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«Der Lehrerberuf soll mit einer Familie vereinbar sein»: Berufsverband verteidigt Teilzeit-Pensen

Dass einige Schulen kaum noch kleine Pensen vergeben, stösst auf Unverständnis. Für die Präsidentin des Verbands der Thurgauer Lehrer gibt es gute Gründe, die für Teilzeit sprechen.
Larissa Flammer
Zwei Lehrerinnen mit Schülern. (Bild: Andrea Stalder)

Zwei Lehrerinnen mit Schülern. (Bild: Andrea Stalder)

Ein Drittel aller Lehrkräfte in Thurgauer Primarschulen und Kindergärten arbeitet weniger als 50 Prozent. Ein weiteres Drittel weniger als 90 Prozent. Anne Varenne betont:

«Sie arbeiten nicht Teilzeit, weil sie keine Lust haben oder weil sie es sich leisten können.»

Die Präsidentin der Berufsorganisation Bildung Thurgau zählt zwei Hauptgründe auf, warum so viele Lehrpersonen im Thurgau – und auch schweizweit – nicht 100 Prozent arbeiten: Einerseits die Haus- und Familienarbeit, die vor allem Lehrerinnen übernehmen, andererseits beruflich bedingte gesundheitliche Probleme.

Teilzeitlehrer leisten mehr Überzeit

Vor einigen Tagen berichtete unsere Zeitung darüber, dass manche Schulen keine kleinen Teilzeitpensen mehr vergeben. Die Schulen Frauenfeld zum Beispiel streben an, dass jede Lehrperson mindestens ein 50-Prozent-Pensum hat.

Die Lehrer haben auf der einen Seite selber ein grosses Interesse daran, dass auf Kindergarten- und Primarstufe möglichst wenige Lehrpersonen für eine Klasse zuständig sind. Je weniger Bezugspersonen ein Kind hat, desto besser, erklärt Anne Varenne:

«Denn ein Kind lernt in erster Linie für seine Lehrerin.»

Auf der anderen Seite kann die heutige Schule ohne Teilzeitlehrpersonen gar nicht mehr funktionieren. Gemäss verschiedenen Studien würden Teilzeitlehrer mehr Überzeit leisten als Vollzeitlehrer, so Varenne. «Davon profitieren die Schulen.»

Anne Varenne, Präsidentin Bildung Thurgau. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Anne Varenne, Präsidentin Bildung Thurgau. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Auch der Verband Bildung Thurgau setzt sich für Teilzeit ein. Die Präsidentin sagt: «Ich bin auch nicht für mehrere 10- oder 20-Prozent-Pensen an einer Schule. Aber 40 Prozent muss möglich sein.» Im Thurgau sind Dreiviertel der Lehrpersonen an obligatorischen Schulen weiblich. Frauen reduzieren ihr Pensum vor allem wegen der Haus- und Familienarbeit. Varenne wirft die Frage auf:

«Will die Gesellschaft wirklich Lehrerinnen mit einer teuren Ausbildung, die 15 Jahre lang ihren Beruf gar nicht mehr ausüben können?»

Der Staat spare zudem Milliarden durch die Gratisarbeit vieler Frauen: zum Beispiel durch die Pflege der Eltern und Schwiegereltern im Alter. «Der Lehrerberuf soll mit einer Familie vereinbar sein», fordert Varenne.

Lehrer müssen jederzeit sofort auf alles reagieren

Jede fünfte Lehrperson reduziert ihr Pensum aus beruflich bedingten Gesundheitsproblemen. Das zeigt eine schweizweite Studie auf. Anne Varenne sagt:

«Für die Kinder ist es besser, wenn Lehrpersonen ihr Pensum reduzieren, als wenn sie gesundheitlich angeschlagen weiterarbeiten.»

Mehrere Stunden pro Tag von 20 bis 25 Kindern umgeben zu sein, die ständig nach Aufmerksamkeit verlangen, sei «sehr sehr anspruchsvoll». Man müsse jederzeit voll präsent sein und sofort auf alles reagieren, sonst habe ganz schnell jemand anders das Sagen im Schulzimmer.

Nicht von allen Angestellten an einer Schule wird ein hohes Arbeitspensum gefordert. Die Verbandspräsidentin weist in diesem Zusammenhang auf die Schulischen Heilpädagogen hin: «Ihnen wurden die Pensen gekürzt, um stattdessen mehr günstigere Assistenzpersonen anzustellen.» Aus diesem Grund könnten Schulische Heilpädagogen heute zum Teil nur noch 20, 30 oder 40 Prozent in einer Schulgemeinde arbeiten. Anne Varenne sagt: «Wir finden, dass auch sie das Anrecht darauf haben, 100 Prozent zu arbeiten – wenn sie dies wollen.»

Im Wochenbett auf Stellensuche

Ein Beispiel aus der Praxis liefert X.Y.*. Die Kindergärtnerin wurde vergangenen Sommer schwanger und wusste, dass ihr Schulleiter kein Job-Sharing will. Trotzdem habe sie das Gespräch gesucht, weil sie nach dem Mutterschaftsurlaub gerne Teilzeit arbeiten würde. «Damit bin ich aber auf kein Gehör gestossen.» Ihr wurde angeboten, als Unterrichtshilfe weiterzuarbeiten. Damit hätte sie aber weniger verdient und ausserdem einen Job angenommen, für den sie überqualifiziert wäre. «Ich wollte das Angebot schon nur deshalb nicht annehmen, weil es nicht fair ist.» Das sei aber nur möglich gewesen, weil sie nicht unbedingt darauf angewiesen sei, sofort wieder ins Arbeitsleben zurückzukehren.

Vor wenigen Tagen hat Frau Y. ihr Kind zur Welt gebracht. Hochschwanger und sogar vom Wochenbett im Spital aus musste sie sich um ihre Bewerbungen kümmern, weil die Stellen für nächsten August genau zwischen Februar und April vergeben werden. In ihrer bisherigen Schulgemeinde habe man ihr gesagt, dass sie entweder das Angebot als Unterrichtshilfe annehmen oder kündigen soll. «Ich hätte mich auch weigern können, dann wäre mir gekündigt worden. Das sähe im Lebenslauf aber nicht so gut aus.» Zum ehemaligen Schulleiter hat die Kindergärtnerin eigentlich eine gute Beziehung: «Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass er mich loswerden möchte.» Er habe mit dem Mehraufwand argumentiert, den Angestellte mit tiefen Pensen mit sich bringen. «Das verstehe ich auch», sagt Frau Y.

Trotzdem findet sie es nicht fair, dass Lehrpersonen in ihrer Situation alleingelassen werden und sie selber während der Schwangerschaft einen neuen Job suchen musste. Schulen seien ja auf Kinder angewiesen. Wenn aber Lehrpersonen selber Kinder kriegen, führe das zu Problemen. «Das ist doch paradox.» 30 bis 40 Prozent möchte die Kindergärtnerin im Herbst gerne wieder arbeiten. Sie sagt: «Es gibt schon offene Teilzeitstellen, aber nicht in allen Schulgemeinden.» Fündig geworden ist sie noch nicht, mehrere Bewerbungen sind aber noch offen.

* Name der Redaktion bekannt

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