interview

Der Matzinger Philipp Stalder ist Schweizer Botschafter in Ghana – wie erlebte er die coronabedingte Rückholaktion vor Ort?

Vergangenen Mittwoch hob in Akkra, der Hauptstadt von Ghana, der letzte Repatriierungsflug Richtung Schweiz ab. Der Matzinger Philipp Stalder ist Botschafter in Ghana und berichtet von der Rückholaktion.

Rahel Haag
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Botschafter Philipp Stalder im Einsatz am Flughafen in Akkra, der Hauptstadt von Ghana.

Botschafter Philipp Stalder im Einsatz am Flughafen in Akkra, der Hauptstadt von Ghana.

Bild: PD

Sie sind in der Coronakrise sozusagen zum Seelsorger verunsicherter Schweizer Touristen geworden.

Philipp Stalder: «Seelsorger» ist wohl zu viel gesagt, aber mein Team und ich haben in den letzten Wochen diverse Anfragen und Telefonate zur Einschätzung der Lage und Ausreisemöglichkeiten beantwortet.

Wie viele Passagiere wurden am vergangenen Mittwoch in die Schweiz gebracht?

Die Maschine des Typs Embraer E190-E2 von Heveltic Airlines, die das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) gechartert hatte, brachte insgesamt 92 Passagiere aus Akkra (Ghana), Abidjan (Elfenbeinküste) und Quagadougou (Burkina Faso) nach Zürich. Interessant ist dabei, dass dieses Flugzeug erst Ende des vergangenen Jahres gekauft wurde und es sich entsprechend um eines der neuesten Flugzeuge im Besitz einer Schweizer Fluggesellschaft handelt.

Das Flugzeug steht auf dem Rollfeld in Ghana bereit.

Das Flugzeug steht auf dem Rollfeld in Ghana bereit.

Bild: PD

Wie viele Personen mussten seit Ausbruch der Krise insgesamt aus Ghana zurückgeführt werden?

Unser Repatriierungsflug war der letzte von 35 Sonderflügen, die vom EDA organisiert wurden, und der 7. Flug, der rückkehrwillige Personen aus Afrika in die Schweiz gebracht hat. Es war die grösste Rückholaktion der Schweiz, die damit vorerst zum Abschluss kommt. Zuvor konnten wir einzelne Schweizer in Ghana auf Repatriierungsflüge unserer europäischen Kollegen platzieren. Insgesamt haben wir 40 gestrandeten Schweizern aus Akkra geholfen, nach Hause zu kommen.

Anhand welcher Kriterien wird entschieden, wann welche Personen zurück in die Schweiz reisen können?

Gemäss den Vorgaben des EDA galt die erste Priorität gestrandeten Schweizer Durchreisenden sowie einzelnen Mitgliedern der rund 400-köpfigen Schweizer Kolonie, die gesundheitliche Beschwerden haben. Die restlichen Plätze gingen an Personen, die permanent in der Schweiz leben.

Die Passagiere vor dem Abflug von Ghana in die Schweiz.

Die Passagiere vor dem Abflug von Ghana in die Schweiz.

Bild: PD

Welches sind die Herausforderungen bei der Organisation eines solchen Repatriierungsflugs?

Es haben sich ganz viele praktische Fragen gestellt, angefangen bei der zentralen Frage der Einholung der Landegenehmigung, zur Bekanntmachung des Sonderflugs, der Zusammenstellung der Passagierliste bis hin zur Organisation des Empfangs der Schweizer Ausreisewilligen am Flughafen Akkra mit Dokumentenkontrolle sowie Einhaltung der Social-Distancing-Massnahmen und Gepäcklimite. Am Ende verlief alles wie am Schnürchen, und wir hatten keinen einzigen «no show». Die ghanaischen Behörden haben sich als sehr verlässliche Partner bei unserer Rückholaktion erwiesen, wofür ich meinem Gastland überaus dankbar bin.

Wie erleben Sie die Coronakrise in Ghana?

Beeindruckt hat mich in meinem Gastland das sorgfältig abgestufte Krisenmanagement der Regierung und die grösstenteils friedliche und disziplinierte Umsetzung der Massnahmen durch die Menschen. Derzeit zählen wir rund 2000 bestätigte Covid-19-Fälle. Wie alle Regierungen weltweit befindet sich auch die Führung Ghanas in einem schwierigen Spagat zwischen dem Bestreben, das Virus möglichst effizient einzudämmen, und der Sorge um das wirtschaftliche Überleben der Bevölkerung.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Zur Person

Philipp Stalder ist in Matzingen aufgewachsen. Genau am Tag des Sonderflugs, am 29. April, vor einem Jahr hat er seinen Botschafterposten in Ghana angetreten. «Ich vermisse das Forellenfischen und Motorradfahren im Thurgau», sagt der 50-Jährige, «aber vor allem meine Freunde und die Familie, die wegen der Krise seit mehreren Wochen in der Schweiz feststeckt.» Zugleich fühle er sich in Ghana aber wunderbar aufgehoben. Bei offiziellen Empfängen serviere er gerne Ostschweizer Wein. (rha)

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